Einseitige Darstellung zweier Konflikte

Mit einer detail- und kenntnisreichen Darstellung zweier Konflikte soll man es laut Verlagsinfo bei Joseph Pozsgais Buch über die Kriege in Vietnam und dem Irak zu tun haben. Aufgrund unzulässiger Pauschalisierungen und fragwürdiger Quellen lässt sich daran jedoch entschieden zweifeln. Von Martin Stimmler

Pozsgais Vom Vietnam-Krieg zum Irak-Desaster. Fehlentscheidungen amerikanischer Politik ist in zwei Hauptabschnitte gegliedert. Der erste, deutlich umfangreichere, befasst sich mit der Vorgeschichte und dem Ablauf des Vietnam-Krieges, wobei besonderes Gewicht auf die amerikanische, sowjetische und chinesische Politik gelegt wird. Dabei diskutiert der Autor sehr ausführlich die wahrscheinlichen Beweggründe der drei Mächte und bedient sich zur Untermauerung seiner Argumentation zahlreicher Quellen aus der Presse und auch von internen Regierungspapieren aus den genannten Ländern. Auch die nord- und südvietnamesischen Positionen werden erläutert, erhalten in der Darstellung jedoch nicht so viel Gewicht.

Besonders hebt der Autor den sowjetisch-chinesischen Interessengegensatz und seine Bedeutung für die Eskalation des Vietnam-Konfliktes hervor. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass China die Sowjets in die Vietnam-Falle gelockt habe, um eine sowjetisch-amerikanische Annäherung zu verhindern. Den Hauptfehler der USA sieht er dementsprechend darin, die Differenzen der beiden kommunistischen Großmächte nicht rechtzeitig erkannt und auch nicht für eine Lösung des Konfliktes genutzt zu haben.

Der zweite Abschnitt befasst sich mit dem Irakkrieg, seiner Vorgeschichte – angefangen mit dem ersten irakisch-amerikanischen Krieg 1991 – und den möglichen Folgen eines Scheiterns der heutigen amerikanischen Politik im breiteren Kontext des „Krieges gegen den Terror“. Hier versucht der Autor ein möglichst breites Bild der gesamten Situation in der arabischen Welt zu zeichnen. Zwei grundsätzliche Aussagen stehen dabei im Vordergrund: Zum ersten betrachtet Pozsgai die Versuche der USA, die demokratische Regierungsform in die arabische Welt zu exportieren als aussichtslos. Zum zweiten kritisiert Poszgai, dass die USA statt gegen den Irak gegen Iran und Syrien hätten vorgehen sollen, zumal diese die Hauptunterstützer des internationalen Terrorismus seien. Die USA steckten nun in einem Dilemma, da sie nur die Wahl zwischen einem fortgesetzten, verlustreichen Konflikt im Irak und einem unrühmlichen Abzug wie in Vietnam hätten. Die Quellen dieses Abschnittes – soweit angegeben – stammen primär aus der Tagespresse.

Das Scheitern der USA in Vietnam als Folge kommunistischer Verschwörung

Leider kann man sich beim Lesen schon recht früh des Eindrucks nicht erwehren, es hier mit einer ausgesprochen tendenziösen Darstellung zu tun zu haben. Denn so wertvoll der Detailreichtum für das Verständnis der zum Vietnamkrieg führenden (bzw. ihn in seinem weiteren Verlauf bestimmenden) Faktoren ist, so problematisch werden die Ausführungen Pozsgais stets dann, wenn er dazu übergeht die historischen Ereignisse politisch zu bewerten. So wird beispielsweise der autoritär regierende südvietnamesische Präsident Ngo Dinh Diem, der sich während seiner Amtszeit ohne Zweifel zahlreicher Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht hat, als Lichtgestalt dargestellt, der in einem Land, in dem „die Zeit für eine Demokratie nach westlichem Muster noch nicht reif“ war, leider auf autoritäre Maßnahmen zurückgreifen musste, um das Land vor dem Kommunismus zu retten. Und spätestens an dem Punkt, an dem der Autor die breite Protestbewegung in der amerikanischen Bevölkerung gegen den Vietnam-Krieg pauschal als Ergebnis kommunistischer Propaganda diffamiert, während die zivilen Opfer der amerikanischen Bombardements in der 255 Seiten umfassenden Darstellung des Vietnam-Krieges nur in einer einzigen Fußnote Erwähnung finden, drängt sich dem Leser die Frage auf, ob Pozsgai sich durch seine politische Position möglicherweise selbst eine einigermaßen neutrale Sicht auf die Dinge verstellt.

