Die Allgegenwart der Staatsräson

Christian Hacke ist einer der herausragenden Historiker der Bundesrepublik. Begleiter seines Lebens, akademische wie praktisch-politische, würdigen jetzt in einer Festschrift die Verdienste des mit 65 Jahren emeritierten Bonner Professors. Von Christoph Rohde

Christian Hacke nennt Dinge beim Namen und in seiner sturen nordischen Art tritt er manchem politischen Schöngeist auf den Fuß. Dies ist Tenor der Beiträge dieser Festschrift mit dem bezeichnenden Titel Außenpolitik und Staatsräson – und persönliche Einschätzung des Verfassers dieser Zeilen, der Hacke in Washington D. C. wie auch in München begegnen durfte. Die Herausgeber der Festschrift haben viele renommierte Wegbegleiter Hackes – Empiriker und Praktiker der internationalen Politik gleichermaßen – in einem lesenswerten Sammelband versammelt. Hans-Dietrich Genscher gratuliert im Geleitwort.

Eine klassisch-konservative Akademikerkarriere

Wie die Herausgeber in ihrem Vorwort betonen, hat Hacke (Foto links) alle maßgeblichen Stationen auf dem Weg einer akademischen Karriere im konservativen Lager beschritten. Als RCDS-Vorsitzender zu Zeiten der Studentenunruhen verteidigte er liberale Werte, war aber auch fähig, die starre Haltung der Union gegenüber der neuen deutschen Ostpolitik unter Willy Brandt zu kritisieren.

Er war außenpolitischer Mitarbeiter der CDU-Bundesgeschäftsstelle, Referent bei der Konrad-Adenauer-Stiftung und arbeitete bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), bevor er seinem ersten Ruf nach Hamburg an die Universität der Bundeswehr folgte. Seine Habilitation führte ihn dann mehr ins Feld der Internationalen Politik, wo er die Außenpolitik der Ära NixonKissinger unter die Lupe nahm.

Deutschland in und mit Europa

Deutschlands Rolle in Europa bildet den ersten Schwerpunkt der Beiträge des Bandes. Ludger Kühnhardt versucht, den Begriff des Imperiums auf die Europäische Union anzuwenden und kommt zu dem Ergebnis, dass es sich bei der EU mehr um eine „penetrierende denn kontrollierende Art imperialer Herrschaftsausübung“ handle, die er insgesamt als „multizentrisch, mehrdimensional und nicht-territorial“ charakterisiert. Thomas Jäger glaubt, dass sich die deutsche Staatsräson nach der Wiedervereinigung von dem Wunsch nach Herstellung eigener Handlungsfähigkeit hin zum Anspruch nach Mitgestaltung der internationalen Ordnung gewandelt habe.

Zu viele deutsche Theoretiker und Praktiker der internationalen Politik träumten jedoch in verfehlter Weise von einer sich immer konsensualer entwickelnden internationalen Umwelt. Die Jahre nach 9/11 hätten eher ein zunehmend antagonistisches Verhalten individueller Nationen erkennen lassen. Deshalb dürfte jenseits aller multilateralen Bemühungen die Formulierung einer deutschen Staatsräson nicht vernachlässigt werden. Hans-Peter Schwarz fordert, dass Erweiterungsprozesse der Europäischen Union auch innerhalb Deutschlands durch Referenden legitimiert werden müssten. Ansonsten drohe eine schleichende Aristokratisierung demokratischer Politikprozesse. Volker Kronenberg hingegen hält einen aufgeklärten Patriotismus in Deutschland wieder für salonfähig.

Kritischer Blick auf die amerikanische Außenpolitik

Obwohl einige der Autoren keineswegs eines profanen Antiamerikanismus verdächtig sind, sparen sie nicht an dezidierter Kritik an der amerikanischen Außenpolitik. Einig sind sie sich in dem Fakt, dass die US-Regierung die US-Hegemonie zu weit interpretiert hat (imperial overstretch). Joachim Krause zeigt, dass gerade der Realismus das Potenzial hat, eine dezidierte und nicht nur polemische Kritik am amerikanischen Neokonservatismus zu leisten.

