Kontroversen zur preußischen Geschichte

Cover_Boedecker1.jpg1947 lösten die alliierten Siegermächte Preußen als Hort des deutschen Militarismus auf. In der Geschichtsforschung ist Preußens Rolle umstritten. Ehrhardt Bödecker hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Leistungen des Hohenzollernstaats hervorzuheben. Von Andreas Morgenstern

Preußen fasziniert seit jeher die Historiker. Der schon fast kometenhaften Aufstieg dieses einst selbst innerhalb Deutschlands kaum bedeutenden Landes zu einer europäischen Großmacht und zum Motor der Reichseinigung ließ schon im 19. Jahrhundert große geschichtliche Darstellungen erscheinen, wie wir noch heute an den Werken von Historikern wie Heinrich von Treitschke und Leopold von Ranke ersehen können.

Der so entstandene Preußenmythos wurde jedoch nach der Machtergreifung von den Nationalsozialisten missbraucht. Sie stellten sich in Preußens Tradition, wie der Handschlag des greisen Reichspräsidenten und preußisch-deutschen Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg mit Adolf Hitler symbolisierte. Für die alliierten Siegermächte diente dies dazu, 1947 den Staat Preußen, „der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland“ gewesen sei, für die „Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit der Völker“ aufzulösen.

Nach der deutschen Wiedervereinigung geisterte der Name Preußen wieder verstärkt durch die Schlagzeilen. Medialen Widerhall fand dabei sowohl die Umbettung der Preußenkönige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. (der Große) nach Potsdam 1991, dem sogar Bundeskanzler Helmut Kohl beiwohnte, als auch 2002 der Vorschlag des damaligen brandenburgischen Sozialministers Alwin Ziel, nach einer Fusion mit Berlin das neue Bundesland Preußen zu nennen.

So mag Preußen an sich Geschichte sein, aber im öffentlichen Fokus bewahrt es seinen Platz. Interessant ist dies auch deshalb, weil in der bundesrepublikanischen Geschichtsforschung jahrzehntelang ein Mainstream geherrscht hatte, der Preußen auf Militarismus und Obrigkeitsstaatlichkeit reduzierte, während beispielsweise die Aufklärung oder das im Ausgang des 18. Jahrhunderts geschaffene fortschrittliche Allgemeine Landrecht kaum Würdigung erfuhren.

Preußen anders betrachtet

Stürme einer Preußenbegeisterung sind inzwischen selten geworden, doch es gibt sie noch, wie das inzwischen in der dritten Auflage vorliegende Werk des Juristen und Historikers Ehrhardt Bödeckers Preußen und die Wurzeln des Erfolgs beweist. Der Autor, ein ehemaliger Privatbankier und Betreiber des nicht unumstrittenen Brandenburg-Preußen-Museums in Wustrau, ist ein überzeugter Preuße. Er verknüpft seine Thesen mit leichter Hand, wodurch das Buch gut lesbar ist. Dabei wendet sich Bödecker bereits in seinem einleitenden Kapitel gegen die „politisch gewollte Herabsetzung des gesamten Staates“. Entsprechend gestaltet sich der Band auch trotz des sichtbar umfassenden Wissens seines Verfassers als eine Art Bekenntnisschrift.

In zwölf jeweils thematisch abgeschlossenen Kapiteln blickt der Autor auf verschiedene historische Aspekte, wie „Preußen und der Adel“, „Preußen und die Aufklärung“, „Preußen und die deutsche Einheit“ und „Preußen und der Militarismus“. Ohne den Anspruch einer Gesamtdarstellung zu erheben, deckt Bödecker so die wichtigsten Geschichtsfelder seit dem 18. Jahrhundert ab. Allerdings fällt auf, dass er auf eine eingehende Behandlung der bedeutenden stein-hardenbergischen Staatsreformen verzichtet.