Dieser Eindruck verstärkt sich unter anderem an der Stelle, an der positiv hervorgehoben wird, dass drei Tage nach Beginn der Tet-Offensive „die angegriffenen Städte Südvietnams fast ganz von den kommunistischen Truppen gesäubert [sic!] worden waren“. Auch die angebliche Existenz nordvietnamesischer „Konzentrationslager“ erweckt den Eindruck, dass dem Autor der Sinn für gebotene sprachliche Sensibilitäten zu fehlen scheint. Leider neigt Pozsgai desweiteren dazu, allzu oft komplexe Zusammenhänge und Akteurskonstellationen über einen Kamm zu scheren und kommt recht schnell zu endgültigen Bewertungen, die sich aus dem zuvor Geschriebenen nicht immer nachvollziehen lassen. Tragende Säulen seiner Argumentation stehen dabei oft ohne jede Art von Nachweis im Raum. Zudem fällt das abschließende Fazit des Abschnitts im Verhältnis zu den detailliert beschriebenen Fakten leider äußerst knapp aus.

Der Irakkrieg und der Kampf gegen den Terror: Mittelalterliche Muslime gegen die USA

Während die Darstellung des Vietnam-Krieges dennoch immerhin aufgrund der dargestellten Fakten durchaus lesenswert ist (auch wenn man den offensichtlichen politischen Standpunkt des Autors dabei im Hinterkopf behalten sollte), ist es schwierig, den folgenden Abschnitt über den Irakkrieg auch nur einigermaßen ernst zu nehmen. Zunächst wird hier einleitend, quasi als Prämisse, vorausgesetzt, dass Islam und Demokratie grundsätzlich nicht miteinander vereinbar seien und die gesamte islamische Welt dem demokratischen Westen um ein halbes Jahrtausend hinterherhinke: „Wo die Religion die Weltordnung bestimmt, wo der Imam erklärt, was recht und was unrecht ist, erscheint die westliche Lebensform nicht nachahmungswert. Hier handelt es sich um eine historische Verzögerung in der Entwicklung um ca. 400 bis 500 Jahre im Vergleich zu den westlichen Ländern“. In solcher Form der gesamten islamischen Welt mit einem Federstrich die Fähigkeit zu eigenständigem Denken und demokratischer Entwicklung abzusprechen, erinnert geradezu an koloniales Gedankengut zu Anfang des 19. Jahrhunderts.

Auch in der weiteren Darstellung erscheint der Islam in seiner Gesamtheit als antiwestliche Bedrohung, der einen „vereinten islamischen Terrorkrieg“ gegen den Westen angezettelt hat – ausdrücklich wird dabei auch Staaten, die sich als Verbündete auf die Seite der USA gestellt haben, unterstellt, zumindest heimliche Sympathisanten der Terroristen zu sein. Nicht nur, dass die Einseitigkeit der Darstellung zeitweise geradezu skurrile Züge annimmt, auch mit der Exaktheit der Fakten nimmt der Autor es hier nicht mehr so genau. So tauchen die Tamil Eelam aus Sri Lanka ebenso wie die kurdische PKK als mit al-Qaida verbundene „panislamische Terrorgruppen“ auf. Ohne jede Quellenangabe wird behauptet, Saddam Hussein habe vor oder während des Krieges gegen die USA mit arabischen Terrorgruppen verhandelt und nach dem Krieg hätten dann „höchstwahrscheinlich“, ebenfalls ohne Quellennachweis, „die Sunniten“ al-Qaida in den Irak „eingeladen“.

Enttäuschend und fehlerhaft

Doch auch die vorhandenen Quellenangaben lassen gravierende Zweifel an der Seriosität der Darstellung aufkommen. So wird an drei Stellen wikipedia als Quelle bemüht, andere Angaben werden mit Nachweisen wie „Berichterstattung der NZZ von diesen Tagen aus dem Irak“ belegt. Da sollte man als Wissenschaftler doch etwas mehr Sorgfalt walten lassen, insbesondere wenn kontroverse Thesen vertreten werden. Abgerundet wird der negative Gesamteindruck sowohl durch die zahlreichen Rechtschreibungs- und Satzbaufehler als auch dem vollständigen Fehlen eines Fazits, das die im Klappentext angekündigten Parallelen zwischen Vietnam- und Irakkrieg behandelt. Hier muss der Leser sich wohl selbst ein Urteil bilden.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Pozsgais Buch bei weitem nicht hält, was es verspricht. Den üblichen Maßstäben wird die Form der Darstellung, vor allem im Abschnitt über den Irakkrieg, oft nicht gerecht und es ist dort stellenweise kaum möglich, ohne Kopfschütteln und ungläubiges Staunen zu lesen, was da in gedruckter Form den Anspruch einer politikwissenschaftlichen Publikation erhebt. Angesichts der Fülle an wesentlich besseren Büchern zu beiden Themen kann man vom Kauf nur dringend abraten.

