Die Rückkehr eines Juden

3_486_58395_gr.jpgWarum waren einige Juden zu einer Remigration nach Deutschland bereit – trotz ihrer traumatischen Erfahrungen in der Nazizeit? Am Beispiel von Hans Lamm, dem ehemaligen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde in München, versucht die Historikerin Andrea Sinn dieser Frage nachzugehen. Von Christoph Rohde

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Professor Michael Brenner an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Andrea Sinn, hat mit ihrer überarbeiteten Magisterarbeit über den jüdischen Emigranten Hans Lamm Und ich lebe wieder an der Isar einen wichtigen Beitrag zur jüdischen Geschichte und Kultur in Bayern geleistet. Ihre biographische Studie erlaubt einen genaueren Blick in die Gefühlslage von Juden als „Wanderer zwischen den Welten“.

Ehrliche Einschätzungen

Wie jede respektable biographische Abhandlung beginnt auch Sinns Untersuchung mit einer dezidierten Darstellung der Kindheit und Jugend Lamms. Als spannend erweist sich sein schwieriges Verhältnis zu seinem hochbegabten Bruder Heinrich. In kreativer Weise vermochte es Hans Lamm, sich Domänen zu erschließen, in denen er sich seinem multitalentierten Bruder nicht unterlegen fühlte. Schließlich entdeckte er sein Faible für den Journalismus.

Lamm hatte frühzeitig einen klaren Blick auf die Situation der Juden in Deutschland vor dem Krieg. Die Gruppe sei durch ihre Uneinigkeit so geschwächt worden, dass sie zu keiner wehrhaften Position gegen die Angriffe durch die Nazis gefunden habe. Er gibt zu, dass die Juden die Gefahren des Nationalsozialismus für die eigene Existenz nicht erkennen konnten oder auch nicht erkennen wollten. Die deutschen Juden waren von einem erheblichen deutschen Patriotismus beseelt, der sich vor allem in kulturellen Dimensionen wie der Bildung widerspiegelte. In München machte Lamm einen „gemütlichen Antisemitismus“ aus, dessen radikale Züge zunächst einfach nicht deutlich wurden. Ihm reichte es bis zum Lebensende nicht, die Rolle der Juden vor allem als Opfer („Trutz-Judentum“) zu definieren. Die Inhalte des Judentums in positiver Weise zu restaurieren, das wurde sein Lebensziel.

Das amerikanische Exil

Sinn_Andrea.jpgDie Verfasserin (Bild links) zeigt, dass Lamm den USA sehr skeptisch gegenüber stand. Die Emigration in die Vereinigten Staaten war für ihn keineswegs das große Los. Aus vielen Biographien wird sichtbar, dass viele Juden nicht so willkommen waren im „Land of the Free“, wie das die offizielle Geschichtsschreibung gern suggerieren möchte. Einerseits fühlte er sich zunächst überflüssig, weil er keine adäquate berufliche Stellung fand, andererseits plagten ihn als Überlebenden Schuldgefühle. Die hohe Politik verschaffte ihm dann eine geeignete Tätigkeit, die ihm auch die Rückkehr nach Deutschland zu einem sehr frühen Zeitpunkt ermöglichte: Lamm wurde aufgrund seiner Sprachkenntnisse und verbalen Fertigkeiten Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen gegen die Nazi-Verbrecher. Hier machte er sich einen Namen.

Wanderer zwischen den Welten

Bei den Prozessen glänzte Lamm durch eine Mixtur aus Strenge und Kompetenz. Die andere Ebene war die persönliche, mit der er – wie viele jüdische Heimkehrer – fertig werden musste: „Es schien […] so zu sein, dass die Welten, in denen wir lebten und die Dinge, die wir erlebt hatten, so verschieden waren, dass wir keinen Weg fanden, um den Abgrund zwischen uns zu überbrücken.“

Politisch erwies sich Lamm als ein überzeugter Exponent des Rechtsstaats. Die Forderungen nach einem „kurzen Prozess“ lehnte der Dolmetscher ebenso ab wie bestimmte Kollektivschuldvorstellungen auf Seiten der Siegermächte. In zahlreichen Schriften zeigte er das schwierige Verhältnis von Juden und Deutschen bis Anfang der siebziger Jahre in der Bundesrepublik auf. Eine gewisse Künstlichkeit im Umgang war das Resultat des beiderseitigen Versuchs, Fettnäpfchen zu vermeiden.

