Die Suche nach der Wahrheit

Eine der größten und ungeheuerlichsten Lügen unserer Zeit ist die Behauptung von der Gewalttätigkeit der muslimischen Welt. Jürgen Todenhöfer räumt in seinem neuen Buch mit dem einseitigen Bild vom Islam auf und schildert einen Irak wie er in den Medien nur selten dargestellt wird. Von Daniel Hönow

Der völkerrechtswidrige Einmarsch von amerikanisch-britisch geführten Truppen im Irak ist Ausdruck einer Ideologie der rücksichtslosen Machtentfaltung. Nicht nur die Begründungen für den Einmarsch in den Irak und den Sturz des Hussein-Regimes, sondern auch die Rechtfertigung des jahrelangen Verbleibs der Besatzungstruppen wurden und werden durch eine wahrheitsverfälschende, höchst manipulative Berichterstattung westlicher Medien begleitet. Glücklicherweise gibt es Möglichkeiten, sein Blickfeld auf den Konflikt zu erweitern und zu vertiefen. Doch Diejenigen, die sich auf die Suche nach der Wahrheit begeben, müssen dafür nicht selten ihr Leben riskieren.

Der Buchautor, Medienmanager und frühere Bundestagsabgeordnete Jürgen Todenhöfer, reiste nach monatelangen Vorbereitungen im August 2007 über Syrien Undercover in den Irak ein. Er verbrachte fünf Tage in einer irakischen Familie in Ramadi, der einstigen Hauptstadt Al-Qaidas, im schwer umkämpften sunnitischen Dreieck. Todenhöfer kam in diesen Tagen mit Widerstandskämpfern und einem Terroristen Al-Qaidas zusammen und hat mit ihnen über ihr Leben im Irak und ihre Handlungsmotive gesprochen. Das Buch Warum tötest Du, Zaid? ist ein packender und zugleich tief beklemmender Bericht über seine Reiseerfahrungen. Es ist zudem eine lobenswert differenzierte Betrachtung des Konflikts und seiner Hintergründe und ein engagierter Hinweis auf die vielen Gemeinsamkeiten zwischen christlicher und muslimischer Welt.

Geschichte einer irakischen Familie mit exemplarischen Wert

Der Autor erzählt die Geschichten von irakischen Kriegsopfern und ihren Angehörigen. Nahezu jede im Irak lebende Familie dürfte seit Beginn der Kämpfe im März 2003 Angehörige verloren haben. Schätzungsweise 1,2 Millionen Iraker sind seitdem an den Folgen des Krieges gestorben. Zwei dieser getöteten Menschen sind Zaid’s jüngere Brüder Haroun (19) und Karim (18). Ihr Schicksal und die Reaktionen der Angehörigen darauf stehen stellvertretend für viele irakische Familien.

Mit dem Widerstand hatten beide Brüder bis zu ihrem Tod nie irgendetwas zu tun. Haroun studierte Ingenieurwissenschaften. Im Sommer des Jahres 2006 hatte er Semesterferien und genoss diese, so gut das in Kriegszeiten eben geht. Nach einem Besuch bei der Familie seines Onkels im Zentrum Ramadis brach er frühmorgens auf, um zu seiner Familie zurückzukehren bevor es zu heiß wurde. „Es ist kurz nach sieben Uhr als er in die kleine Straße einbiegt, in der seine Familie wohnt. Er kickt einen kleinen Ball vor sich her, den er irgendwo gefunden hat. In der rechten Hand trägt er eine weiße Buschrose, die er im Morgengrauen für seine Mutter gepflückt hat. Einem Nachbarjungen, Jarir, der ihm auf der gegenüberliegenden Straßenseite entgegenkommt, ruft er ein freudiges Salam – Friede – zu. Genau in diesem Augenblick peitscht ein Schuss durch die Straße. Haroun fasst sich ungläubig an den Hinterkopf, geht wie in Zeitlupe in die Knie und fällt vornüber mit dem Gesicht in den Staub. Leblos bleibt er im Dreck der Straße liegen.“

Auch Zaid‘s jüngster Bruder Karim wird nur 30 Meter vom Haus seines Onkels entfernt angeschossen und verblutet vor den Augen seiner Familie, die ihm nicht helfen kann, da sie im Kreuzfeuer der amerikanischen Scharfschützen den sicheren Tod finden würde. Bei der Beerdigung Karims wird Zaid klar, dass er sich nicht mehr damit abfinden kann, was mit seiner Familie und mit seinem Land geschieht. Er beschließt sich dem Widerstand anzuschließen.

