Die gekränkte Großmacht Teil 2

Gibt es historische Parallelen für Russlands heutige Lage? Ein bekannter Osteuropahistoriker der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt erkennt frappierende Ähnlichkeiten zwischen den russischen Gemütslagen sowie Reformversuchen nach dem Krimkrieg 1853-1856 und nach dem Zerfall des Sowjetblocks 1989-1991. Ein Gastbeitrag von Leonid Luks

Der Streit der Reformer untereinander

Der Reformprozess war in beiden Epochen allerdings nicht nur durch militante Gegner der Erneuerung, sondern auch durch die inneren Auseinandersetzungen im jeweiligen Reformlager selbst gefährdet. Diese Kontroversen betrafen nicht zuletzt die Nationalitätenfrage, die für das multinationale Reich damals wie heute von vorrangiger Bedeutung war und ist. Der Beginn der beiden Reformperioden zeichnete sich jeweils durch eine Liberalisierung auf diesem Gebiet aus. So annullierte Petersburg nach der Thronbesteigung Alexanders II. manche antijüdische Restriktionen, zugleich wurde der in Polen seit der Niederschlagung des November-Aufstandes von 1830/31 herrschende Ausnahmezustand aufgehoben.

Im postsowjetischen Russland wurde das Land von einer Pseudoföderation zu einem tatsächlich föderativen Staat umgestaltet. Der Föderationsvertrag vom März 1992 gab insbesondere den nationalen Republiken der Russischen Föderation beträchtliche autonome Rechte, von denen sie weder in der Zaren- noch in der Sowjetzeit hätten träumen können. Für einige Nationen gingen allerdings diese Zugeständnisse der Zentrale, und zwar sowohl in der ersten als auch in der zweiten Reformepoche, nicht weit genug. Auch die umfassendste Autonomie innerhalb des russischen Staatsverbandes reichte ihnen nicht aus, weil sie nach einer vollständigen Souveränität strebten. In der Zeit Alexanders II. betraf dies vor allem die Polen, im postsowjetischen Russland die Tschetschenen. Die brutale Unterdrückung des polnischen und des tschetschenischen Freiheitskampfes durch die russischen Streitkräfte untergrub in beiden Epochen die Glaubwürdigkeit der jeweiligen Reformprozesse und spaltete das Reformlager.

Einer der prominentesten Kritiker des Zarenregimes, Alexander Herzen, der die Reformen Alexanders II. zunächst euphorisch begrüßt hatte, schrieb unmittelbar nach dem Ausbruch des polnischen Januaraufstandes von 1863: „Ist denn dieser Regierung, die so leicht hätte sanft und menschlich sein können, wirklich beschieden, immer tiefer und tiefer zu sinken und sich mit Blut zu beflecken?“
Ähnlich verzweifelt klang auch der Appell des Vorsitzenden der Partei Demokratische Wahl Russlands, Jegor Gajdar, an Boris Jelzin unmittelbar nach dem Beginn der russischen Bestrafungsaktion gegen Tschetschenien im Dezember 1994: „Die Erstürmung Grosnyjs [der Hauptstadt Tschetscheniens] wird ein Schlag gegen die Integrität Russlands sein, gegen unsere demokratischen Fortschritte und gegen all das, was Sie in den letzten Jahren erreicht haben.“

Rückbesinnung auf den russischen „Sonderweg“

Zugleich stärkte aber die Auseinandersetzung mit den abtrünnigen Provinzen sowohl in der Ära Alexanders II. als auch in der Jelzin-Periode nationalistische Emotionen innerhalb der Imperialnation selbst, auch im jeweiligen Reformlager. Die Bereitschaft, auf weitere Zugeständnisse gegenüber den innen- und außenpolitischen Kontrahenten einzugehen, ließ nach. Die Kritik am Westen, der die separatistischen Bestrebungen der Polen bzw. der Tschetschenen unterstützte, nahm an Stärke zu. Beispielhaft hierfür war das 1869 veröffentlichte Werk des ursprünglich liberal gesinnten russischen Kulturhistorikers Nikolaj Danilewskij „Russland und Europa“.

