Die Macht des Gases

Russlands neuem Präsidenten Medwedew wird er das vielleicht machtvollste Werkzeug sein. Zwei russische Journalisten porträtieren in ihrem Buch den weltgrößten Erdgaslieferanten Gazprom. Ob Erpressung der Nachbarstaaten oder Einflussversuche auf den Westen: Nicht erst seit Wladimir Putin nutzt der Kreml den Gaskonzern als Waffe für eigene Interessen. Trotz lohnenswerter Einblicke: Bis zum Zünder dringen die Autoren leider nicht vor. Von Maik Henschke

Ob Dmitrij Medwedew und Wladimir Putin am Abend des 14. Mai 2008 ausgiebig gefeiert oder wenigstens zufrieden gelächelt haben, ist nicht überliefert. Allen Grund hätte das frischgebackene Führungsduo in Moskau gehabt. An jenem Mittwochabend gewann der russische Fußballverein Zenit St. Petersburg erstmals den UEFA-Pokal. Man könnte das Team getrost als zweite Nationalmannschaft bezeichnen. Nicht etwa, weil beachtliche sieben einheimische Spieler in der Startelf standen. Nein: Der Klub ist in Besitz von Gazprom. Das Buch Gazprom – Das Geschäft mit der Macht vermittelt ein Gefühl dafür, was prestigeträchtige Schlagzeilen dieser Art, und entstehen sie nur auf dem Stadionrasen, für die Marke Gazprom bedeuten – und damit für die Machthaber im Kreml.

Wirtschaftskrimi und lehrreiches Kreml-Porträt

Aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten die russischen Journalisten Waleri Panjuschkin (Foto unten links) und Michail Sygar (Foto unten rechts), die für die kritischen Wirtschaftszeitungen Wedomosti und Kommersant arbeiten, den größten Erdgaslieferanten der Erde. Entstanden ist eine Mischung aus unterhaltsamem Wirtschaftskrimi und lehrreichem Blick hinter die Kulissen der postsowjetischen Kreml-Politik. Lobenswert ist das Streben der Autoren nach Ausgewogenheit. Sie sprechen sowohl mit früheren und aktuellen Gazprom-Funktionären als auch mit liberalen Politikern und russischen Gazprom-Kritikern.

Waleri PanjuschkinHeute ist Gazprom mit rund 400.000 Angestellten der bedeutendste Arbeitgeber des Landes und mit einem Börsenwert von mehr als 230 Milliarden Dollar der größte Erdgasproduzent der Welt. Die Zahlen der Autoren geben Anlass zur Beunruhigung: Demnach ist Deutschland zu 45 Prozent vom Import russischen Gases abhängig, Österreich zu 75 Prozent und Finnland gar vollständig. Russlands neuer Präsident Medwedew entstammt selbst der Gazprom-Schaltzentrale. Der 42-Jährige war bislang Aufsichtsratschef und russischer Vize-Ministerpräsident. Wie das Buch anhand zahlreicher Anekdoten zeigt, wird die enge Verquickung zwischen dem Monopolisten für Gasexporte und dem Kreml gepflegt wie eine gute Tradition.

Neben den Führungsetagen skizzieren die Autoren auch das Innenleben des Energiekonzerns. Panjuschkin und Sygar besuchen die Gasfelder in der Tundra, wo die Arbeiter wegen der eisigen Temperaturen nur an 120 Tagen im Jahr überhaupt eine Nase aus der Tür stecken können. Dafür werden die Malocher an der Basis gut entlohnt und genießen im Gegensatz zu ihren Landsleuten zahlreiche Privilegien. Der Konzern verfügt über einen riesigen Servicebereich für seine Angestellten mit Fluglinie, Medienimperium, Banken, Rentenfonds und Schweinefarmen.

Daumenschraube für die benachbarten Diktatoren

Die Geschichte Gazproms ist eng verwoben mit dem Comeback Russlands auf der Weltbühne nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Das „Ministerium für Gasindustrie“ überlebt als einziges fast unbeschadet den Zusammenbruch der Sowjetunion. Der frühere Energieminister Wiktor Tschernomyrdin treibt den Aufstieg des Staatskonzerns voran. In der Krisenzeit unter Präsident Jelzin ist es Gazprom, das die russischen Bürger zuverlässig mit Wärme versorgt – obwohl niemand seine Gasrechnung bezahlen kann.