Pozsgai, Joseph:
Vom Vietnam-Krieg zum Irak-Desaster. Fehlentscheidungen amerikanischer Politik,
(2008), München, Olzog Verlag,
320 Seiten, ISBN 978-3-7892-8256-0, 24,90 Euro


Die Bildrechte unterliegen einer Creative-Commons-Lizenz (Ali Mansuri/Wikimedia Commons), bzw. liegen beim Olzog Verlag (Buchcover). Der Verlag im Internet.


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3 Kommentare auf “Einseitige Darstellung zweier Konflikte

  1. Viele Leute vergessen auch die Entwicklung im Irak, die wirklich zu mehr Stabilität führt und menschenrechtlich und versorgungstechnisch Fortschritt bringt. Das wird bei unserem einseitigen Neocon-Bashing oft vergessen, weil es nicht in unser Bild passt

  2. Ad Christoph Rohde: Stimmt. Kritik an den USA wird oft pauschal und vor allem ohne plausible politsiche Alternativen formuliert. Hinterher ist man immer klüger.
    Obwohl ich auch zustimmen würde, dass Zeitungsschnipsel keine ausreichenden Quellen für eine tiefergende politische Analyse sind, darf man nicht vergessen, dass (Bob Woddward ausgenommen) der Zugang zu Regierungsdokumenten aus diesem jüngsten Abschnitt US-amerikanscher Geschichte erstmal b.a.W. verschlossen bleibt.
    Last but least ist das Zitat über das Handicap der Religion im Hinblick auf die Modernisierung nicht unzutreffend: Auch in Europa ging der Weg zu Modernität und technischem Fortschritt über die Aufklärung und die Säkularisierung, den Sieg der Freiheit des Individuums über religiöses Dogma und Obrigkeitshörigkeit. Diesen Schritt haben viele islamisch geprägte Staaten bis heute nicht nachvollzogen, auch aus Angst der Herrscher um die bestehenden Machtverhältnisse.

  3. @ Michael: Ohne Zweifel sind in weiten Teilen der islamischen Welt Demokratiedefizite festzustellen, zum Teil sogar gravierende. Und auch die Religion spielt dabei zum Teil eine Rolle. Dennoch trifft dies keineswegs auf die gesamte islamische Welt zu; Demokratiebewegungen gibt es fast in jedem islamischen Land und auch auf der Ebene der Staatsführungen sind demokratische Elemente mittlerweile keine Seltenheit mehr (auch wenn sie in ihrer Gesamtheit in der Regel (noch) nicht westlichen Standards entsprechen). Hierbei sollte man nicht vergessen, dass auch die Teile der Zivilgesellschaft, die gesellschaftliche Modernisierung und Demokratisierung vorantreiben, keineswegs zwangsläufig säkulare Bewegungen sind. Die Versuche progressiver islamischer Theologen und Theologinnen, unter Verweis auf alternative Auslegungsmöglichkeiten des Koran gesellschaftliche Modernisierungen zu erreichen, sprechen für sich alleine schon gegen ein Pauschalurteil wie das, welches Pozsgai hier vornimmt. Doch auch jenseits akademischer Diskussionen ist in vielen Teilen der (sehr heterogenen) islamischen Welt eine bemerkenswerte Aufgeschlossenheit gegenüber neuen gesellschaftlichen und politischen Strukturen zu konstatieren. Und: Diese sind nicht in ihrer Gesamtheit Exportprodukte des Westens. So existieren beispielsweise in Afghanistan traditionelle Instrumente der Entscheidungsfindung, die auf Stammes- bzw. Clanebene zumindest näherungsweise nach dem Prinzip der Gleichheit der (allerdings nur männlichen) Mitglieder funktionieren. Und auch was die patriarchalischen Strukturen betrifft ist dort Einiges im Wandel. So werden beispielsweise die Mädchenschulen dort keineswegs nur abgelehnt. Wie ich finde ist insgesamt eine differenzierte Betrachtungsweise der islamischen Welt elementar wichtig; auch sollte der „westliche“ Entwicklungspfad zwar durchaus als Anhaltspunkt, mit Einschränkungen auch als Wegweiser, aber keineswegs als Blaupause verstanden werden, die einfach in islamische Gesellschaften übertragen werden kann. Dies ist auch nicht nötig, denn dort gibt es bereits heute zahlreiche gesellschaftliche Kräfte, die für die Verwirklichung eigener islamischer Demokratieformen kämpfen; diese zu unterstützen ohne sie zu bevormunden ist das Sinnvollste, was von außen möglich ist, um die Prozesse gesellschaftlicher Demokratisierung voranzutreiben.

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