Görings Carinhall

27. Aug 2008 | von Wolfgang Mehlhausen | Kategorie: Politisches Buch

Volker Knopf und Stefan Martens begaben sich auf die Spurensuche nach der riesigen Anlage Carinhall von Hermann Göring am Döllnsee. Die Lektüre des viel bebilderten Buchs „Görings Reich“ liefert eine kurzweilige Charakterisierung der Nummer Zwei im Reiche Hitlers. Von Wolfgang Mehlhausen

Manchen Leuten ist es schon zu viel, was bis heute an Literatur und Filmen über die Nazizeit erscheint. Hitler und seine Clique herrschte schließlich „nur“ zwölf Jahre über Deutschland. Zynisch wurde schon gefragt, wann im Fernsehen eine Serie mit dem Beitrag „Hitlers Hunde“ ergänzt wird.

Der Name Hitler wird gewiss noch in Jahrhunderten im Zusammenhang mit den Untaten seiner Diktatur genannt werden. An der Persönlichkeit haben sich viele Historiker versucht. Warum er so wurde, wie er war, warum er so viele Verbrechen inszenierte, das wird nie ergründet werden. Herrmann Göring als Nummer Zwei bis fast zum Kriegsende hingegen ist „einfacher“, sein Charakter erschließt sich dem Betrachter relativ schnell.

Selbstinszenierung in Carinhall

Volker Knopf und Stefan Martens haben mit ihrem Buch, das umfangreich in schwarz-weiß bebildert ist, eine hervorragende Biographie über Göring verfasst – auch wenn das Bauwerk in der Schorfheide ca. 65 km nördlich von Berlin, das nach seiner ersten Frau benannte Jagdhaus Carinhall Gegenstand der Darstellung ist. Dieses Haus wuchs bald zur privaten Schlossanlage an und sollte sogar ein Museum werden, wäre die Grauensherrschaft Hitlers nicht 1945 beendet worden.

Hermann Göring kurz vor seiner Festnahme 1945
Göring war, wie allgemein bekannt und durch die Intelligenzquotienten-Messung im Nürnberger Prozess sogar „amtlich“ bestätigt, sehr intelligent, willensstark und teilweise auch humorvoll. Die Verbissenheit einiger NS-Führer, auch in Rassefragen, fehlte ihm scheinbar, doch konnte er hart, unnachgiebig, nachtragend und bösartig reagieren. Berührungsängste mit den Massen hatte er keine, er galt als volksverbunden und war wegen seiner Loyalität sogar beliebt bis in die Kriegzeit hinein. Das Volk wusste natürlich nicht, wie raffsüchtig er war, welche ungeahnten Schätze er halblegal und auf Staatskosten in seinen Besitz brachte.

In der Nazizeit gab es nur wenige Leute, deren Meinung Hitler anhörte. Zu diesen gehörte zweifelsfrei auch Göring. Doch umstimmen oder ernsthaft beeinflussen ließ er sich von niemandem, auch nicht von Göring. Dieser übernahm gern Repräsentationspflichten für seinen “Führer”, war in Industrie- und Diplomatenkreisen ein geschätzter Gesprächspartner und Jagdgenosse. Ähnlich wie die SED-Größen pflegten einige Leute politische Gespräche auf der Jagd, in eben jener Schorfheide, durch die später Leonid Breschnew und Erich Honecker ziehen sollten.

Liebe zum Detail

Die Verfasser des Buchs über Carinhall verstehen es hervorragend, das „Thema Göring“ so auszubauen, dass eine breite Charakterisierung dieses Mannes nicht am Thema „Carinhall“, dem Bauwerk seiner Selbstinszenierung vorbeigeht. Der Leser bekommt ein umfangreiches, realistisches Bild von Göring und dazu eine sehr genaue Schilderung dieses Anwesens nördlich von Berlin.

Dabei werden bestimmte Aspekte einer umfassenden Biographie zwangsläufig zusammengedrängt. Göring raffte nicht nur Kunstgegenstände und Jagdtrophäen, sondern auch Ämter und Macht. Die Fülle der von ihm beanspruchten Funktionen erlaubte es nicht, dass er diese alle auch nur annähernd ausfüllen konnte. Alles, was die Verfasser des Buches hier herausgefunden, zusammengestellt und bewertet haben, reicht hervorragend, um die Persönlichkeit des Reichsmarschalls und Gründers der Gestapo zu charakterisieren.

Göring heute

Göring selbst hat die Sprengung des Anwesens vorgenommen, als er 1945 aus Berlin Richtung Alpen flüchtete. Dass er in Nürnberg nicht am Galgen endete, sondern sein Leben vorher beendete, ist bekannt. Was aus Tochter Hedda und Frau Emmy wurde, erfährt der Leser in diesem Buch nicht. Nur beiläufig im Anhang, als es um andere materielle Schätze von Göring geht, wird geschrieben, dass sein Schiff Carin II. nach Kriegsende nach England ging, um kurzzeitig sogar der heutigen Königin Elizabeth II. zu gehören.

Emmy Göring gelang es jedoch, das Schiff zurückzubekommen. Dass die Ehefrau des Kriegsverbrechers nicht in Armut starb und auch die bundesdeutsche Justiz um Rückgabe von Bildern und Kunstwerken bemühte, erfahren wir nicht. Tochter Edda ist bis heute stolz auf ihren Papa und stritt mit den Behörden sogar um die Rente ihres Vaters.

Die Naziverbrechen hingegen leugnet sie nicht. Anzurechnen ist den Verfassern der Hinweis, dass vielfältige Natur- und Tierschutzmaßnahmen, die dem „guten Göring“ zugeschrieben werden, schon in Weimarer Zeit von den SPD-geführten Behörden Preußens vorbereitet wurden. Bekannt ist, wenn auch im Buch nicht erwähnt, dass in den KZs Menschenversuche gemacht wurden, weil „Görings strenge Gesetze“ Tierversuche fast unmöglich machten.

Ein spannendes Buch

Das Buch ist zwangsläufig schwarz-weiß illustriert, aber kein „Bildband“, denn diese Art von Büchern werden selten „gelesen“ und schon gar nicht „verschlungen“. Die Textbeiträge zu Carinhall sind jedoch so spannend verfasst, dass man kaum mit der Lektüre aufhören möchte, auch wenn man viele Fakten schon kennt und nur auf eine neue Bewertung des Bekannten wartet. Die umfangreiche Dokumentation, Quellennachweise sowie das umfangreiche Personen- und Ortsregister machen das Buch zu einer guten Quelle für Heimatforscher und Historiker.

Volker Knopf, Stefan Martens
„Görings Reich“ – Selbstinszenierung in Carinhall
(2007), 4. aktualisierte Auflage, Berlin, Christoph Links Verlag,
206 Seiten, ISBN 978-86153-392-4, EUR 9,95


Die Bildrechte liegen beim Christoph Links Verlag (Cover) bzw. sind allgemeinfrei (Göring).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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