EU? Morgen…Vielleicht

Die Zeiten sind lange vorbei, in denen man im sozialistischen Zagreb noch festgenommen wurde, weil man in der Öffentlichkeit eine kroatische Zeitung las. Kroatien ist seit fast 20 Jahren eine Demokratie, deren Wirtschaft zwar langsam aber dafür stetig wächst, und zudem ein beliebtes Reiseziel. Ob das Land allerdings 2009 die Reise in die EU antritt, bleibt abzuwarten. Ein Reisebericht von Steven Carthy

„Wenn Kroatien in die EU kommt, sind wir Slowenen schon auf dem Mars gelandet“, erzählt mir eine ältere kroatisch-slowenische Dame bei der Rückreise nach Deutschland, als wir im Niemandsland zwischen den beiden Staaten stehen. Kroatien ist eben noch nicht so weit wie Slowenien und wird deshalb wohl noch ein wenig auf den EU-Beitritt warten müssen. Slowenien, meint sie, „sei halt mehr österreichisch“ und damit westlicher als Kroatien, man solle sich nur mal die Musik anhören: Slowenen spielen Oberkrainer genau wie die Österreicher, die Kroaten machen fast schon orientalische Musik. Und überhaupt, in Slowenien sehe es doch auch viel fortschrittlicher aus als in Kroatien!

Konzum, Kontraste, Kontroversen

An diesem Punkt gebe ich ihr Recht. Kroatien ist wirklich ein Land der Kontroversen. Ivo hat einen Neuwagen mit allen Extras, während Mate noch den alten „Yugo“ fährt. Trotzdem sind sie Nachbarn und wohnen in einem der alten Plattenbauten Zadars, deren Putz schon seit Jahren auf die Straße regnet. Kontrovers ist zudem, dass neben einem heruntergekommenen Bau ein Neubau entsteht – mit silbernem Klingelbrett und Parkettboden. Der Neubau von Wohnungen zeigt in die richtige Richtung, doch entwickeln sich die Städte einfach noch zu langsam.

Wo man auch hinsieht, sind Kroatiens Städte von diesen Kontrasten erfasst. Hier ein modernes Einkaufszentrum, dort ein altes Hochhaus. Länder, welche neu in die EU aufgenommen werden, sollten schließlich auch den angepassten Standards genügen. Doch hier fehlt es Kroatien noch. Zwar bekommt man heute jeden Tag Butter und es heißt nicht mehr wie zu sozialistischen Zeiten: „Butter? Morgen… Vielleicht“. Doch es sieht so aus als könne Kroatien einfach noch nicht mit Ländern wie Deutschland, Italien oder eben Slowenien konkurrieren. Einzig die Hauptstadt Zagreb schafft es, an europäische Großstädte anzuknüpfen, denn wenn man durch die Innenstadt spaziert, fühlt man sich fast wie in Wien.

Im Hinterland laufen die Uhren langsamer

Doch nicht nur in den Städten sieht man das magere Erbe Kroatiens, auch auf dem Land sind die Wunden des Krieges und der Armut immer noch offensichtlich. An vielen Häusern entdeckt man noch Einschusslöcher aus den Gefechten Anfang der 90er Jahre und die meisten Höfe sind zugestellt mit alten, rostigen Maschinen. Doch anstatt aufzuräumen, baut man einfach nebenan neu. Ebenso Campingplatzbetreiber, welche schlicht mehrere hundert Meter weiter eine neue Rezeption aufstellen, die alte jedoch einfach verkümmern lassen und als Rollerparkplatz nutzen (siehe Foto).

Sicherlich kann man diesen Vorgängen auch Positives abgewinnen – etwa dass die Baumüdigkeit der Kroaten langsam schwindet. Ein Indiz hierfür sind die vielen Baumärkte, die vielerorts aus der Erde sprießen. Zudem hält der Autobahnbau weiter an und auch die Renovierung von Feriencamps bricht nicht ab. Denn ein wichtiger Faktor der kroatischen Wirtschaft ist und bleibt – mit rund 22 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – der Tourismus. Wenngleich in der Nachsaison nicht annähernd so viele Leute das Land bereisen wie in den Sommermonaten, bringt der Tourismus dem Land an der Adria jährlich um die sieben Milliarden Euro ein.

