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Der Zauber Chinas

Posted By Alexander Christoph On 23. Mai 2008 @ 15:24 In Politisches Buch | No Comments

China. Menschen - Landschaft - Kultur - Geschichte [1]
[1]
Cover
Olympische Spiele und Tibet – zwei Begriffe, die derzeit wohl am meisten mit China in Verbindung gebracht werden. Allzu leicht wird dabei das Faszinierende am Reich der Mitte vergessen. Ein Bildband dokumentiert eindrucksvoll seine atemberaubenden Landschaften, seine reichhaltige Kultur, die jahrtausendealte Geschichte und nicht zuletzt die Menschen. Von Alexander Christoph

Spektakuläre Landschaften sowie eine ebenso prägnante wie fundierte Dokumentation der chinesischen Geschichte und Kultur garniert mit abwechslungsreichen Momentaufnahmen des Lebens. Das ist China. Menschen – Landschaft – Kultur – Geschichte. Auf 360 Seiten gelingt es einem internationalen Autorenteam mit über 1000 Fotografien und Illustrationen, die Vielfalt im Reich der Mitte darzustellen. Alison Bailey [2], Ronald G. Knapp [3], Peter Neville-Hadley [4], J.A.G. Roberts [2] und Nancy S. Steinhardt [5]bringen den Leser immer wieder zum Staunen, so vielseitig ist das Gezeigte. Und das Gezeigte, zumindest ein wesentlicher Teil, wurde von den Fotografen Christopher Pillitz [6] und Chester Ong [7], die für diese Aufnahmen drei Monate in China unterwegs waren, sowie Gary Ombler [8] geschickt in Szene gesetzt.

Die Autoren scheinen wahre Liebhaber des mit mehr als 1,3 Milliarden Einwohnern bevölkerungsreichsten Landes der Welt zu sein. Zumindest drängt sich diese Vermutung bereits nach wenigen Seiten auf. Denn es wird nur das Faszinierende, das Schöne abgebildet. Keine Kritik an den heutigen politischen Verhältnissen trübt das Bild. Kaum ein Verweis auf die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen oder die um sich greifende Umweltverschmutzung ist zu finden. Das muss nicht stören, konzentriert es doch den Blick auf das andere, das weniger bekannte China – eine Welt voller Gegensätze. Allzuoft begegnen einem binnen weniger Augenblicke Tradition und Moderne, auf hektisches Treiben in den urbanen Zentren folgt das beschauliche und ruhige Leben auf dem Land.

Traumhaftes Reich der Mitte

Die Reise durch das Reich der Mitte beginnt mit wundervollen, großformatigen Aufnahmen. Endlose Weiten, schneebedeckte Berge, ausgedehnte Felslandschaften, vom Herbstlaub bunt gefärbte Mischwälder, türkisblaue Seen und noch viel mehr laden zum Träumen ein. Und dazwischen immer wieder buddhistische Klöster [9], Dörfer oder andere Sehenswürdigkeiten, wie der Leshan-Buddha [10] – der in eine Felswand gehauene, größte Buddha der Welt.

Man betrachtet das Tanglha-Gebirge in der im Westen Chinas gelegenen Provinz Qinghai [11]. Hier, an der südlichen Grenze zu Nepal, auf dem sogenannten „Dach der Welt“, liegt der Ursprung des Flusses Jangtse. Dann fällt der Blick auf die chinesische Mauer [12], auf die riesigen Rapsfelder in Yunnan [13], auf die Bambuswälder in Sichuan [14]. Und plötzlich taucht man in das Lichtermeer von Hongkong oder die Skyline von Shanghai ein. Literarische Zitate sowie kleine Orientierungskarten ergänzen den ersten Teil des Bildbandes.

Anschauliche Geschichte und collagenartige Porträts

Der zweite Abschnitt widmet sich der chinesischen Geschichte. Ausgehend von den Ursprüngen um 5000 v. Chr. über die Kaiserdynastien und Maos Kulturrevolution [15] bis in die Gegenwart wird der Leser kurz und prägnant über die wichtigsten Ereignisse informiert. So erfährt man, dass der Buchdruck bei den Chinesen schon rund 600 Jahre vor Gutenberg bekannt war. Außerdem gelten sie nicht nur als Erfinder des Porzellans [16] sondern auch des Schwarzpulvers [17]. Anschaulich wird das Ganze durch zahlreiche Illustrationen und eine Zeitleiste, die eine schnelle Orientierung ermöglicht. Als die Sprache unter anderem auf Qin Shihuang [18], den Begründer des chinesischen Kaiserreiches, kommt, sieht man neben einem Historienbild kaiserliche Münzen und die weltbekannte Terrakotta-Armee [19], die Bewacher seines monumentalen Grabmals.