Wladimir Putin, so schreiben die beiden unabhängigen Journalisten, erkennt als Erster das ungeheure Machtpotenzial des bis dahin eigenwilligen Konzerns, der 1998 privatisiert wird. Er verwandelt ihn in ein effektives Werkzeug seiner Politik. Unter Putin heißt die Strategie: Wir kaufen alles Gas, was wir kriegen können – und helfen notfalls nach. Die Diktatoren in Usbekistan, Weißrussland und Turkmenien, die sich nur dank des unsichtbaren Stoffs an der Macht halten, zwingt Gazprom zu langfristigen Lieferverträgen. Die Verhältnisse diktiert Russland, sie erinnern an Kolonialzeiten. Mit diesem Geschäft finanziert der Kreml auch die Unterdrückung innerhalb dieser Länder. Turkmeniens größenwahnsinniger Despot Saparmurat „Turkmenbaschi“ Nijasow etwa darf im Gegenzug die doppelte Staatsbürgerschaft für seine Untertanen abschaffen. Dissidenten können nun keine Zuflucht mehr in Russland suchen, ohne ihr altes Leben aufzugeben. Doch Russlands Politik schaut weg. Bloß nicht den wichtigen Gasliefervertrag gefährden.

Seinen Höhepunkt erreicht die Machtprobe mit den Nachbarn Ende 2005. Als die „Orangene Revolution“ durch die Ukraine schwappt und Moskaus Favorit Janukowitsch die Wahlen in Kiew verliert, dreht Russland der Ukraine den Gashahn zu. Ein gelungenes Buchcover (siehe oben rechts) sagt manchmal mehr als tausend Worte. Der Gasmonopolist war gereift zu Putins wichtigster politischer Waffe. Ein Energiekonzern bestimmte die Außenpolitik.

Auf nach Westeuropa

Michail SygarGazprom startet mit Putins Segen einen Angriff auf die Gasherde Westeuropas. Doch der „Gaskrieg“ mit der Ukraine lässt den Westen aufhorchen. Nicht nur auf dem britischen Markt stoßen die Russen auf Widerstand. Niemand will sich vom Kreml abhängig machen. Einzig in Deutschland scheint die Putin-Strategie aufzugehen. In den letzten Wochen der Ära Schröder schmiedet Gazprom ein Abkommen über die umstrittene Ostseepipeline Nord Stream nonstop in den Westen. Beim Fußballklub Schalke 04 steigt der Konzern als großzügiger Hauptsponsor ein, um sein angekratztes Image zu polieren. Das Geld wischt mögliche Bedenken beiseite: „Früher wussten wir nichts von Gazprom“, sagt Schalkes Marketing-Manager Steiniger. „Wir dachten, das ist die russische Mafia.“ Unter den Augen von Angela Merkel erlangt Gazprom 2006 vom Energiekonzern BASF den ersehnten Zutritt zum deutschen Verteilungsnetz.

Der Gasriese lässt sich nicht vollends in die Karten schauen

Auch Sygar und Panjuschkin scheitern daran, den mächtigen Konzern vollends zu enthüllen – was sie auch selbst zugeben. Welcher derart mächtige Konzern lässt sich schon widerstandslos in die Karten schauen? Trotzdem erklären sie entscheidende Zusammenhänge, stellen wichtige Fragen und lassen alle Seiten zu Wort kommen. Der Fülle an Namen hätte eine genauere Einordnung gut getan. So gerät sie stellenweise unübersichtlich wie die Gasjahresendabrechnung.

Zwei Schlüsselfiguren haben Panjuschkin und Sygar leider nicht zu einem Interview bewegen können: Den ebenso mächtigen wie medienscheuen Gazprom-Vorstandschef Alexej Miller. Der Putin-Gefolgsmann wurde 2001 vom neuen Präsidenten an die Spitze des Energieriesen gehievt und vollzog die Wandlung des Konzerns zum Machtapparat. Zum anderen einen Ex-Regierungschef, der sich zu seiner aktiven Zeit alles andere als medienscheu gab. Als Antwort auf ihre zahlreichen Anfragen an den heutigen Aufsichtsratsboss des Gazprom-Ostseepipeline-Konsortiums erhalten die Autoren nur einen Brief, dass man jedes Interview zum Thema Gazprom offiziell ablehne. Er trägt die Unterschrift von Gerhard Schröder.

Panjuschkin, Waleri und Sygar, Michail,
Gazprom – Das Geschäft mit der Macht,
(2008), München, Droemer Verlag,
304 S., ISBN 978-3-426-27452-1, 16,95 Euro.


Die Bildrechte liegen beim Droemer Verlag. Der Verlag im Internet.


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Die Putinokratie

Der unbequeme Riese aus dem Osten

Russlands Suche nach seiner Rolle in der Welt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.