Gefährlicher Freund Amerika?

Marcia Pally hat mit ihrem neuen Buch über die Wurzeln der amerikanischen Außenpolitik die Motivationen und Handlungsweisen der US-Entscheidungsträger in packender Weise analysiert. Ihre Untersuchung befreit von viel zu einfachen Bush-Kritiken und -Karikaturen. Von Christoph Rohde

Marsha Pally, Professorin für Kulturwissenschaft an der New York University, liefert mit ihrem Buch Warnung vor dem Freunde – Tradition und Zukunft US-amerikanischer Außenpolitik eine spannende Darstellung der außenpolitischen Geschichte der immer noch einzigen Weltmacht USA. Dabei gelingt es ihr, die ideellen Motive und daraus resultierenden politischen Schlussfolgerungen klar zu beschreiben. Religiöse Motivationen prägten die Einstellungen der US-Staatenlenker seit der Gründung der Nation. Einige von Pallys Konklusionen geben Anlass zu Skepsis in Bezug auf die zukünftige US-Außenpolitik.

Die evangelikale Weltanschauung als übergreifender Konsens

In Deutschland wird vor Präsidentschaftswahlen oft die Hoffnung vorgetragen, dass ein neuer Präsident neue Wege gehen wird, die eher ins eigene Weltbild passen. Doch genauso häufig wird diese Hoffnung enttäuscht. Woran liegt das?

Der Autorin gelingt es, zu verdeutlichen, dass Liberale und Konservative, Demokraten als auch Republikaner in der evangelikalen Lebensanschauung einen gemeinsamen Nenner haben. Diese Analogie im Denken führt zu ähnlichen außenpolitischen Handlungsmustern. Bei der Evaluierung amerikanischer Politik muss diese Tatsache unbedingt berücksichtigt werden, denn die überwiegende Literatur in Deutschland geht von einer relativ exklusiven Verbindung von Neokonservativismus und evangelikaler Ideologie aus. Dass diese Annahme zu simplifizierend ist, wird in diesem Werk deutlich.

Die Bibel als Quelle der Inspiration

Pally macht in ihrem Buch zwei Grundannahmen: Erstens seien es die Werte und Überzeugungen einer Nation, die deren Außenpolitik determinierten. Zweitens seien die aus diesen Denkweisen resultierenden Handlungen die besten Wegweiser bei der Prognose zukünftiger Verhaltensweisen. Diese Annahmen führen zu Pallys Leitthese, dass die Politiker im Prinzip die Werte der ganzen Nation widerspiegelten und nicht nur die ideologischen Übertreibungen verblendeter Eliten seien: „Die sogenannten Mythen der nationalen Identitäten entspringen nicht nur der Einbildung einiger Leute und sind auch keine von winzigen Eliten zur Überrumpelung der Massen gedachte Täuschungsmanöver.“

Die religiösen Grundannahmen des Evangelikalismus

Der Evangelikalismus geht von einigen Grundprämissen aus: der Unfehlbarkeit der heiligen Schrift; der persönlichen Bekehrung und Heilsannahme Jesu Christi; dem Befehl zur Mission, zur Bekehrung Andersgläubiger und die Auslegung der Schrift durch den Einzelnen, nicht durch eine offizielle, hierarchisch gegliederte Kirche (Laienpredigerprinzip). Es ist die Bibel, die die Ideen liefert, die die amerikanische Gesellschaft in religiöser wie auch säkularer Weise prägen, so dass eine religiös-politische Verbindung entsteht: Der extreme wirtschaftliche und gesellschaftliche Individualismus ist auf die Vorstellung einer individuellen Beziehung des Menschen zu Gott zurückzuführen. Die Freiheit von Autoritäten geht Hand in Hand mit einer Skepsis gegenüber kirchlichen Autoritätsstrukturen. Die praktische Initiative und der „anything goes“-CommonSense gehen mit einem Anti-Intellektualismus einher, der zum Verzicht auf biblisch-hermeneutische Prinzipien führt. Und schließlich wird der missionarische Geist, die amerikanischen Werte in die Welt zu tragen, aus dem christlichen Missionsbefehl abgeleitet.