Die Legitimität des irakischen Widerstands

Der Autor (Foto rechts) differenziert klar zwischen der „Mörderbande“ Al-Qaida, deren Mitglieder zu einem überwältigenden Teil aus dem Ausland stammten und dem irakischen Widerstand gegen die Besatzung. Die Iraker seien keineswegs demokratiefeindlich. Ihr Widerstand sei, so Todenhöfer, nicht einmal Ausdruck einer besonderen Feindschaft gegenüber amerikanischen Soldaten an sich. Er sei vielmehr das Ergebnis größter Verzweiflung. Ein Bemühen um Gerechtigkeit von vollkommen desillusionierten Menschen, deren Mütter, Väter, Schwestern und Brüder von den Besatzungstruppen abgeknallt, gefoltert und gequält worden seien. Der Kampf der Iraker für ihr nationales Selbstwertgefühl und gegen die Besatzungstruppen sei vor diesem Hintergrund absolut verständlich, nichts anderes als menschlich und letztlich vollkommen legitim.

Wenn Todenhöfer darauf verweist, dass Al-Qaida in den vergangen 20 Jahren bei Anschlägen im Westen 5000 Menschen getötet habe, im Irak seit Kriegsbeginn jedoch mittlerweile 1,2 Millionen Tote zu beklagen seien, dann geht es ihm nicht um eine Relativierung der Anschläge von Islamisten. Es geht ihm vielmehr darum, zu zeigen, wer in dem Konflikt eigentlich Gewalt gegenüber wem ausübt.

Hinter der mitunter systematisch betriebenen Dämonisierung des Islams in vielen Medien stecken knallharte politische Interessen. Im Irak gebe es bis zu 100.000 Widerstandskämpfer, die täglich bis zu 100 Aktionen gegen militärische Ziele der Besatzungsarmee unternähmen. Gleichzeitig gebe es circa 100 Aktionen der Besatzer, die sich gegen den Widerstand richteten. All diese Luftangriffe, Durchsuchungen, Massenverhaftungen und Straßengefechte, die etwa 99 Prozent des Kriegsgeschehens bestimmen und ebenso viele Opfer verlangten, spielten in den Medien nahezu keine Rolle.

Die Berichterstattung werde vielmehr bestimmt von Beiträgen über Selbstmordanschläge der circa 1000 Al-Qaida Kämpfer, die sich im Irak befinden. Diese Rolle Al-Qaidas im Irak werde ebenso wie innerirakische, religiöse Konflikte bewusst übertrieben, um eine Legitimation für den Verbleib der Besatzungstruppen zu konstruieren. Der Krieg im Irak sei, so Todenhöfer, die Fortsetzung einer jahrhundertelangen Tradition besonderer Grausamkeit und Skrupellosigkeit des Westens gegenüber anderen Kulturen. Kreuzzüge, Kolonialismus, Weltkriege und Genozid. Die Gewalttätigkeit der westlichen Welt sei historisch betrachtet das größte Übel der Menschheitsgeschichte. Und die Muster, mit denen man versuche, sein Handeln zu legitimieren, seien verblüffend ähnlich.

Die andere Seite der Medaille

Todenhöfer hat mit seinem Reisebericht Bemerkenswertes geschaffen. Er blickt hinter die von amerikanischen Scharfschützen und gepanzerten Humvees gesicherten, hohen Mauern der „grünen Zonen“, in denen sich westliche Politiker mit Vorliebe absetzen lassen, um danach von den Fortschritten beim Wiederaufbau und der verbesserten Sicherheitslage zu berichten. Er zeigt, dass es hinter diesen Mauern einen Irak gibt, den wir nicht aus dem Fernseher kennen. Ein von jahrzehntelangen Sanktionen und vom Krieg gezeichnetes, trauriges und leidendes Land, in dem mittlerweile so viele, zutiefst unglückliche Familien leben.

Todenhöfer, Jürgen,
Warum tötest Du Zaid?
(2008), München, C. Bertelsmann Verlag,
320 Seiten, ISBN 978-3-570-01022-8, EUR 19,95


Die Bildrechte liegen beim C. Bertelsmann Verlag. Der Verlag im Internet.


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

US-Außenpolitik versus öffentliche Meinung?

Der Iran bastelt an der Bombe

Bushs Irak-Debakel unterm Mikroskop

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.