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Gesichter einer Weltmacht

Posted By Alexander Christoph On 25. September 2008 @ 8:02 In Politisches Buch | 1 Comment

[1]Tradition und Moderne, Arm und Reich, atemberaubende Landschaften und eine vergiftete Atmosphäre. Das sind nur einige Antagonismen, die das Reich der Mitte treffend beschreiben. Ein Bildband erzählt die chinesische Geschichte von 1949 bis heute. Von Alexander Christoph

Pünktlich zu den olympischen Spielen in Peking sind in diesem Jahr unzählige Bücher über China erschienen – allein mehrere Hundert deutschsprachige Publikationen. Wissenswertes über die jahrtausendelange Geschichte oder die aktuelle Politik lässt sich darunter ebenso finden wie Interessantes über die chinesische Wirtschaftsmacht oder die reichhaltige Kultur. Die Schaffenskraft der Photographen steht derjenigen der Autoren in Nichts nach. Mehrere Bildbände gewähren einen spannenden Blick auf das vergangene wie das heutige China.

Wertvolle Dokumente der Zeitgeschichte…

Dem Photojournalisten und Pulitzer-Preisträger Heung Shing Liu [2] ist mit China. Porträt eines Landes ein großer Wurf gelungen. Auf beeindruckende Weise dokumentiert er die sechzigjährige Historie der Volksrepublik [3]. Das war ein hartes Stück Arbeit. Immerhin reiste der 1951 in Hongkong geborene Liu für das Projekt vier Jahre quer durch das Reich der Mitte. Die Mühe lohnte. Aus den Privatarchiven von 88 chinesischen Photographen hob er so manchen bisher unveröffentlichten Schatz, der als wertvolles Dokument der Zeitgeschichte gelten kann.

Doch das Buch profitiert nicht nur von der großartigen Bildauswahl. Drei Essays stehen dem Ganzen vor. Während Liu die Entstehungsgeschichte des Buches Revue passieren lässt, erläutert der amerikanische Journalist und Autor von China Shakes the World, James Kynge [4], die Geschichte der Volksrepublik von 1949 bis heute. Die seit 1992 in Peking lebende Karen Smith [5], eine britische Kunsthistorikerin, beleuchtet überblickshaft die Entwicklung der Photographie in China. Alle drei Texte sind ebenso wie die kurzen und prägnanten Erläuterungen zu den Bildern dreisprachig, nämlich in Englisch, Deutsch und Französisch. Eine Chronologie zentraler politischer Ereignisse, Kartenmaterial sowie Kurzbiographien zu den einzelnen Photographen liefern abschließend zusätzliche Informationen.

…machen „dramatische Veränderungen“ sichtbar

Als Liu, langjähriger Korrespondent von Associated Press [6] und der erste Photoreporter des Time Magazine [7] in Peking, 1997 nach Jahren wieder in seine frühere Heimat zurückkehrt war, wurde er den „dramatischen Veränderungen“, die sich in seiner Abwesenheit ereignet hatten, gewahr. Danach war es ihm ein Bedürfnis dieses Buch zu veröffentlichen, das nach Aussagen des Herausgebers auch Arbeiten, „die von chinesischen Verlagen aus Angst, zu weit von der offiziellen Linie der Partei abzuweichen, zurückgehalten wurden“, enthält. Letztendlich ging es ihm „um Erkenntnis wie um Selbsterkenntnis.“ Entstanden ist ein Werk, das ein Abbild der Realität abseits der offiziellen Geschichtsschreibung und westlicher Pauschalierungen entwirft.

[8]Manchmal kontrastierten die Photographien geradezu das gängige Propagandabild einer heilen kommunistischen Welt oder zeigen Mao Zedong [9], den Gründer der VR China, und andere Führungspersönlichkeiten von einer kaum bekannten privaten Seite – beispielsweise wie Mao am Strand von Beidaihe mit seiner Tochter und anderen Kindern führender Politiker entspannt. Ein andermal ist ein von seiner Krankheit schwer gezeichneter und gebrechlicher Mao zu sehen, wie er US-Präsident Richard Nixon [10] mit dessen Frau Patricia [11] begrüßt. Das hat schon Seltenheitswert. Denn die Darstellung des verfallenden Greises kommt der öffentlichen Demontage eines gottähnlichen Herrschers gleich.

Sonnen- wie Schattenseiten des Lebens

Überhaupt lädt der Band zu einem spannenden Streifzug durch die junge Volksrepublik ein. So erlebt der Leser nicht nur die Geburt des Staates 1949 oder den großen Sprung nach vorn [12], sondern er kann sich von der großen proletarischen Kulturrevolution [13] oder dem Massaker am Tiananmen-Platz [14] ebenso ein Bild machen wie von den Wirtschaftsreformen unter Deng Xiaoping [15] und deren teils fatalen Auswirkungen für Mensch wie Umwelt. Kritik am System wird reichlich geübt, mal subtil, mal durch schockierende Aufnahmen.

Unter zusammengebrochenen Betonblöcken liegt ein schwerverletzter junger Mann. Sein schmerzverzerrtes Gesicht lässt einem dem Atem stocken. „Ein starkes Erdbeben der Stärke 7,9 auf der Richter-Skala erschütterte Sichuan [16] am 12. Mai 2008“, gibt die Bildunterschrift preis, ebenso wie die Tatsache, dass Chen Jian – so sein Name – nur siebzig Stunden später seinen Verletzungen erlag. Die unverfälschten Momentaufnahmen erzählen von den Sonnen- und den Schattenseiten des Lebens – von der Not und Hilfslosigkeit des einfachen Volkes, von Gewalt und Verfolgung, aber auch vom Konsumrausch der Neureichen oder dem unaufhaltsamen Aufstieg zur Wirtschaftsmacht.