Viele betrachten Danilewskij als einen Vorläufer Oswald Spenglers, denn er entwickelte die Lehre vom biologischen Alter der Kulturen, die nach Vollendung eines bestimmten Zyklus von der geschichtlichen Bühne abtreten. Die romanisch-germanische Kultur befand sich nach Ansicht Danilewskijs bereits im Stadium des Verfalls und die ihr wesensfremde slawische im Aufstieg. Antirussische Emotionen im Westen führte Danilewskij in erster Linie auf diese Wesensfremdheit, auf kulturtypologische Unterschiede zurück. Mit einer atemberaubenden Selbstgerechtigkeit schilderte er die Ausdehnung des russischen Imperiums in den letzten Jahrhunderten und verlieh ihm eine völlig andere Qualität als den Eroberungen der Westmächte.

Auch im postsowjetischen Russland begannen sich die russischen Demokraten, die sich vor August 1991 für die „Rückkehr Russlands nach Europa“ eingesetzt hatten, auf den russischen Sonderweg zu besinnen. Den prowestlich orientierten Kreisen wurde eine grenzenlose Nachgiebigkeit gegenüber den unmittelbaren Nachbarn Russlands vorgeworfen. So erklärte der politische Berater des russischen Staatspräsidenten, Sergej Stankewitsch, Mitte 1992: „Unsere Nachbarn betrachten Russland als eine Art Relikt, von dem man sich diesen oder jenen Teil abschneiden kann.“

Begriffe wie Nationalstolz oder nationale Interessen seien für den Westen selbstverständlich, fügte der Vorsitzende des Außenpolitischen Komitees des Obersten Sowjets, Jewgenij Ambarzumow, hinzu. Warum sollten sie nicht auch für Russland gelten? So fühlten sich fast alle politischen Lager Russlands sowohl nach dem Krimkrieg als auch nach dem von Moskau verlorenen Kalten Krieg durch den Westen gedemütigt und strebten nach einer Wiederherstellung der Großmachtposition des Landes.

Die Rückkehr auf die Weltbühne

Im ersteren Fall gelang dies bereits 14 Jahre nach dem Pariser Frieden von 1856, der die Niederlage Russlands im Krimkrieg besiegelt hatte. Das Zweite Französische Kaiserreich, das die wichtigste Stütze der 1856 errichteten europäischen Nachkriegsordnung darstellte, erlitt im deutsch-französischen Krieg eine verheerende Niederlage. Bereits Ende Oktober 1870 – etwa zwei Monate nach der Schlacht von Sedan, die den Zusammenbruch des zweiten napoleonischen Kaiserreiches besiegelte – erklärte der bereits erwähnte Gortschakow, Russland fühle sich an die im Pariser Vertrag beschlossene Neutralisierung des Schwarzen Meeres nicht mehr gebunden. Dieser Vertrag hatte Russland zur Schleifung seiner Befestigungen an der Schwarzmeerküste gezwungen. Das Zarenreich wurde jetzt erneut zu einem gleichberechtigten Mitglied des europäischen Konzerts der Mächte. Eine grundlegende Revision der bestehenden europäischen Ordnung strebte von nun an nicht mehr Russland, sondern Frankreich an.

Anders verhält es sich heute mit dem postsowjetischen Russland. Die Moskauer Führung wirft dem Westen vor, Russlands nationale Interessen würden von ihm nicht ausreichend gewürdigt, vor allem die USA, so der Vorwurf, weigerten sich, Russland als gleichberechtigte Großmacht zu akzeptieren. Die Osterweiterung der NATO, die militärische Intervention in Jugoslawien und die Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo werden als Beispiele für solch eine Eigenmächtigkeit des Westens angeführt. Mit der Anerkennung der Unabhängigkeit der abtrünnigen georgischen Provinzen Südossetien und Abchasien nach dem russisch-georgischen Fünftagekrieg scheint die Kreml-Führung den Beweis erbringen zu wollen, dass Russland nun als Großmacht, als eine „souveräne Demokratie“ auf die politische Bühne zurückkehrt. Die eigenmächtige Handlungsweise Moskaus erinnert an die ähnlich einseitig beschlossene Annullierung der „Pontus“- bzw. Schwarzmeerklausel durch die Petersburger Regierung im Oktober 1870.

