K wie Klolektüre

Warum Medien und Politik untrennbar miteinander verknüpft sind. Wie ein Frühstück eine ganze Branche prägte. Und warum der Begriff „Klolektüre“ durchaus eine Auszeichnung für ein Buch sein kann. Von Lennart Faix

„Medien- und kommunikationspolitisches Wissen ist für die Gestaltung demokratischer Prozesse im 21. Jahrhundert fundamental“, so der Einleitungssatz zu Grundlagen der Medienpolitk. Ein Handbuch, herausgegeben von dem Journalisten Lutz Hachmeister. Längst sind Medien und Politik durch eine Art systematischen Gütertausch eng miteinander verzahnt: Aufmerksamkeit gegen Nachrichten, Informationen gegen Öffentlichkeit. Grundlagen der Medienpolitik versucht das komplexe Sachgebiet „Medienpolitik“ zu erfassen und zu beleuchten. Eine Lücke will man schließen, ein „allgemein anerkanntes Grundlagenwerk“ liefern, so der Anspruch des Buches an sich selbst. Dem wird das Werk zwar nicht gerecht, trotzdem ist es gelungen.

I wie Inhaltsverzeichnis

Das Cover ist schlicht gehalten, doch in seinem Inneren entfaltet sich ein buntes Gemisch. Insgesamt 75 Artikel von über 80 Autoren kreisen um die Schnittstelle von Medien und Politik. Das Buch versucht erst gar nicht, das bearbeitete Sachgebiet zu untergliedern oder vollständig abzudecken. Stattdessen finden sich dort kurzweilige, meist nicht mehr als fünf Seiten lange Beiträge zu alphabetisch sortierten Stichwörtern. Im Inhaltsverzeichnis tummeln sich bedeutende Medienmacher neben Theoretikern, Machthaber neben Medienorganisationen. Luhmann neben Lenin, Google neben Goebbels. CNN und BBC, Rupert Murdoch, Leo Kirch. Neben einigen ausgewählten Länderberichten wird die Liste durch wichtige Grundbegriffe ergänzt: Von A wie Affären bis Z wie Zensur, von Datenschutz bis Propaganda, Fernsehen und Kino, Internet und Intellektuelle.

F wie Frühstück

Ein Highlight ist hierbei der Beitrag über einen Mann, der die Branche der Public Relations revolutionierte: Edward Bernays. Der österreichisch-amerikanische Presseagent verkaufte keine Produkte, er änderte die Verhaltensweisen der Kundschaft. Für einen großen Hersteller von Schinken, der mit sinkenden Absatzahlen zu kämpfen hatte, erfand er einst bacon&eggs. Bis dahin frühstückte der gewöhnliche US-Bürger Toast und Saft, Bernays änderte diese Gewohnheiten. Er startete eine kleine Unfrage unter Ärzten, ob diese ein deftiges Frühstück einem leichten vorzögen. Die deftige Variante gewann, das Ergebnis wurde in Zeitungen gedruckt und beeinflusste schließlich durch die mediale Verbreitung die morgendlichen Ernährungsgewohnheiten der amerikanischen Bevölkerung.

Bernays wurde 1891 in Wien geboren und war ein Neffe Sigmund Freuds. Dessen Befund, das menschliche Handeln werde durch unbewusste Kräfte gelenkt, faszinierte Bernays. Er beschloss, Methoden zu entwickeln, um diese Kräfte anzusprechen und im Sinne seiner Auftraggeber nutzbar zu machen. Methoden, die alsbald auch in der Politik Verwendung fanden. Calvin Coolidge galt seinerzeit als blasser und langweiliger US-Präsident. Für die Zeitungen inszenierte Bernays eine Party mit drei Dutzend Hollywood-Stars. Coolidge profilierte sich dort als Gastgeber mit Entertainer-Qualitäten, sein Image war aufpoliert. Bernays gilt heute als ein wichtiger Motor zur Professionalisierung der Public Relations, einer der schon früh politische Motive mit Öffentlichkeitsarbeit verknüpfte.

B wie Berlusconi

Wie eng Medien und Politik heutzutage zusammenarbeiten, zeigt das Beispiel Silvio Berlusconis, dem ebenfalls ein Beitrag gewidmet ist. Der derzeitige italienische Ministerpräsident nutzte seinen Medienkonzern, um seinen Einfluss zu mehren und schließlich zur Erlangung der Macht. Kaum im Amt nutzte er seine politische Macht, um seinem Medienkonzern günstigere gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen. „Die Berlusconische Formel“ wird genannt, was weltweit wohl auf viele Politiker zutrifft: „Geld + Medienherrschaft + Berühmtheit = politische Macht“. Wie viele andere Beiträge steht auch dieser Artikel stellvertretend für viele Fallbeispiele, die im vorliegenden Handbuch nicht aufgeführt sind. Das Programm des Werks ist also eher abzustecken statt abzudecken.

N wie Nachschlagewerk

Wollte man das gesamte Feld der Medienpolitik widerspiegeln, so wären hier sicherlich thematische Untergliederungen und eine allgemeiner gehaltene Perspektive geboten. Grundlagen der Medienpolitik ist dennoch ein gelungenes Werk, gerade weil es an diesem hohen Anspruch vorbeizielt. Denn das Spezifische und Lebendige der Anekdoten sowie die alphabetische und somit nahezu zufällige Anordnung der Beiträge macht das Buch zu einem echten Nachschlagewerk im eigentlichen Sinne.

Daher kann man es durchaus als Auszeichnung verstehen, sollte sich ein medien-interessierter Leser das Handbuch auf die Toilette legen. Nach und nach kann er hier nach Belieben schmökern, ohne den Zwang der Linearität und ohne die Hypothek eines Anspruchs auf Vollständigkeit. Im weiten Feld der Medienpolitik kann er so einzelne Punkte abstecken, Zusammenhänge zwischen diesen Punkten ziehen und dadurch Schritt für Schritt zu einem eigenen Verständnis gelangen. Zur Vertiefung werden nach jedem Kapitel ausgewählte Literaturtipps angeboten. Grundlagen der Medienpolitik ist daher nicht das Standardwerk schlechthin, liefert aber eine fundierte Wissensbasis. Nicht zuletzt ist es dabei ein anspruchsvoller und zuweilen amüsanter Zeitvertreib.

Hachmeister, Lutz:
Grundlagen der Medienpolitik. Ein Handbuch,
(2008), München, DVA Verlag,
448 Seiten, ISBN: 978-3-421-04297-2, 29,90 Euro.


Die Bildrechte liegen beim Verlag Random House (Buchcover).


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Dossier Medientreffpunkt Mitteldeutschland

Kommunikation im Wandel

Pressefreiheit in Russland – Springer vor dem Aus?

Ein Kommentar auf “K wie Klolektüre

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.