Europa leicht gemacht! – Antworten für junge Europäer

2007_elg_150.jpgDer Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld präsentiert einen jugendgerechten Wegweiser durch die Europäische Union, der dazu beitragen soll, Europa als einen Raum für eigene Gestaltungsmöglichkeiten zu begreifen. Von Daria Czarlinska

Werner Weidenfeld, Inhaber des Lehrstuhls für Politische Systeme und Europäische Einigung an der Ludwig-Maximilians-Universität und Direktor des Centrums für angewandte Politikfeldforschung (CAP) in München, wählt für dieses Buch einen ungewöhnlichen und durchaus anregenden Aufbau.

Er beschreibt nicht erst herkömmlich Geschichte, Gegenwart und zuletzt die Zukunft der EU, sondern erklärt zunächst, welche Mitgestaltungschancen junge Menschen in Europa haben. Anschließend wird, wenn auch nur oberflächlich, die Gegenwart (u.a. die Jugendpolitik der EU) den Erwartungen der jungen Generation gegenüber gestellt.

Die logische Konsequenz bilden für Weidenfeld Zukunftsszenarien, die Jugendlichen Wege und Möglichkeiten eröffnen, tatkräftig mit anzupacken. Frustriert in der Schmollecke zu stehen, gilt nicht. Mitmachen ist angesagt.

Einladung zum Mitmachen

Stets der Absicht folgend, Jugendliche zur Partizipation anzuregen, gibt Weidenfeld konkrete Antworten auf grundlegende Fragen, wie: Wozu soll ich mich beteiligen? Wie greift die EU meine Interessen und Bedürfnisse auf? Wie kann ich mitreden und mitgestalten? Wo kann ich mich informieren? Gleichzeitig wird deutlich gemacht, wie sehr die europäische Gesetzgebung immer stärker unseren Alltag mitbestimmt, wie etwa in den Bereichen Umweltschutz, Arbeitsmarkt, demographischer Wandel und soziale Sicherung.

Jugendgerechte Informationen, wie etwa über den „Europass“, die Ziele des „Europäischen Paktes der Jugend“, EU-Bildungsprogramme aber auch wichtige Adressen zu einschlägigen Institutionen sind nach Entscheidungsebenen der Europäischen Union gegliedert, mit Internetseiten und teils sogar mit Adressen und Telefonnummern versehen.

Wie in der EU Entscheidungen fallen

Um die EU besser zu verstehen, sollte man zumindest über Grundkenntnisse über das Zusammenspiel der europäischen Institutionen und Entscheidungsprozesse verfügen. Im nächsten Schritt gibt Weidenfeld somit anschaulich, kurz und präzise entscheidende Aufgaben und Arbeitsweisen der einzelnen Institutionen, verschiedene Mitsprachemöglichkeiten einzelner Mitgliedsstaaten und wesentliche Entscheidungsprozesse wider.

Was erwarten junge Leute von Europa?

Am Beispiel eines Wettbewerbes mit Schulklassen, der durch das Auswärtige Amt zusammen mit der Forschungsgruppe Jugend und Europa am CAP im Frühjahr 2003 durchgeführt wurde, macht der Autor an Hand von Zukunftsszenarien die Erwartungen Jugendlicher sichtbar. Zentrale Bedürfnisse, die in der Mehrheit der Beiträge aufgegriffen wurden, werden hier ausgewertet und dienen dazu, den Leser zur Diskussion anzuregen.

Das Themenspektrum reicht von „Politische Integration Europas“, „Zukunft der Arbeitswelt“, „Wirtschaftliche Entwicklung“ über „Umwelt und Ressourcen“, „Technologischer Wandel“ bis hin zu „Werte und Identität“, „Lebensentwürfe“ und „Konflikte“. Wie in allen Kapiteln, geben Zitate von Jugendlichen aus verschiedenen Workshops des CAP die Möglichkeit, sich mit den Gedanken der Teilnehmer auseinander zu setzen und eigene Positionen zu entwickeln.

Eine Analyse anhand der Eurobarometerdaten verdeutlicht die Erwartungen und Sorgen junger Europäerinnen und Europäer, die nicht nur für die jungen Leser von Interesse sein sollten, denn schließlich sind die Bedürfnisse der heutigen Jugend Orientierungswerte für die zukünftige Generation.