Neue Problemlagen nach Ende des Kalten Krieges

Wenn man diese beiden Akte miteinander vergleicht, darf man indes folgende grundlegende Unterschiede zwischen den beiden Konstellationen nicht außer Acht lassen. Im Jahre 1870 betrachteten die Europäer den Nationalstaat als die Krönung der Schöpfung, und die Verteidigung der nationalen Interessen galt ihnen als eine Art heilige Pflicht des Staates. In diesem Sinne handelten damals Russland aber auch Deutschland, Frankreich, Italien und andere europäische Staaten. Diese Betrachtungsweise verwandelte Europa in ein Pulverfass, das 1914 zum ersten und 1939 zum zweiten Mal explodierte. Erst nach den verheerenden Erfahrungen der beiden Weltkriege fand in Europa ein Paradigmenwechsel statt, der zu einer Entthronung der bis dahin unumschränkt herrschenden Nationalidee und zur Entstehung der europäischen Integrationsprozesse führte. Dieser Entwicklung verdankt der alte Kontinent, wenn man von der jugoslawischen Tragödie absieht, die längste Friedensperiode seiner Geschichte. Die europäischen Integrationsprozesse haben zu Beginn der Gorbatschowschen Perestrojka auch Russland erfasst. Ein Teil der russischen Eliten sehnte sich nun nach einer Rückkehr des Landes nach Europa. Und es wäre völlig verfehlt, diese Sehnsucht als „romantische Schwärmerei“ abzutun, wie dies gelegentlich geschieht. Denn sie hatte ganz konkrete politische Folgen. Das politische Wunder der friedlichen Revolutionen von 1989, die Überwindung der europäischen Spaltung und die deutsche Einheit wären ohne diese Sehnsucht und ohne den Verzicht des Reformflügels der Gorbatschow-Equipe auf die Breschnew-Doktrin, die der Idee des „gemeinsamen europäischen Hauses“ widersprach, undenkbar gewesen.

Die Euphorie der Jahre 1989-1991 ist inzwischen verflogen. Isolationistische Kräfte, die den europäischen Charakter Russlands in Frage stellen, nehmen sowohl in Russland als auch im Westen an Stärke zu. Die russischen „Europäer“, denen der Kontinent die friedliche Überwindung der jahrzehntelangen Kluft im Wesentlichen verdankt, sind in die Defensive geraten und scheinen ihre Auseinandersetzung mit den radikalen Gegnern des Westens verloren zu haben. Die beinahe einträchtige Unterstützung des antiwestlichen Konfrontationskurses des Kreml-Duumvirats durch große Teile der russischen Öffentlichkeit, dies vor allem nach dem Ausbruch des russisch-georgischen Krieges, scheint diesen Sachverhalt zu bestätigen. Nichtsdestoweniger wirken die russischen Verfechter des nationalen Egoismus im postnationalen Zeitalter, das in Europa nach 1945 begonnen hat, recht anachronistisch; und Widerstand gegen den Zeitgeist wird, wie die Geschichte zeigt, selten durch Erfolg gekrönt. Daher ist es nicht ausgeschlossen, dass Russland, das immer noch durch unzählige Kanäle mit dem Westen verbunden ist, früher oder später, den in der Putin-Periode unterbrochenen Prozess seiner „Rückkehr nach Europa“ erneut aufnehmen wird.

Prof. Dr. Leonid Luks leitet den Lehrstuhl für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und ist Mitherausgeber der Zeitschriften Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte sowie
Forum novejšej vostočnoevropejskoj istorii i kul’tury.


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Ein Kommentar auf “Die gekränkte Großmacht Teil 2

  1. Eine sehr gute Analyse, die jedoch den Faktor USA vernachlässigt. Die Russen wollen unter den Großmächten akzeptiert sein. Sie haben ein Recht, die US-Raketenabwehr in Frage zu stellen oder aber Chavez hochzurüsten. Die abnehmende US-Macht wird helfen, Russland mehr an Europa zu binden. Die europäische Unterwerfung unter die USA muss dabei ebenfalls überwunden werden

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