Tourismus ja, aber ohne Sprachkenntnisse

Auch wenn Kroatien stark vom Tourismus lebt, spricht außerhalb Istriens, außerhalb der Campingplätze und Touristinformationen, fast niemand eine Fremdsprache. Nicht einmal die für deutsche Unternehmen arbeitenden Busfahrer, die täglich zwischen Europa und Kroatien pendeln um Einheimische nach Hause zu fahren. In München wird man bereits kroatisch angesprochen und während der Fahrt laufen kroatische und bosnische Filme. Sogar die Lautsprecherdurchsagen werden nicht übersetzt, sodass man sich stets bei Mitreisenden nach der Dauer der Pausen erkundigen muss. Man kann also froh sein, dass sich das Wort „Kaffee“ im Kroatischen relativ ähnlich anhört und die Menschen auch offen und geduldig sein können, wenn man Hilfe sucht. Vielleicht ist diese Verschlossenheit gegenüber Fremdsprachen, insbesondere dem Englischen, auch ein Zeichen für die gewollte Einheit Kroatiens, die durch äußere Einflüsse nicht gestört werden soll.

Geni kameni – Steinharte Gene

Denn das noch junge Land, welches jahrelanger Unterdrückung durch das Tito-Regime unterlag, sucht noch heute nach Identifikation und findet diese in seinen eigenen Reihen. Während sich viele einen Tuđman als Staatsoberhaupt zurück wünschen, sieht der Volksgeist in Personen wie Ante Gotovina (Foto links) immer noch einen Helden, dessen Name an fast jeder freien Wand des Landes steht. Gotovina, der während des Krieges zum General und Befehlshaber der kroatischen und herzegowinisch-kroatischen Streitkräfte aufstieg, wurde 2001 als Kriegsverbrecher angeklagt, und steht seit März 2008 vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien.

Doch dies ändert nichts an dem Ansehen, das er in der Bevölkerung weiterhin genießt. Denn er hat etwas für die Kroaten getan, hat für sie gekämpft und sie befreit. Was kann schon die EU für sie tun? Mit der EU können sich die Kroaten nicht identifizieren. Genau, wie sie sich damals nicht mit dem kommunistischen Staat Jugoslawien anfreunden konnten und auch nicht wollten. Der Kroate war eigentlich nie Kommunist, sagt man mir, und deshalb hat das mit Tito damals alles nicht so geklappt. Der Kroate ist eben Nationalist und nichts anderes. So verwundert es auch nicht, dass der Großteil der kroatischen Popmusik stets die Schönheit, Brüderlichkeit und Stärke des Landes besingt, wie auch Marko Perković in seinen Songs „Geni Kameni“ (Steinharte Gene) oder „Lijepa li si“ – Wie schön du bist.

Bratstvo a Jedinstvo? – Brüderlichkeit und/aber Einheit?

Die Daten sprechen hier dieselbe Sprache: Laut Eurobarometer sind nur 30 Prozent der Kroaten für einen Beitritt, zudem bekannten sich 2005 noch 56 Prozent zu Ante Gotovina als ihrem Nationalhelden und sind der Meinung, er solle nicht verurteilt werden. Leider kann sich ein europäisches Land eine derartige Abschottung heute nicht mehr leisten und muss sich gegenüber Europa weiter öffnen, so wie es Polen oder auch Ungarn vorgemacht haben. Denn dort werden die Differenzen im optischen Bild des Landes wohl ähnlich sein wie in Kroatien. Ob Kroatien die Reise in die EU 2009 schafft, bleibt noch abzuwarten. Sicher ist aber bereits heute, dass Kroatien mit oder auch ohne EU allemal eine Reise wert ist.


Die Bildrechte liegen beim Autor bzw. sind gemeinfrei (Ante Gotovina).


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