Die gekränkte Großmacht

Gibt es historische Parallelen für Russlands heutige Lage? Ein bekannter Osteuropahistoriker der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt erkennt frappierende Ähnlichkeiten zwischen den russischen Gemütslagen sowie Reformversuchen nach dem Krimkrieg 1853-1856 und nach dem Zerfall des Sowjetblocks 1989-1991. Ein Gastbeitrag von Leonid Luks

Nach der Auflösung der Sowjetunion verwandelte sich Russland in einen gekränkten Koloss, der nach einer Wiederherstellung seiner erschütterten Großmachtposition strebt. Insofern erinnert die Lage des Landes an diejenige Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg. Deshalb wurde der Begriff „Weimarer Syndrom“ wiederholt in Bezug auf Russland gebraucht. Aber auch in der Geschichte von Russland selbst gab es Perioden, in denen sich das Land, ähnlich wie die Weimarer Republik, als eine gekränkte Großmacht verhielt, dies vor allem nach dem Krimkrieg (1853-1856).

Paradigmenwechsel: Neue Akzente in der russischen Außenpolitik nach dem Krimkrieg und nach der Auflösung der Sowjetunion

Die innen- und außenpolitischen Konstellationen von 1856 und von 1991 unterscheiden sich zwar grundlegend voneinander. So fand 1856 im Gegensatz zum Jahr 1991 weder ein Zerfall des russischen Imperiums noch ein politisch-ideologischer und wirtschaftlich-sozialer Systemwechsel statt. Dessenungeachtet kann man bestimmte Ähnlichkeiten im Verhalten der politischen Klassen Russlands in den beiden Perioden feststellen, die darauf hinweisen, dass die Geschichte Russlands neben umwälzenden Brüchen auch Kontinuitäten aufweist.

Nach der Auflösung der UdSSR zitierten manche russische Autoren wiederholt den Satz des russischen Außenministers Gortschakow, den dieser kurz nach der Niederlage des Zarenreiches im Krimkrieg formulierte: „Rossija sosredototschiwajetsja“ (Rußland sammelt bzw. konzentriert sich). Man wollte damit ausdrücken, dass der Schockzustand, in den Russland nach dem Verlust seines Imperiums und seiner Hegemonialstellung in Europa geraten war, nicht von Dauer sein werde. Früher oder später werde es erneut, ähnlich wie nach dem Krimkrieg, als Großmacht auf die politische Bühne zurückkehren.
Die Politik der 1991 untergegangenen Sowjetunion war ebenso wie diejenige des Zarenreiches vor dem Krimkrieg ideologisch geprägt. Die UdSSR stellte eine Ideokratie dar, die die Prinzipien des proletarischen Internationalismus vertrat und die die sogenannten gegenrevolutionären Kräfte, auch außerhalb der Grenzen der Sowjetunion, in der DDR, in Ungarn oder in der Tschechoslowakei, bestrafte.

Auch das Zarenreich diente in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts übernationalen Ideen – nämlich den „legitimistischen Prinzipien“ – und versuchte Bewegungen, die sich gegen diese Prinzipien auflehnten, auch außerhalb der Grenzen Russlands, z.B in Ungarn oder in den Donaufürstentümern, zu unterdrücken.
Nach der Niederlage im Krimkrieg hielt die russische Führung diese Interventionspolitik für verderblich. Diese hatte z.B. das Habsburger Reich – den künftigen außenpolitischen Gegner des Zarenreiches – 1849 durch die Unterdrückung des Ungarn Aufstandes vor dem Untergang gerettet. Der bereits erwähnte Außenminister Gortschakow sagte, die Solidarisierung mit den anderen legitimistischen Mächten, so vor allem mit Österreich, habe Russland in ganz Europa verhasst gemacht. Russland solle auf die Rolle eines europäischen Gendarmen verzichten und lediglich seine nationalen Interessen verteidigen.
Ähnlich argumentierten auch viele russische Politiker nach dem Zerfall der Sowjetunion. Die Solidarisierung mit den „sozialistischen Bruderländern“ habe Russland in völlig unnötige Konflikte in der ganzen Welt verwickelt und zum Hassobjekt vieler Völker gemacht. Von nun an solle sich das Land lediglich um seine eigenen Interessen kümmern.

Die polarisierende Wirkung von Reformen

Die Rückbesinnung auf die eigenen Interessen wurde sowohl im Zarenreich nach dem Krimkrieg als auch im postsowjetischen Russland mit einem grandiosen innenpolitischen Reformwerk verknüpft. Nach dem verlorenen Krimkrieg erlebte Russland eine innenpolitische Umwälzung, die an die petrinischen Reformen des beginnenden 18. Jahrhunderts erinnerte und die man als die zweite Westernisierung bzw. Europäisierung Russlands bezeichnen kann. Die Leibeigenschaft wurde abgeschafft, die Zensur erheblich gelockert, die Justizreform von 1864 schuf unabhängige Gerichte und verankerte damit die ersten Ansätze einer Gewaltenteilung im Lande. Viele der Forderungen, die seit Generationen von den Kritikern der russischen Autokratie aufgestellt worden waren, wurden nun eine nach der anderen erfüllt.

Nicht anders verhielt es sich mit der innenpolitischen Entwicklung Russlands nach dem Zusammenbruch der innerlich ausgehöhlten kommunistischen Diktatur. Nach sieben Jahrzehnten Gesinnungsdiktatur, Planwirtschaft und bolschewistischer Alleinherrschaft begann der dornige Weg Russlands zu einer offenen Gesellschaft, die allmähliche Rückkehr des nach dem Oktober 1917 vom Westen abgeschotteten Landes nach Europa.

In beiden Fällen wirkten die Reformer polarisierend auf die Gesellschaft, allerdings in unterschiedlicher Art und Weise. In der Epoche Alexanders II. ging die größte Gefahr für das damalige Reformwerk von ungeduldigen Utopisten aus, für die die umwälzenden Veränderungen der Reform-Ära nicht radikal genug waren. Sie waren nicht an einer Reform des bestehenden Systems, sondern an seiner Zerstörung interessiert. Im postsowjetischen Russland dagegen wurden die im August 1991 eingeleiteten Reformvorhaben von ganz anderen Kräften gefährdet, als dies in der Zeit Alexanders II. der Fall gewesen war – nicht von den Utopisten, die ein nie dagewesenes Reich der Gleichheit und der sozialen Gerechtigkeit errichten wollten, sondern von den entmachteten Eliten, die nach einer Revanche für die 1991 erlittene Niederlage strebten.

Nächste Seite lesen.


Die Bildrechte liegen bei Jean&Nathalie/ flickr.com (Creative-Commons-Lizenz) bzw. sind gemeinfrei (Zar Alexander II.).


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Russlands postsowjetische Regime

Die Legende Putin

Die Putinokratie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.