Kreuzberg in Bild und Zeit

20. Feb 2008 | von Sören S. Sgries | Kategorie: Politisches Buch

Cover_SO36_web.jpg Zwei fotografische Reisen durch einen Stadtteil: 1982 und 2006 besuchte Peter Frischmuth das Berliner Kreuzberg. Im direkten Vergleich lassen sich große Veränderungen, aber auch erstaunliche Kontinuitäten beobachten. Von Sören Sgries

Mit dem ersten Klassenfoto fängt es an, später kommen Personalausweis und Führerschein hinzu – alte Fotos verfolgen uns ein Leben lang. Der Zahn der Zeit, aktuelle Moden und persönliche Geschmacksverirrungen hinterlassen deutliche Spuren. Der Mensch in Zeiten der Fotografie ist ein gut dokumentiertes Phänomen. Anders sieht es da bei Städten aus. Auch diese leben, das Alter reißt Löcher, die die Moderne schnell durch Neues füllt, die fotografische Dokumentation bleibt jedoch zu oft dem Zufall überlassen. Anders erging es Berlin-Kreuzberg.



Entdeckungen im Schatten der Mauer

Einer Examensarbeit ist es zu verdanken, dass Peter Frischmuth 1982 nach Berlin kam. Für die Fachhochschule Dortmund näherte er sich fotografisch dem Stadtteil Kreuzberg. Der „Postzustellbezirk SüdOst36“, der kleinere, östliche Teil Kreuzbergs, wurde durch den Mauerbau von einem zentralen Stadtteil zum Randbezirk. Statt lebendigem Austausch mit dem Osten schränkte jetzt die innerdeutsche Grenze die Bewegungsfreiheit der Bewohner ein. Im Bezirk mit der besonderen alternativen Kultur dokumentierte Frischmuth „die Architektur der Gründerzeit, die Menschen im ‚Kiez’ und das Zusammenleben der verschiedenen Kulturen“. 25 Jahre später kehrte er an die Orte seiner Examensarbeit zurück, suchte die gleichen Plätze, Perspektiven, Personen und Situationen noch einmal. Das Ergebnis ist ein Bildband voller aufschlussreicher Bildpaare. Berlin Kreuzberg SO36 dokumentiert Momente eines Stadtlebens und erlaubt den Vergleich. Der Wandel wird greifbar.

Das Kreuzberg der Mauer…

SO36_KoepenickerStr1982_web.jpgDer erste Eindruck, den Frischmuth von Berlin bekam, war der Grenzstreifen, „ein helles Band aus grellem Scheinwerferlicht, das die Stadt zerschnitt.“ Als Jugendlicher erlebte der Westdeutsche beim Blick aus dem Flugzeug erstmals Berlin als geteilte Stadt. Auch in seinen Fotos einige Jahre später sind es zunächst die Einflüsse der Mauer auf das Stadtbild, die ins Auge springen. Direkt vor dem Hauseingang ragen die über drei Meter hohen Betonelemente in den Himmel, Straßen und Plätze werden zerschnitten, Wachtürme ragen ins Stadtbild. Die Unterschiede zum heutigen Kreuzberg, nach dem Mauerfall, fallen deutlich ins Auge.

SO36_KoepenickerStr2006_web.jpgMit welcher Sorgfalt Peter Frischmuth seine Motive gewählt und Details herausgearbeitet hat, zeigt sich oft erst beim genaueren Studium der Fotos. Beispiel Köpenicker Straße (siehe Fotos): 1982 zeigt die Aufnahme ein “Durchfahrt verboten”-Schild auf einem leeren Asphaltplatz; die Mauer und eine Tafel mit der Aufschrift „You are leaving the American Sector“ lassen keinen Zweifel daran, dass es kein Durchkommen gibt. Hier ist das tote Ende Kreuzbergs, auch wenn Mauermalereien verzweifelt versuchen, ein wenig Farbe ins triste Grau zu bringen.