Nach dem Streifzug durch die chinesische Geschichte wird das Augenmerk auf die Bevölkerung gelenkt. Porträts zeigen den Alltag im heutigen China – vom einfachen Bauern über das Schulkind bis hin zum klassischen chinesischen Mediziner oder dem buddhistischen Mönch. Gerade hier lernt der Leser wissenswerte Dinge über die ethnischen Minderheiten. Zwar schließt dies nicht alle 55 offiziell anerkannten Nationalitäten ein, kann es auch nicht. Für das Erste ist man jedoch gut bedient. So gewähren die Autoren – oftmals durch eine collagenartige Darstellungsweise – zum Beispiel Einblicke in das Leben der Mosuo-Volksgruppe [20] in Yunnan. „Die Mosuo-Kultur ist matrilinear orientiert: Die Frauen sind das Familienoberhaupt, und der Besitz wird von der Mutter an die Tochter vererbt.“ Den Bund fürs Leben zu schließen, eine Ehe im üblichen Sinn ist unüblich, ja sogar verpönt.

China: Das Land der Dichter und Denker

Doch „der Geist Chinas“ liegt für die Verfasser in der Kultur. Denn sie sei „faszinierend und so überaus facettenreich“. Dieser Aussage kann man getrost zustimmen. Es ergibt sich ein umfassendes Bild des kulturellen Erbe Chinas: Darstellungen uralter Glaubenssysteme, Mythen und traditionelle philosophische Ansätze reihen sich neben Konfuzianismus [21] oder Buddhismus. Nicht zu vergessen die Literatur, die Kalligraphie [22] oder die traditionelle Oper [23]. Interessant sind die kleinen, aber feinen kulturellen Unterschiede. Wird in der westlichen Hemisphäre meist die Zahl Drei als Glücksbringer angesehen, so ist dies in China die Acht. „Die Vier dagegen – das Wort dafür klingt im Chinesischen ähnlich wie für Tod – wird gemieden“. Das trifft wohl bekanntlich bei uns auf die Dreizehn zu. Außerdem herrscht die Vorstellung, dass die Welt aus fünf – und nicht wie bei uns vier – Grundelementen aufgebaut ist, nämlich Erde, Feuer, Wasser sowie Holz und Metall. Weitere Beispiele ließen sich aufzählen.

Im fünften und letzten Teil des Buches dreht sich alles um die Architektur. 16 Bauwerke, vom traditionellen Pfahlbau über die Große Mauer oder das Hängende Kloster [24]bis zum Wolkenkratzer, werden vorgestellt. Manchmal scheint China der Zeit entrückt. Da ist der alte Mann an der offenen Feuerstelle, der gerade Wasser kocht. Wandert der Blick weiter, sieht man eine Frau an einem alten Webstuhl sitzen. Hinter dem traditionellen Pfahlhaus aus Holz, das spartanisch eingerichtet ist, wird – wie die Inschrift preisgibt – „der getrocknete Reis mit einer einfachen, fußbetriebenen Maschine gedroschen.“ Gezeigt wird das einfache ländliche Leben am Beispiel der Dong-Minderheit [25] in Guangxi [26]. Aber plötzlich und unvermittelt ist man in der Moderne angelangt. Der Kontrast könnte nicht größer sein: Shanghai, eine futuristische Stadtlandschaft mit Wolkenkratzern, die wahrlich in den Himmel ragen. Überall Glas, Stahl und Aluminium. Der Betrachter findet sich im Hier und Jetzt wieder.

Facettenreicher Bildband

Gerade die ausgewogene Kombination von Bild und Wort macht das Schmökern in China. Menschen – Landschaft – Kultur – Geschichte zum Vergnügen. Manche Fotografie ist ein wahrer Blickfang und mit einem Wort: phänomenal. Die Texte sind knapp gehalten, informativ und vermitteln einen guten Überblick über das heutige und das längst vergangene, aber nicht vergessene Reich der Mitte. Schon allein deswegen kann man den Bildband jedem China-Interessierten wärmstens empfehlen.

Bailey, Alison; Knapp, Ronald G.; Hadley-Neville, Peter; Roberts, J. A. G.; Steinhardt, Nancy S. (Aus dem Englischen von Dr. Klaus Binder, Marita Böhm, Angelika Feilhauer und Annette Wiethüter),

China. Menschen – Landschaft – Kultur – Geschichte,

(2008), München, Dorling Kindersley Verlag,

360 Seiten, ISBN: 978-3-8310-1163-6, 59,95 Euro


Die Bildrechte liegen bei Dorling Kindersley (Buchcover und Beispielseite), Gil Azouri (Tempel), sowie Keren Su (Berglandschaft). Der Verlag im Internet [27].