Wer sind wir Europäer?

Identität wird durch verschiedene Faktoren gestiftet: Sie entsteht durch die Bindung an die Familie oder an einen bestimmten geographischen Raum, durch die Kultur und die Akzeptanz gemeinsamer Werte. Keine Frage: Die Europäer sind durch gemeinsame kulturelle Grundlagen und politische Werte verbunden. Warum aber gehen Ist-Zustand und Erwartungen oft auseinander?

Mit dieser Frage knüpft Weidenfeld an die Geschichte der einzelnen Mitgliedsstaaten und der EU an. Dem geschichtsinteressierten Leser gibt er damit die Möglichkeit, das Identitätsproblem aus historischer Perspektive zu verstehen. Jedoch spiegelt er an keiner Stelle die Komplexität des aktuellen europäischen Identitätsproblems befriedigend wider.

Aufbauend auf einer grundlegenden Analyse menschlicher Wünsche nach dem 2. Weltkrieg in Europa, die unter anderem Sicherheit und Frieden, Freiheit und Mobilität, aber auch wirtschaftlichen Wohlstand beinhalteten, erklärt der Autor knapp den Prozess der Europäischen Einigung. Diese Einigung steht, nach wie vor, vor Herausforderungen, die ganz bewusst von Weidenfeld als Herausforderungen und nicht als Hemmnisse definiert werden. Um die genannten Wünsche und Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu erfüllen und zu meistern, ist es notwendig, die Europäische Identität zu stärken. Dabei ist diese nur eine Schicht unserer Identität, neben der auch andere Identitäten, wie die nationale oder die familiäre, weiter existieren dürfen und sollen. Das Bewusstsein über die Vielfalt von Identität, so Weidenfeld, macht also die politische Kultur Europas aus und sollte als Chance für die junge Generation begriffen werden, eine erfolgreiche EU mitzugestalten.

Neues Selbstbewusstsein? Szenarien für die EU der Zukunft

Jede Gruppe, Gemeinde oder Nation braucht ein „Wir-Gefühl“. Dies gilt auch für die EU, die aus Staaten besteht, die alle ihre eigene Geschichte, ihre Traditionen haben. Daher ist es nicht einfach eine europäische Identität zu entwickeln, die für die Belastbarkeit des politischen Systems notwendig ist.

Im letzten Kapitel stellen Jugendliche fünf Szenarien, also mögliche Entwicklungen der Zukunft, dar, in denen der Wunsch zum Ausdruck kommt, in einer vereinten und stabilen EU leben zu wollen. Darüber hinaus ziehen sie Schlussfolgerungen für ihr Handeln und kommen zu der Erkenntnis, dass Jugendliche aus anderen Ländern sehr ähnliche Bedürfnisse haben.

Dieses leserfreundliche Buch gibt jedem jungen Europäer einen leichten Einstieg in die aktive Teilnahme am Integrationsprozess der EU. Aufgrund der umfangreichen Auflistung von relevanten Adressen, Telefonnummern, Büchern, Methoden und Tipps lohnt sich für jeden EU-Interessierten, dieses Buch als Nachschlagewerk zu erwerben. Die vielen Zitate mögen ebenso anregend und verwertbar sein, doch die Hälfte hätte ausgereicht.

Die fehlende Trennung zwischen den Begrifflichkeiten EU und Europa ist hier und da irritierend, relativiert jedoch keineswegs die Absicht von Weidenfeld: Europa (eigentlich ist eher die EU gemeint) leicht begreifbar zu machen und praktische Antworten für engagierte europäische Jugendliche und Multiplikatoren zu geben. Wer in diesem Buch auf tiefgreifende und anregende politikwissenschaftliche oder (kultur-)geschichtliche Analysen hofft, wird allerdings enttäuscht.

Weidenfeld, Werner,

Europa leicht gemacht – Antworten für junge Europäer,

1. Auflage (2007), Bonn, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Band 627

155 S., ISBN: 978-3-89331-780-6


Die Bildrechte liegen bei der Bundeszentrale für politische Bildung (Cover). Der Verlag im Internet.

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