Frontier-Erfahrungen und historischer Optimismus

Pally zeigt, dass die Frontier-Erfahrungen der Siedler die vorstehend begründete Theorie grenzenloser Möglichkeiten empirisch bestätigte. Allerdings wurde die Besiedlung des Kontinents von der Brutalität im Umgang mit den Ureinwohnern begleitet. Die westwärts ziehenden Siedler hatten kaum Bildungsmöglichkeiten und griffen auf die lebenspraktischen Weisheiten der Bibel zurück.

In der Geschichte wurde von Staatsmännern das Bild von der „Befreiung und Zivilisierung“ der Ureinwohner als permanentes Rechtfertigungsmotiv genutzt. Ob Präsident James Polk oder Präsident William McKinley – sie rechtfertigten die Annexionen von Texas Mitte des 19. beziehungsweise den Philippinen Ende des 19. Jahrhunderts mit der gottgewollten Zivilisierung der „Barbaren“. Pally zeigt, dass es stets wirtschaftliche Interessengruppen waren, die der Annexion von neuen Gebieten bzw. der vorübergehenden Besetzung anderer Nationen das Wort redeten. Diese Hypothese demonstriert sie mit Hilfe zahlreicher Fallbeispiele.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Die konventionelle Geschichte des Kalten Krieges geht davon aus, dass die USA nach dem Zweiten Weltkrieg Einfluss auf Westeuropa nahmen, um dieses vor der Bedrohung durch die Sowjetunion zu schützen. Unter Rückgriff auf den Politologen Christopher Layne vertritt die Verfasserin die These, dass der Kalte Krieg nur ein Element einer bereits a priori vorhandenen Hegemonialstrategie der USA gewesen sei. Die Blaupausen für eine die USA privilegierende Weltwirtschaftsordnung mit offenen Märkten und Zugängen zu Rohstoffen sei bereits von US-Außenminister Cordell Hull im Jahre 1939 konzipiert worden. Die Weltwirtschaftsinstitutionen von Bretton Woods (1944) seien ebenfalls mit dem Ziel gegründet worden, den global weit verbreiteten Protektionismus zu bekämpfen. Die USA versuchten, Westeuropa zu „fesseln“, so Pally. Und dass diese Versuche bis in die Gegenwart (Verhinderung einer einheitlichen europäischen Armee) feststellbar sind, wird nicht verschwiegen.

Ambivalente Ergebnisse des „Imperialismus des Guten“

Für die Länder, die den „Wohltaten“ der USA ausgesetzt waren, sind die Folgen zumindest ambivalent. Deutschland und Japan hätten von der US-Intervention nach dem Kriege profitiert – hier kam der hehre Freiheitsgedanke als Kontrast zum Totalitarismus voll zum Tragen. In anderen Weltbereichen jedoch wurden rohstoffreiche Länder Opfer eines brutalen US-Militärinterventionismus. Diejenigen, die sich nicht „befreien“ lassen wollen, haben es schwer. In den neunziger Jahren waren die USA in 48 bewaffnete Konflikte verwickelt, in den fünfziger Jahren waren es 16. Die Bush-Doktrin, von Außenpolitik-Experten vielfach als radikal bezeichnet, stellt keine Ausnahme dar, so Pally. Und auch die extrem religiöse Rhetorik wurde selbst von Clinton und anderen Präsidenten geteilt.

Zu überprüfende Thesen

Pallys Buch stellt einen durchaus beachtenswerten Diskussionsbeitrag zur Frage der Zukunft der amerikanischen Außenpolitik dar. Der wissenschaftliche Anspruch ist allerdings in Frage zu stellen – zu undicht sind die Referenzen. Dennoch: Wichtig ist der Kerngedanke: Die gesamte Elite teilt die Vorstellung Amerikas als „auserwählte Nation“ (manifest destiny) in christlichem Sinne. Die daraus abzuleitenden politischen Rezepte sind in den einzelnen Administrationen nicht identisch, aber ähnlich.