Hindernisse und Karrieresprünge in der Heimat

Beklemmend wirkt die Darstellung der Bemühungen Lamms, seine vertreibungs- und enteignungsbedingten Entschädigungsansprüche gegen die Bundesrepublik durchzusetzen. Die Zuständigkeiten wurden von den Behörden hin und hergeschoben, so dass der jüdische Publizist mehrfach in große finanzielle Bedrängnis geriet. All die Schwierigkeiten konnten ihn jedoch nicht daran hindern, den ersten jüdischen Verlag der Nachkriegszeit zu gründen und maßgebliche Veröffentlichungen zur jüdischen Kultur herauszugeben. Zudem wurde er leitender Angestellter der Münchner Volkshochschule (MVHS). Seine besonderen Lebenserfahrungen, die exzellente Geschichtskenntnis sowie die Fähigkeit, die Situation der Juden in der Öffentlichkeit offensiv zu vertreten, sorgten dafür, dass er 1970 zum Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde von München gewählt wurde.

Die Existenz Israels als Dilemma

Der Präsident war in einer schwierigen Zeit gewählt worden. Zunächst gab es in München zwei Anschläge gegen jüdische Einrichtungen mit Todesfolge. Dazu musste Lamm ein Gleichgewicht zwischen Interessen der Juden in Deutschland und den Interessen des Staates Israel finden. Lamm war vor dem Krieg kein überzeugter Zionist gewesen, aber jetzt forderte er zu Zeiten der existentiellen Bedrohung Israels eine bedingungslose Loyalität ein – auch von Seiten der Deutschen. Diesen stellt er nach dem Attentat auf die israelische Olympiamannschaft in München 1972 jedoch ein gutes Zeugnis aus: In einer weltweit übertragenen Rede auf dem Münchner Königsplatz sagt Lamm, dass sich München von der „Hauptstadt der Bewegung“ zu einer „Weltstadt mit Herz“ gewandelt habe – ein eindeutiges Bekenntnis zum Nachkriegsdeutschland und dessen reifender Demokratie. Auf der anderen Seite witterte er manchmal vorschnell antisemitische Einstellungen und musste bei manchen Beschwerden gegen offizielle Berichterstattungen Rückzieher machen.

Poetisches

Lamm fand – trotz mancher selbst eingestandener Charakterschwächen – zu einer Toleranz, die er aus seinem Glauben zog. Er verfasste ein Essay „Vom Ebenbild Gottes“, das seine persönliche Reife in folgendem Auszug gut beschreibt: „Das Suchen und Finden des Mitmenschen darf keine einmalige und vereinzelte Feiertagstat sein, nicht allein auf den Verwandten- und Bekanntenkreis beschränkt sein, sondern umschließt auch das Wagnis, die Mauern einzureißen, alle Wälle, die wir gegen Menschen anderer Religion, Nationalität oder Rasse aufgetürmt haben.“

Beitrag zum besseren Verständnis

Aufgewertet wird das interessante und Neuland erschließende Buch zusätzlich durch ein Geleitwort der Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch. Diese sieht in dieser Untersuchung einen Beitrag zur Überwindung von Vorbehalten gegenüber Juden, welcher ein unbefangenes und verantwortungsvolles Miteinander von jüdischen und nichtjüdischen Münchnern zu erleichtern helfe.

Sinn vermag es, die äußeren Aspekte der Judenverfolgungen und die subjektiven Perzeptionen Hans Lamms in einen vernünftigen und nachfühlbaren Bezug zu setzen. Diese gelungene Synthese macht das Buch zu einem wahrhaft originären Werk, bei dem die Handschrift des Doktorvaters Michael Brenner unverkennbar ist. Deshalb ist es wünschenswert, dass das Buch über die lokale Perspektive Münchens hinweg eine breite Leserschaft findet.

Andrea Sinn:

Und ich lebe wieder an der Isar – Exil und Rückkehr des Münchner Juden Hans Lamm.

(2008), München, Oldenbourg Verlag,

229 S., ISBN 978-3-486-58395-3. 24,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Oldenbourg Verlag (Cover und Portrait).


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Heimat und Exil der deutschen Juden nach 1933

Ideologische Horizonte abstecken

Unbekannte Helfer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.