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

“China wird der Welt eine Überraschung liefern” [28]

Kontinent voller Gegensätze [29]

Erwachender Riese [30]


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[1] Image: http://www.e-politik.de/wp-content/uploads/2008/05/china_cover_neu.jpg

[2] Alison Bailey: http://us.dk.com/static/cs/us/11/features/china/intro.html

[3] Ronald G. Knapp: http://www2.newpaltz.edu/~knappr/#ContactInformation

[4] Peter Neville-Hadley: http://members.shaw.ca/pnhpublic/China.html#Anchor%20for%20OL

[5] Nancy S. Steinhardt : http://www.ceas.sas.upenn.edu/bios-Steinhardt.shtml

[6] Christopher Pillitz: http://www.christopherpillitz.com/

[7] Chester Ong: http://www.theglobalist.com/DBWeb/StoryId.aspx?StoryId=4816

[8] Gary Ombler: http://www.garyombler.com/default3.asp

[9] Die Reise durch das Reich der Mitte beginnt mit wundervollen, großformatigen Aufnahmen. Endlose Weiten, schneebedeckte Berge, ausgedehnte Felslandschaften, vom Herbstlaub bunt gefärbte Mischwälder, türkisblaue Seen und noch viel mehr laden zum Träumen ein. Und dazwischen immer wieder buddhistische Klöster: http://www.e-politik.de/wp-content/uploads/2008/05/54_china-span_keren-su_neu.jpg

[10] Leshan-Buddha: http://www.chinareisedienst.de/chengdu/buddha_von_leshan.htm

[11] Qinghai: http://www.china.org.cn/e-xibu/2JI/3JI/qinghai/qing-ban.htm

[12] chinesische Mauer: http://lexikon.meyers.de/meyers/Chinesische_Mauer

[13] Yunnan: http://www.china.org.cn/e-xibu/2JI/3JI/yunnan/yunnan-ban.htm

[14] Sichuan: http://www.china.org.cn/e-xibu/2JI/3JI/sichuan/sichuan-ban.htm

[15] Maos Kulturrevolution: http://www.chinafokus.de/nmun/2_liste.php

[16] Erfinder des Porzellans: http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/technik/index,page=1216180,chunk=2.html),

[17] Schwarzpulvers: http://www.musketeer.ch/blackpowder/geschichte.html

[18] Qin Shihuang: http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/geschichte/index,page=1220020.html

[19] Terrakotta-Armee: http://www.terrakottaarmee.de/pdf/History.pdf

[20] Nach dem Streifzug durch die chinesische Geschichte wird das Augenmerk auf die Bevölkerung gelenkt. Porträts zeigen den Alltag im heutigen China – vom einfachen Bauern über das Schulkind bis hin zum klassischen chinesischen Mediziner oder dem buddhistischen Mönch. Gerade hier lernt der Leser wissenswerte Dinge über die ethnischen Minderheiten. Zwar schließt dies nicht alle 55 offiziell anerkannten Nationalitäten ein, kann es auch nicht. Für das Erste ist man jedoch gut bedient. So gewähren die Autoren – oftmals durch eine collagenartige Darstellungsweise – zum Beispiel Einblicke in das Leben der Mosuo-Volksgruppe: http://www.e-politik.de/wp-content/uploads/2008/05/164_dorlingkindersley.jpg

[21] Konfuzianismus: http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/bildung/index,page=1168032,chunk=2.html

[22] Kalligraphie: http://www.art-virtue.com/history/index.htm

[23] traditionelle Oper: http://www.china-guide.de/china/Chinesische_kultur/chinesische_oper.html).

[24] Im fünften und letzten Teil des Buches dreht sich alles um die Architektur. 16 Bauwerke, vom traditionellen Pfahlbau über die Große Mauer oder das Hängende Kloster : http://www.e-politik.de/wp-content/uploads/2008/05/51_gil-azouri_neu1.jpg

[25] Dong-Minderheit: http://www.china.org.cn/e-groups/shaoshu/shao-2-dong.htm

[26] Guangxi: http://lexikon.meyers.de/meyers/Guangxi_Zhuang

[27] Internet: http://www.dorlingkindersleyverlag.de/index.php

[28] “China wird der Welt eine Überraschung liefern”: http://www.e-politik.de/artikel/2008/%e2%80%9echina-wird-der-welt-eine-uberraschung-liefern%e2%80%9c/

[29] Kontinent voller Gegensätze: http://www.e-politik.de/artikel/2007/kontinent-voller-gegensatze/

[30] Erwachender Riese: http://www.e-politik.de/artikel/2005/erwachender-riese/

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