Einseitige Darstellung

Bödecker neigt zu einer einseitigen Blickweise. Preußen wird als Hort der Toleranz gepriesen. Über Gegenbeispiele, wie die Repressionen gegen diejenigen Lutheraner, die sich der 1819 neu gegründeten Kirchenunion nicht anschließen wollten und aus dem Land getrieben wurden, schweigt sich der Autor aus. Als charakteristisch für Bödeckers Rechtfertigungsdrang sei die Beschreibung des denkwürdigsten rechtsstaatlichen Sündenfalls der brandenburgisch-preußischen Rechtsgeschichte des 18. Jahrhunderts genannt: 1730 setzte König Friedrich Wilhelm I. die Hinrichtung Hans Hermann Kattes wegen Hochverrats entgegen des Urteils eines Militärgerichts durch, da jener einen Fluchtversuch des Kronprinzen Friedrich aus dem königlichen Lager unterstützt hatte. Für Bödecker war das aber kein Zeichen von Willkür, sondern zeigte das persönliche Gerechtigkeitsempfinden des Regenten. Keine Rede davon, dass es sich doch um einen zu harten und durch den allgemeinen Rechtsgebrauch kaum zu rechtfertigenden Eingriff handelte. Bödecker verklärt den Vorgang hingegen zur „Staatsräson“. Unter weniger klugen und umsichtigen Herrscherpersönlichkeiten als Friedrich II. konnte solches Verhalten fatale Konsequenzen bedeuten.

Bödecker hinterfragt nicht, warum es Preußen nie gelang, eine attraktive Staatsidee in Deutschland zu verbreiten, weshalb es im Ernstfall, wie dem Deutschen Krieg 1866, allein stand. Über solche strukturellen Schwächen des Hohenzollernstaats geht der Autor aber hinweg und beschreibt stattdessen staatliche Erfolge, wie das fortschrittliche Bildungssystem. Darin ist der Wert seiner Arbeit zu sehen – er räumt mit der Dämonisierung Preußens auf. Aber auch da baut er einen Popanz auf, ist dieser Negativstereotyp doch inzwischen längst einem differenzierteren Bild gewichen. So kommt Bödeckers Band sicherlich 20 bis 30 Jahre zu spät, um als Basis einer weitergehenden Diskussion dienen zu können.

Viele ungeklärte Fragen

Verwirrend wirken Bödeckers unterschiedliche Datierungen von Preußens Ende. Neben dem Jahr 1947 führt er hierfür das Ende der Hohenzollernmonarchie 1918 an. Gleichzeitig betont er aber die Kontinuität und Kraft der preußischen Verwaltung in den 1920er Jahren, die auch nach der Abdankung des Kaisers weiter gewirkt habe und durch das alliierte Urteil mit diskreditiert worden sei. Es drängt sich der Eindruck auf, dass dies jeweils dem gerade geltenden Argumentationsstrang des Autors angepasst ist. Den beklagten Schwächen der Weimarer Republik stellt er die Effizienz des Hohenzollernstaats gegenüber.

Nicht überzeugen kann schließlich Bödeckers These für den Erfolg des beklagten alliierten „Erinnerungsverbots“. So wandte sich kaum ein ehemaliger preußischer Staatsbürger in den Jahrzehnten nach 1947 gegen die Auflösung Preußens. Lagen die Gründe tatsächlich in der angeprangerten Dominanz der Achtundsechziger und „Sozialisten“? Nicht diskutiert wird hingegen, dass die Stammregionen Preußens hinter dem Eisernen Vorhang verschwanden und Sehnsucht nach Preußen nicht zur Westintegration passte, mithin dem Willen der bundesrepublikanischen Bevölkerung widersprach. Gleiches gilt für die verbreitete These, der Hohenzollernstaat habe gerade durch seinen Erfolg sein originäres Preußentum verloren, während sich die Menschen in anderen Reichsteilen eben auch durch ihre Abgrenzung von der Führungsmacht ein Eigenständigkeitsgefühl bewahrten.

Mehr Fragen als Antworten

Der Band hinterlässt mehr Fragen als er beantwortet. Diese einseitige Rechtfertigung alles Preußischen überzeugt nicht. Einer von Bödecker bezeugten „Einäugigkeit“ der Historikerzunft kann er keine überzeugende Alternative gegenüber stellen. Preußen, dem Nukleus der Reichseinigung, bleibt seine Janusköpfigkeit so auch weiterhin erhalten.

Bödecker, Ehrhardt,

Preußen und die Wurzeln des Erfolgs,

3. Auflage (2007), München, Olzog Verlag,

373 S., ISBN 978-3-7892-8176-1, 22 Euro


Die Bildrechte liegen bei Ehrhardt Bödecker (Portrait) und beim Olzog Verlag (Buchcover)


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