Finanzmarkt-Allerlei

Während die Finanzmärkte im Chaos stecken, entführt Erwin Wagenhofers Dokumentation Let’s Make Money den Zuschauer in eine Zeit vor der Finanzkrise: in das goldene Zeitalter des Renditerausches! Mit dem Satz „Lassen Sie Ihr Geld arbeiten“ beginnt ein kritischer Streifzug durch eine Welt, die fiktive und fragwürdige Werte im Übermaß produziert – und an der sich bis vor kurzem kaum jemand störte! Von Katrin Schulze

Man nehme eine Brise „Umweltverschmutzung“, 95 Kilo „Neoliberaler Denker“, zwei Esslöffel „Unternehmer“ oder „Investor“, eine Tüte „Weltbank“ und ein bis zwei Spritzer „Entwicklungsländer“, verrührt alles gut miteinander – et voilà – nach 90 Minuten ist der globalisierungskritische Film fertig! Nach diesem Rezept scheint auch der Regisseur Erwin Wagenhofer seine Dokumentation Let’s Make Money gedreht zu haben. Was vorab als aufklärerisches Werk über die globalen Finanzmärkte und deren Arbeitsweise angepriesen wurde, entpuppt sich als chaotisches, globalisierungskritisches „Allerlei“, gespickt mit ein paar Ausflügen in die Welt der Handels- und Industriepolitik. Von klarer Struktur und sinnvollen Zusammenhängen, die der Kinoflyer verspricht, fehlt jede Spur.

Indien, Jersey, Westafrika … und wieder Indien

Der Film springt zwischen den verschiedenen Interviewpartnern aus Wirtschaft und Politik hin und her. Mal ist man in Indien beim deutschen Bauunternehmer, der dort investiert, da die Bedingungen viel günstiger seien. Mal gastiert man an den Finanzplätzen der Welt und hört Fondsmanagern und Investmentbankern zu wie sie die Marktkräfte preisen und jegliche Ethik aus der Wirtschaft verbannt wissen wollen. Aber auch der Bürgermeister der englischen Steueroase Jersey kommt zu Wort und verteidigt seine Standortpolitik, die Steuer- und Kapitalflüchtigen Unterschlupf bietet. Dann findet sich der Zuschauer in Westafrika wieder, um eine ausgelutschte Verbalattacke von afrikanischen Politikern auf die Weltbank mitzunehmen. Auch die US-Agrarsubventionen für Baumwolle bleiben nicht unerwähnt, die westafrikanischen Bauern das Leben schwer machen. Und dann geht es erneut nach Indien – und das ganze Karussell beginnt von vorne.

Dabei fragt man sich: Was haben Agrarsubventionen, die eher der Kategorie „Let’s waste money“ angehören und Teil der globalen Handelspolitik sind, mit dem undurchsichtigen Treiben an den globalen Finanzmärkten zu tun?! Nichts, Herr Wagenhofer! Aber Bilder aus armen, westafrikanischen, Baumwolle produzierenden Ländern sprechen die Emotionen an. Da kann man schon mal inhaltliche Zusammenhänge hinten anstellen. Folglich wird dem entwicklungspolitisch informierten und auf guten, investigativen Journalismus hoffenden Zuschauer dieses „Finanzmarkt-Allerlei“ nicht so richtig schmecken.

Ein Film voller fragwürdiger Zusammenhänge

Für Diskussionen und Denkanstöße sorgt der Film aber allemal – und das ist ja auch was wert! So streift Let’s Make Money zahlreiche Problembereiche aus der Welt der Finanzmärkte wie „Cross-border Leasing“, „Kapitalflucht, Steueroasen und Moral“, „Immobilienblasen“ und „Aktivitäten der Private-Equity-Funds und der Emerging Market Funds“. In diesen Momenten – und auch aus aktuellem Anlass der Finanzmarktkrise – möchte man dem Regisseur zurufen: „Dig deeper, that’s interesting“! Aber leider verharrt der Film an der Oberfläche und lässt somit wesentliche Aspekte zu den Themen außen vor.

Wie bereits 2004/05 mit seiner ersten großen kritischen Dokumentation We Feed The World verdient der Österreicher Wagenhofer (Foto links) natürlich Anerkennung dafür, dass er die weltweiten Unverhältnismäßigkeiten und Ungerechtigkeiten thematisiert und im Film an den Pranger stellt. Jedoch suggeriert seine Umsetzung Zusammenhänge, wo keine sind oder lässt die Komplexität zugunsten der Plakativität unter den Tisch fallen. Das Ergebnis: Der Zuschauer erfährt keine Erleuchtung oder Aufklärung, sondern verlässt den Kinosaal mit vielen Kurzgeschichten überfrachtet.

Nun ja, dann bleibt eben genügend Stoff für weitere, hoffentlich tiefer schürfende Wagenhofer-Dokus – und genügend Anreize für Diskussionen beim Bier im Anschluss des Films. Und wer schon immer mal eine plausible Theorie hören wollte, wieso Saddam Hussein nun eigentlich von den Amerikanern gestürzt wurde, der sollte auf jeden Fall in diesen Film gehen…


Die Bildrechte liegen beim Delphi Filmverleih für das Filmplakat bwz. bei NeuesGeld.org für das Regisseurs-Foto (flickr.com/ Creative-Commons-Lizenz).


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Ein Kommentar auf “Finanzmarkt-Allerlei

  1. Agrarsubventionen sind nationale oder zumindest beschraenkt internationale Handelspolitiken – siehe Europa oder eben die USA.

    Ist es denn noch ‚Finanzmarkt-Allerlei‘ oder eher populistisches Doku-Potpourri, welches lagertheoretisch durchaus den Attacern aber vor allem der Rubrik einfaeltiger
    Kategorisierung zuzurechnen waere?

    Achtung, Immobilienblasen haben per se noch nicht viel mit Finanzmärkten zu tun, Steueroasen sind zwar fiskalistischer Natuer aber trotzdem nicht zu den eigentlich interessanten Verzerrungen an den Finanzmärkten zu zählen.

    ‚Wie bereits 2004/05 mit seiner ersten großen kritischen Dokumentation We Feed The World verdient der Österreicher Wagenhofer (Foto links) natürlich Anerkennung dafür, dass er die weltweiten Unverhältnismäßigkeiten und
    Ungerechtigkeiten thematisiert und im Film an den Pranger stellt. Jedoch suggeriert seine Umsetzung Zusammenhänge, wo keine sind oder lässt die Komplexität zugunsten der Plakativität unter den Tisch fallen. Das Ergebnis: Der Zuschauer erfährt keine Erleuchtung oder Aufklärung, sondern verlässt den
    Kinosaal mit vielen Kurzgeschichten überfrachtet.‘ Sehr hübsch geschrieben und so bekannt, da leider auch im Genre der Dokufilme tradiert.

    ‚Und wer schon immer mal eine plausible Theorie hören wollte, wieso Saddam Hussein nun eigentlich von den Amerikanern gestürzt wurde, der sollte auf jeden Fall in diesen Film gehen…‘ Das nenne ich dann wirklich einen Schwenk –
    die Blende interessiert mich tatsächlich, weil selbst die Entscheidungsträger sich öffentlich, wenn auch erst mit Verspätung glaubwürdig für primär politische
    Beweggründe nach der Art ‚Global Chess‘ ausgesprochen haben.

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