Intimes aus Zeiten des Krieges

Im Alter von 27 Jahren wurde die vietnamesische Ärztin Dang Thuy Tram in Zentralvietnam von amerikanischen Soldaten getötet. Ihre 2005 veröffentlichten Tagebucheintragungen machten sie im Nachhinein zur Volksheldin und zeigen den Vietnam-Krieg aus der Sicht einfacher Soldaten und Zivilisten. Von Sarah Kringe

Als der amerikanische Soldat Fred Whitehurst 1972 beschloss, die Tagebücher einer jungen vietnamesischen Ärztin nicht wie andere Beutedokumente zu verbrennen, sondern mit nach Hause zu nehmen, war er bereits von ihnen fasziniert. Sein Dolmetscher hatte ihm Auszüge aus diesen Blättern vorgelesen, die Whitehurst tief bewegten und ihn dazu brachten, alle Vorschriften zu übergehen und die Tagebücher zu retten. Doch erst 2005 fasste sich der Vietnam-Veteran ein Herz und übergab Dang Thuy Trams Aufzeichnungen ihrer Familie und damit einer breiten Öffentlichkeit. Die Wirkung, die die Tagebücher der jungen Ärztin in Vietnam und im Ausland erzielten, war durchschlagend, und machte Dang Thuy Tram rund 30 Jahre nach ihrem Tod in den Bergen Zentralvietnams zur Volksheldin.

Begeisterung für „Onkel“ Ho Chi Minh

Mit 24 Jahren, direkt nach ihrem Abschluss an der medizinischen Hochschule in Hanoi, meldet sich die aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammende Dang Thuy Tram freiwillig für den Kriegsdienst. Man versetzt sie in die Provinz Quang Ngai im Herzen Vietnams, wo sie Leiterin einer zivilen Klinik wird. Tatsächlich kümmert sich Dang Thuy Tram jedoch hauptsächlich um verwundete Soldaten und Guerillas, da die Provinz seit jeher als Hochburg der Revolutionäre gilt. Hier verüben die Amerikaner 1968 das als My Lai-Massaker bekannte Kriegsverbrechen.
Die Nordvietnamesin Dang Thuy Tram ist mit der Revolution aufgewachsen und glühende Kommunistin. Sie bemüht sich lange um eine Aufnahme in den Parteikader und kommentiert Ho Chi Minhs Tod: „Onkel des Volkes von Vietnam (…), du sollst wissen, dass du niemals sterben wirst, dein Name und deine Mission leben ewig weiter!“ Das Kriegsgebiet Quang Ngai, in das sich die junge Ärztin freiwillig begeben hat, weil sie an die Ideale der Kommunistischen Partei glaubte, hat sie nicht wieder verlassen. 1970 wird Dang Thuy Tram an der Seite eines nordvietnamesischen Soldaten im Dschungel erschossen.

Der Alltag der Ärztin

Ihr Tagebuch, das nun auf Deutsch unter dem Titel Letzte Nacht träumte ich vom Frieden erschienen ist, besticht vor allem durch die Art und Weise, wie Dang Thuy Tram ihre Erlebnisse schildert. Dabei berichtet sie nicht nur vom harten Kriegsalltag in einer der am heftigsten umkämpften Provinzen Vietnams, sondern auch von den ganz privaten Gefühlen, den Zweifeln und Ängsten, die sie quälen. Damit zeichnet sie unbewusst ein Bild von sich als einer jungen, nach außen hin selbstsicheren und gebildeten Ärztin, die jedoch Mühe hat, die Geschehnisse um sie herum, den Tod von Patienten und Freunden, emotional zu verarbeiten. Sie vertraut ihrem Tagebuch sehr private Dinge an, wie die Sorge um den Mann, den sie liebt (und der in ihren Aufzeichnungen nur als geheimnisvoller „M.“ auftaucht).
Manch westlichem Leser mag es allerdings schwer fallen, bei der Fülle vietnamesischer Namen und vor allem Kosenamen, den Überblick zu behalten. Dang Thuy Tram hat für jeden ihr lieben Menschen mehrere Bezeichnungen, die sich stark ähneln und alle einen verwandtschaftlichen Grad bezeichnen, auch wenn keine Blutsverwandtschaft vorliegt.

Wenig historische Fakten, viele authentische Eindrücke

Grausame oder blutige Schilderungen wird man bei Dang Thuy Tram vergebens suchen, das Entsetzen des Krieges liest sich eher zwischen den Zeilen. Ihre Aufzeichnungen beschränken sich hauptsächlich auf die Begebenheiten um sie und ihre kleine Klinik herum, die bis kurz vor Trams Tod dem Bombardement der amerikanischen Truppen entgehen konnte.

Aus diesem Grund vermittelt das Buch wenig Informationen über den Vietnamkrieg, die geschichtlichen Fakten sind dünn gesät. Durch unzählige Fußnoten soll dies ausgeglichen und dem Leser wichtige Begriffe und Gegebenheiten erläutert werde. Jedoch stören diese eher den Lesefluss, als dass sie wirklich hilfreich für das Verständnis sind. Denn die Erläuterungen sind oft sinnlos und für die Handlung unerheblich, beispielsweise die detaillierte Beschreibung eines bestimmten Typus Kampfhubschrauber. Die Zeittafel mit den wichtigsten Fakten zum Vietnamkrieg sowie die Übersichtskarte und die Einleitung zu Beginn des Buches sind dem Leser, der sich auf diesem Gebiet nicht auskennt, schon eine größere Hilfe.

Intime Einblicke ins Leid der Kleinen

Wer Dang Thuy Trams Tagebücher liest, kommt in den Genuss eines bewegenden und authentischen Zeitdokuments. Die Emotionalität, mit der die Ärztin sich und ihre Umwelt beschreibt, offenbart dem Leser nicht nur den Blick auf einen furchtbaren Krieg, sondern auch auf eine junge Frau, die mit sich und ihren Gefühlen und Idealen hadert. Zwar wird Dang Thuy Tram der Revolution auch in ihren intimsten Aufzeichnungen nicht untreu, aber sie prangert doch die Grausamkeiten und Gräueltaten des Krieges und der Kriegführenden an.

Damit zeigt sich zum ersten Mal eine andere Form der Geschichtsschreibung als bisher in Vietnam üblich. Anstatt lehrbuchhaft von großen Heldentaten zu erzählen, berichten Dang Thuy Trams Notizen vom Leid derer, die in den großen Aufzeichnungen keinen Platz gefunden haben. Gerade diese Einfachheit ist es, die den Leser mitfühlen lassen und das Buch lesenswert macht.

Dang Thuy Tram,
Letzte Nacht träumte ich vom Frieden. Ein Tagebuch aus dem Vietnamkrieg,
(2008), Krüger Verlag,Frankfurt,
224 Seiten, ISBN: 978-3-8105-2029-6, 17,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Krüger Verlag, Quelle: privat.


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