Die meisten Vertreter dieser Denkschule kritisierten den US-Präsidenten nicht primär auf der Ebene der Werte, sondern in handfester Weise, indem sie die falsche Einschätzung der Machtverhältnisse dieser Administration monieren. Dabei bedauert Krause die Tatsache, dass viele Kritiker der US-Administration das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hätten, indem sie reale Bedrohungsszenarien und die gerechtfertigten Elemente der amerikanischen Nationalen Sicherheitsstrategie von 2002 genauso abgelehnt hätten wie neokonservative Ideologie der Administration.

Höhere Kosten für Europa?

Michael Stürmer geht in seinem Beitrag noch weiter. Der von den Europäern geradezu herbeigesehnte Abstieg der US-Macht in der Welt – den er zweifellos als Fakt attestiert – müsse von diesen durch weitaus größere Opfer in Zukunft kompensiert werden: „Der Niedergang der Pax Americana wird die Europäer in eine Ordnungsrolle zwingen, die sie bisher gern… den Amerikanern überließen.“

Den gelegentlich wahrnehmbaren Vorwurf der Amerikaner, die Europäer täten zu wenig für die internationale Ordnung, weist der deutsche Botschafter in London, Wolfgang Ischinger (Foto rechts), von sich. Europa habe mit der Einbindung der osteuropäischen Staaten ins internationale System geradezu Revolutionäres geleistet, meint der zukünftige Chef der Münchner Sicherheitskonferenz. Insgesamt stellen Praktiker und Analytiker jedoch gemeinsam fest: Eine dauerhafte Spaltung der transatlantischen Beziehungen würde einer lose-lose-Situation entsprechen und sollte tunlichst vermieden werden.

Zahlreiche Kontakte über den Atlantik

Einer der wichtigsten Hacke beeinflussenden Persönlichkeiten war John Herz, der wie beispielsweise ein Hans J. Morgenthau in die USA emigrieren musste, dort jedoch großen akademischen Ruhm erlangte. Der erst kürzlich hoch betagt verstorbene Herz entwickelte mit dem Modell des „Sicherheitsdilemmas“ ein Herzstück des Politischen Realismus, das von politischen Philosophen wie Thomas Hobbes oder Niccolo Machiavelli bereits beschrieben, aber nicht systematisch erklärt wurde.

Hackes Mitarbeiterin Jana Puglierin (Foto links) glaubt, dass es Herz darum ging, „Elemente einer europäischen Realpolitik im Sinne von Bismarck und Max Weber in die von den Wilsonian Ideals geprägten Vereinigten Staaten zu bringen.“ Hacke ist von Herz’ „Realliberalismus“ ebenso geprägt wie von dem etwas pessimistischeren anthropologischen Realismus Hans J. Morgenthaus.

Gelungene Bestandsaufnahme der Gegenwart

Die Festschrift leistet Beachtliches. Es werden Beiträge zur deutschen Außenpolitik sowie ein Überblick über die transatlantischen Beziehungen ebenso angeboten wie konkrete praktisch-politische Empfehlungen auf dem Weg zu einer stabilen internationalen Ordnung. Dazu räsonieren kompetente Autoren über das Problem des Politischen an sich – vor allem aus der Sicht eines politischen Realismus heraus.

Diese bewusst als milde tendenziös zu betrachtende Sichtweise stellt als Korrektiv zum Mainstream der konstruktivistisch beeinflussten Politikwissenschaft einen wesentlichen Beitrag zur gegenwärtigen politischen Forschung und Führung in Deutschland dar. Da sämtliche Texte voraussetzungsfrei zu lesen sind, kann diese Festschrift einem breiten Publikum jenseits disziplinärer Grenzen empfohlen werden.

Kronenberg, Volker; Puglierin, Jana; Keller, Patrick (Hrsg.),
Außenpolitik und Staatsräson. Festschrift für Christian Hacke zum 65. Geburtstag,
(2008), Baden-Baden, Nomos, 307 S.,
ISBN 978-3-8329-3281-7, 59,00 Euro


Die Bildrechte liegen beim Nomos Verlag (Cover), der Universität Bonn und der Münchner Sicherheitskonferenz. Der Verlag im Internet.

 

 

 

 

 


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