Gute Nachricht, schlechte Nachricht

16. Mai 2008 | von freier Autor | Kategorie: Medien

Medientreffpunkt_Mitteldeutschland_neu.jpgWer bestimmt, was um 20 Uhr in der Tagesschau läuft oder am nächsten Tag in einer der über 150 Tageszeitungen steht? Wer macht Meinung und wer schreibt nur von anderen ab? Unter der Überschrift „Politik im Nachrichtenticker“ diskutierten in Leipzig Chefredakteure und Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus über leere Worthülsen, Nachrichten-Fakes und „Trallala-Nachrichten.“ Von Thomas Kutschbach

Für Dieter Althaus (Foto rechts) ist vor allem ein Medium als Meinungsmacher führend. „Die Zeitung mit den vier großen Buchstaben.“ Als Althaus zu diesem Rundumschlag gegen die Zeitungslandschaft ausholt, sitzt er bei einer Podiumsdiskussion anlässlich des Medientreffpunks Mitteldeutschland in Leipzig. Ein anderer Thüringer Podiumsgast ist Sergej Lochthofen, Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen.

Wohl nicht ohne Grund haben ihn die Organisatoren möglichst weit weg vom Ministerpräsidenten gesetzt. Der Hintergrund: Wenige Stunden zuvor hatte Peter Krause, Althaus’ Wunschkandidat für den freigewordenen Posten des Thüringer Kulturministers, seinen Verzicht erklärt. „Wegen des öffentliches Drucks“, wie der Ministerpräsident sagt. Krause hatte vor zehn Jahren für das rechte Blatt „Junge Freiheit“ gearbeitet. Die Ankündigung, einen Mann mit rechter Vergangenheit als Minister berufen zu wollen, hatte Althaus ein enormes Medienecho beschert.

90 Prozent Pseudo-Nachrichten

podium_draufsicht_neu.jpgNicht nur die Politiker, auch die Journalistenkollegen kritisiert Sergej Lochthofen. „90 Prozent der News sind Pseudo-Nachrichten“ Täglich gäben Redakteure Neuigkeiten heraus, die ein halbes Jahr vorher schon in anderen Medien veröffentlicht worden seien: Nachrichtenticker, unzählige Pressemitteilungen, Google News. Peter Frey vom ZDF nennt es das „Zeitalter der medialen Überflutung“. Kein Wunder also, dass alte Meldungen bei Bedarf wieder aufgekocht werden – von den Lesern merkt das kaum einer, oftmals nicht einmal Journalisten.

Wilm Herlyn, Chefredakteur der dpa, verteidigt die Arbeit seiner Agentur-Kollegen. „Wir unterscheiden schon zwischen Nachrichten-Fake und echter Nachricht.“ Zwar sei die Agentur wirklich eine Art Transportunternehmen, aber nur im technischen Sinne. „Vorher machen 500 dpa-Redakteure die Nachrichten fit.“ Schließlich seien gerade die virtuellen Papierkörbe der Nachrichtenagenturen voll mit Politikerzitaten. „Wortmüll und Worthülsen“ wolle man nicht einfach mittransportieren – dennoch überwinden sie zur Genüge Nachrichtenschwellen.

„Am Ende braucht’s einen Gag“

podium_2_.jpgWie das funktioniert, wusste schon Franz Josef Strauß. MDR-Chefredakteur Wolfgang Kenntemich erinnert sich: „Am Ende eines Gesprächs braucht’s noch einen Gag, hat der immer gesagt.“ Ein Zeichen, dass der ehemalige bayrische Ministerpräsident das Geschäft mit den Medien sehr gut verstand. Einen „Trend zur Boulevardisierung“ sieht auch Peter Limbourg, Chefredakteur von N24 und Moderator der Sat.1-Abendnachrichten. Dennoch habe man sich auch bei Sat1 „auf die Fahnen geschrieben, nicht nur Trallala-Nachrichten zu bringen.“ Unechte, unwichtige Nachrichten, Politikerstatements statt echter Entscheidungen, das sind für ihn Gründe für die Politikverdrossenheit vieler Menschen.

Lochthofen nennt das nicht Boulevardisierung, sondern Annäherung an den Leser. „Gerade online haben wir die Klickrate als relativ demographisches Mittel.“ Eine Chance, sein Angebot an die Bedürfnisse des Lesers anzupassen. Gleichwohl will Lochthofen alles andere, als das Internet mit Qualität in Verbindung zu setzen. Mit einem Schmunzeln berichtet er, was die Besucher beim Online-Auftritt der Thüringer Allgemein am meisten anklicken: Bilder einer Silberhochzeit. Die glücklichen Eheleute darauf heißen Katharina und Dieter Althaus.


Die Bildrechte liegen beim Autor (Podium) bzw. beim Veranstalter Medientreffpunkt.


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