Freud und Leid sind untrennbar verbunden

[17]Eindrucksvoll, wie mehrere nackte chinesische Arbeiter am Oberlauf des Jangtse [18] mit Seilen ein Boot flussaufwärts ziehen. Und das nur, um ihre Kleidung zu schonen. Die Situation könnte sich in einer längst vergessenen Zeit abspielen, aber wir schreiben das Jahr 2005. Mindestens ebenso sehenswert die zahlreichen Darstellungen zur Kulturrevolution. Exekutionen, Umerziehungslager oder die öffentliche Zerstörung von Antiquitäten, Büchern oder anderer „bourgeoisen“ Objekten vermitteln das Leid, welches damit verbunden war, sehr anschaulich.

[19]Was bei dieser visuellen Zeitreise keinesfalls fehlen darf, sind die Proteste am Platz des Himmlischen Friedens, dem Tiananmen-Platz, bei denen abertausende von Studenten für eine weitergehende Öffnung des Landes und für eine Demokratisierung eintraten. Die Vergeltungsmaßnahmen der Regierung waren schrecklich: Auf einem Schwarz-Weiß-Bild sieht man zermalmte Fahrräder, auf denen die Opfer in ihrem Blut liegen. Was es heißt, im heutigen China zu arbeiten und zu leben, kann man schon allein am Kontrast zwischen Arm und Reich sehen. Während chinesische Wanderarbeiter [20] in beengten Bretterverschlägen im Dutzend hausen, gibt sich die Jeunesse doree in den Metropolen unbeschwert rauschenden Festen und dem Luxus hin.

Reichhaltiges Panoptikum vom Reich der Mitte

Selten zuvor hat es ein Bildband über China verstanden, die Geschichte der Volksrepublik so lückenlos und facettenreich darstellen wie Heung Shing Lius China. Die exzellent geschriebenen und durchwegs informativen Texte ergeben zusammen mit den ausgewogen in Schwarz-Weiß und Farbe gehaltenen Aufnahmen ein detailliertes Bild der politischen wie wirtschaftlichen Entwicklung des Landes und deren gesellschaftlichen Veränderungen. Kurzum: Es zeigt ein Land im stetigen Wandel. Wer sich ein differenziertes Bild des heutigen wie dem China der letzten 60 Jahre machen will, sei dieses reichhaltige Panoptikum aus dem Reich der Mitte ans Herz gelegt.

Heung, Shing Liu (Hrsg.),
China, Porträt eines Landes,
(2008), Köln, Taschen Verlag,
424 Seiten, ISBN: 978-3-8365-0569-7, 39,99 Euro


Die Bildrechte liegen beim Taschen Verlag Köln (Cover), Liu Heng Shing (Verwundete), Quin Wen (Arbeiter) sowie De Xiuxian (Marschall Ye Jianying). Der Verlag im Internet [21].


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Der Zauber Chinas [22]

Erwachender Riese [23]

Auf in ein chinesisches Jahrhundert? [24]


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[1] Image: http://www.e-politik.de/wp-content/uploads/2008/09/cover_china.jpg

[2] Heung Shing Liu: http://www.asia2000.com.hk/asia2000/authors/liuheungshing.shtml

[3] Volksrepublik: http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/01-Laender/China.html

[4] James Kynge: http://en.wikipedia.org/wiki/James_Kynge

[5] Karen Smith: http://www.china.org.cn/english/NM-e/150600.htm

[6] Associated Press: http://www.ap-online.de/

[7] Time Magazine: http://www.time.com/time/

[8] Image: http://www.e-politik.de/wp-content/uploads/2008/09/mao_am_strand.jpg

[9] Mao Zedong: http://www.planet-wissen.de/pw/Artikel,,,,,,,077B5724A05F132FE0440003BA5E08D7,,,,,,,,,,,,,,,.html

[10] Richard Nixon: http://www.whitehouse.gov/history/presidents/rn37.html

[11] Patricia: http://www.whitehouse.gov/history/firstladies/pn37.html

[12] großen Sprung nach vorn: http://www.chinafokus.de/nmun/2_ii_b.php

[13] großen proletarischen Kulturrevolution: http://lexikon.meyers.de/meyers/Kulturrevolution)

[14] Massaker am Tiananmen-Platz: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,25613,00.html

[15] Deng Xiaoping: http://lexikon.meyers.de/meyers/Deng_Xiaoping

[16] Sichuan: http://www.unescap.org/esid/psis/population/database/chinadata/sichuan.htm

[17] Image: http://www.e-politik.de/wp-content/uploads/2008/09/arbeiter.jpg

[18] Jangtse: http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/reisen/fernreisen/index,page=1073940.html

[19] Image: http://www.e-politik.de/wp-content/uploads/2008/09/verwundeter.jpg

[20] chinesische Wanderarbeiter: http://www.das-parlament.de/2007/03/Thema/034.html

[21] Internet: http://www.taschen.com

[22] Der Zauber Chinas: http://www.e-politik.de/artikel/2008/der-zauber-chinas/

[23] Erwachender Riese: http://www.e-politik.de/artikel/2005/erwachender-riese/

[24] Auf in ein chinesisches Jahrhundert?: http://www.e-politik.de/artikel/2006/auf-in-ein-chinesisches-jahrhundert/

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