Elfriede Jelinek schreibt in ihrem Vorwort zur amerikanischen Denkweise: „Freiheit muss hergestellt werden, denn Gott hat sie ja gewollt.“ Die Zusammenhänge zwischen Religion und Außenpolitik in Amerika werden klar herausgestellt – einige der Hypothesen müssen jedoch einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Das Buch hilft, ein einfaches, personenzentriertes Amerika-Bashing („Bush-Bashing“) zu vermeiden und sollte deshalb von einem breiten Publikum wahrgenommen werden.

Pally, Marcia,
Warnung vor dem Freunde – Tradition und Zukunft US-amerikanischer Außenpolitik,
(2008), Berlin, Parthas Verlag,
272 S., ISBN 978-3-86601-601-9, 19,80 Euro


Die Bildrechte für das Cover liegen beim Parthas-Verlag. Der Verlag im Internet.


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2 Kommentare auf “Gefährlicher Freund Amerika?

  1. Guten Tag! Das Buch habe ich mir gekauft, um die heutige US-amerikanische Bevölkerung, die heutige Innenpolitik und Außenpolitik der US-Regierungen besser verstehen, mich besser darauf einstellen und mit anderen Interessierten besser diskutieren zu können. Das Vorwort von Elfriede Jelinek ist jetzt auch verständlicher; sie muß das Buch tatsächlich gelesen haben. Das erste und zweite Kapitel war für mich sehr anstrengend zu lesen; diese vielen, vielen unterschiedlichen Evangelikalen mit ihrem höchst und strikt individuellem Sendungsbewußtsein. Oftmals habe ich das Buch seufzend zur Seite gelegt und erschöpft, von der Fülle der Informationen, pausiert.
    Der Aussage, daß Deutschland und auch Westeuropa schlicht „Glück“ gehabt haben, muß ich widersprechen. Westeuropa und besonders das geteilte Deutschland diente US-amerikanischer Außenpolitik als zielgerichtetes Bollwerk gegen sowjetische Expansionsgelüste und Imperialismusansprüche und US-amerikanischer Innenpolitik bzw. Wirtschaftspolitik als heiß begehrter, zielgerichteter, großer Marktplatz für amerikani-sche Produkte, Exportgeschäfte, Finanzgeschäfte jeglicher Art!

    Die Beschreibung von Christoph Rohde finde ich so gut und hilfreich, daß ich jetzt im Nachhinein auch die anstrengenden Passagen besser verstehe und daß ich jetzt auch die beiden letzten Kapitel mit großem Interesse, besserer Konzentration zu Ende lesen werde.

    Wenn auch nicht in 30 Jahren, in 50 Jahren, in 100 oder 200 Jahren, aber eines fernen Tages – so glaube ich! – werden auch die USA ihre Werte und Überzeugungen überdenken, an die Werte und Überzeugungen anderer freier, friedlicher, demokratischer Nationen und Naturvölker angleichen müssen und begreifen lernen, daß Kriegstreiber Kriegstreiber, Terroristen Terroristen, Diktatoren Diktatoren sind, die es weltweit konsequent zu ächten und wegzusperren gilt und nicht, je nach Bedarf, zu hätscheln sind, auch wenn das den USA aus wirtschaftlichen wie auch imperialen Gründen nicht in den Kram, nicht in die Mission, nicht in das Sendungsbewußt-sein paßt.
    Weil die Menschheit in ihrer Vielfalt nur diese eine real lebens-werte, real lebensmögliche Erde hat. Die Menschheit ist die einzige Lebensform, die sich gegenseitig, hirnrissig und mit Leidenschaft ausrottet. Von keiner anderen Lebensform ist das bekannt. Die Menschheit ist die einzige Lebensform, die sich selbst und damit die gesamte Erde, so wie wir sie alle kennen und genießen, komplett zerstören und in den Weltraum sprengen kann. Vielleicht zwingt schon der Klimawandel mit seinen verheerenden Folgen und Auswirkungen die Menschheit zum schnelleren Umdenken und gemeinsamen, abgestimmten Handeln. Gerda

  2. Guten Morgen! Hinzufügen möchte ich noch, daß das Buch von Marcia Pally nur die mörderische Politik eines e i n z i g e n Staates von 200 Staaten beschreibt und darüber informiert.
    Gerda

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