Die Situation 2006: Auf der Köpenicker Straße fließt der Verkehr, nur verschwommen erfasst die Kamera die Fahrzeuge, die jetzt dort entlang rasen, wo sie früher an der Mauer zerschellt wären. Anstelle des alten Schildes dominieren ein Pfeil und eine grüne Ampel den Vordergrund. Faszinierend: Statt der offiziellen Tafel zur Sektorengrenze ist der einzige Text im modernen Bild der plakative Schriftzug an einer weit entfernten Hauswand. „Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern sondern zwischen Oben und Unten“, das ist das neue Lebensgefühl.

… und der Menschen

SO36_SkalitzerStr1982.jpgNeben der Dokumentation der augenfälligen Veränderungen, die mit dem Mauerfall einhergingen, hat der Bildband jedoch seine Stärken gerade dort, wo er Kontinuitäten aufzeigt. Ganze Straßenzüge haben sich in den vergangenen 25 Jahren kaum verändert, lediglich parkende Autos geben deutliche Hinweise auf eine neue Zeit, während die gleichen U-Bahnen wie damals die Straße überqueren. SO36_SkalitzerStr2006.jpgTürschilder und Balkone zeigen, dass noch immer die gleichen Mietparteien im Stadtteil wohnen. Geblieben ist auch das multikulturelle Flair. Noch heute gehen Kinder in die Koranschule der Merkez-Moschee an der Wiener Straße, im gleichen Fenster wie in den 80ern kann man den Dönerspieß beobachten. Das hat Charme, wirft aber auch Fragen zur Integrationsdebatte auf.

Doch der Bildband weckt Zweifel, ob Veränderung überhaupt erwünscht ist. Wenn das frühere „Blumenhaus“ zum modernen „Breakfast Club“ wird (siehe Fotos), lässt sich das ertragen. Wenn aber dort, wo früher der „Türk Discount“ mit frischen Obst-Auslagen lockte, heute die vergitterten Fenster eines Wettbüros sind, schreckt das ab. Amüsiert betrachtet man dagegen das schicke Restaurant „Semi Lasso“, wenn man weiß, dass hier früher die muffige „Pückler-Eck“-Kneipe war. Ebenso ergeht es einem bei der Imbissbude im ehemaligen Toilettenhäuschen an der Oberbaumstraße.

Leise Blicke ins Leben

In Berlin Kreuzberg SO36 gelingt es Peter Frischmuth, ein buntes Bild des Stadtteils zu zeigen. Historisches findet hier ebenso seinen Platz wie Alltägliches. Die Stadt aus Häusern und Straßen findet ebenso ihren Platz wie die Menschen, die Kreuzberg Leben einhauchen. Nüchtern hält der Fotograf die einzelnen Szenen fest, Effekthascherei ist nicht sein Stil. Stattdessen überzeugt er in Einzelbildern durch genial beobachtete Details, vor allem aber durch den Gesamteindruck des Stadtteils, der sich allmählich in der Menge aller Bilder abzeichnet. Zunächst unscheinbare, vielleicht gar enttäuschende Aufnahmen gewinnen im Zusammenspiel an Bedeutung. Dieser Bildband tritt leise auf, verdient aber Aufmerksamkeit.

Frischmuth, Peter,

Berlin Kreuzberg SO36

(2007), Berlin, Berlin Story Verlag,

128 Seiten, ISBN 978-3-929829-68-6, 19,80 Euro


Weiterführende Links:

Ausführliche Dokumentation zur Berliner Mauer mit Verlaufskarten

Homepage zum Buch mit kleiner Bildergalerie


Weitere Bilder und Fotografien im Fotoblog


Die Bildrechte liegen bei Peter Frischmuth (Köpenicker Straße 1982/2006, Skalitzer Straße 1982/2006).

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3 Kommentare
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  1. Warum sind die Berliner immer so Schlägerhaft drauf die meinen auch alle die können sich alles erlauben wo das auch nur normale Leute sind so wie jeder Mensch

  2. Naiin Das war nur ein SpazZ… BerLin ist mit Sicherheit richtig geil oder Niid…… Izh würde mizh Freuen wenn izh auch mal nach BerLin Fahren könnte…..

  3. Lea, eine Kommentar-Funktion ist doch was tolles. Aber warum musst Du denn so einen Quatsch hinterlassen? Hast Du denn den Text überhaupt gelesen? Also, sofern Du dazu in der Lage bist…

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