Das blaue Gold

Ohne Wasser wäre kein Leben auf der Erde denkbar. Trotzdem wird mit dem kostbaren Nass in weiten Teilen der Welt umgegangen, als gäbe es kein Morgen. Wolfgang Mauser analysiert die Ursachen und zeigt Möglichkeiten einer nachhaltigen Nutzung der Ressource auf. Von Alexander Christoph

Süßwasser ist das weltweit wichtigste Gut, eine Ressource ohne die kein Leben möglich wäre. Gerade deshalb ist deren nachhaltige Nutzung überlebensnotwendig. Doch kritische Stimmen, vor allem aus der Wissenschaft, mehren sich. Die Menschheit gerät mehr und mehr in Verdacht, den Quell des Lebens in erschreckendem Maße zu verschmutzen, zu verschwenden und zu verbrauchen. Der Eindruck wird durch die Medien zunehmend bestätigt. Berichte unter anderem über Dürren im südlichen Afrika oder hohe Dioxinbelastungen chinesischer Gewässer häufen sich. Grund genug für Wolfram Mauser, Professor für Geographie und geographische Fernerkundung an der Münchener Ludwigs-Maximilians-Universität, der Frage nachzugehen: Wie lange reicht die Ressource Wasser?

Neigt sich der Wasservorrat dem Ende zu?

In seinem Buch, das den Untertitel „vom Umgang mit dem blauen Gold“ trägt und in der Reihe „Forum für Verantwortung“ des Fischer-Verlags erschienen ist, spürt Mauser den Ursachen für die teils dramatische Verknappung des Wassers nach und zeigt Möglichkeiten einer zukünftigen nachhaltigen Nutzung auf. Anfangs beleuchtet er die Rolle, die dem Wasser im globalen Lebenserhaltungssystem der Erde zugedacht ist, um dann Antworten auf folgende Fragen zu geben: Wie viel Wasser ist weltweit verfügbar? Wie wirkt sich die Landnutzung auf den Wasserverbrauch aus? Wieviel Wasser benötigt der Mensch zum Leben?

Kurz und prägnant handelt der Münchner Professor diese Fragen ab, wobei er auf eine verständliche, meist bildliche Sprache Wert legt. So vergleicht der Autor den weltweiten Niederschlag eines Jahres von 113.500 Kubikkilometern mit einem Würfel, der eine Kantenlänge von mehr als 48 Kilometern besitzt. Soweit so gut möchte man denken, doch damit sich der Leser auch wirklich etwas vorstellen kann, hebt Mauser diese abstrakte Größe in die Ebene des täglichen Lebens. „Bei einer momentanen Weltbevölkerung von 6,5 Milliarden Menschen wären dies 320 gefüllte Badewannen pro Tag [á 150 Liter] für jeden Menschen dieser Erde.“

Von Wassermangel also keine Spur? Mitnichten. Zwar werde Trink- und Sanitärwasser „noch lange nicht knapp“, denn davon trinkt der Mensch lediglich drei bis fünf Liter pro Tag und für die Sanitäranlagen schlagen ebenfalls nur bescheidene zwanzig bis vierzig Liter täglich zu Buche. Von einem generellen Wassermangel zu sprechen, wäre deshalb unzutreffend, auch wenn man den Wasserverbrauch der Industrie von täglich 160 Litern berücksichtigt. Dennoch besteht Handlungsbedarf: Das „verfehlte, weil nicht nachhaltige Management der Wasserressourcen“ ist das Problem, ein gravierendes noch dazu.

Menschliche Eingriffe gefährden das Ökosystem

Massive Eingriffe in den natürlichen Wasserkreislauf können die Umwelt maßgeblich belasten, führen mitunter sogar zu regelrechter Zerstörung der Ökosysteme. Seine Behauptung belegt Mauser exemplarisch anhand des Aral-See und des Nil. Beim noch größten See in Zentralasien bewirkte die übermäßige landwirtschaftliche Produktion – überwiegend Baumwolle – ein Schrumpfen des Pegelstandes, zwei getrennte Seen entstanden.

Mauser prognostiziert nicht nur, dass der südliche Aralsee in zehn Jahren vollständig verschwunden sein wird, sondern er verweist zugleich auf die Schwierigkeiten mit der starken Versalzung. Hochgiftige Chemikalien, die in das Gewässer eingeleitet werden, verschärfen die Problematik, zumal deren Konzentration durch die Austrocknung des Sees zunimmt. Als Folge werden Giftstoffe wie chemische Düngemittel, Pestizide und Entlaubungsmittel von den Menschen über verunreinigtes Trinkwasser und die Nahrung aufgenommen. Erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigungen der Anrainer sind zu beobachten. „Die Anzahl der Krebskranken steigt zurzeit immer noch in alarmierenden Ausmaß“, so Mauser.

Wie sich das Nutzungsverhalten der Menschen auf die Ökologie auswirkt, zeigt auch das Beispiel Nil und der Bau des Assuan-Staudammes. Für und Wider halten sich, so Wolfgang Mauser, die Waage. Einerseits werden die für die Unterlieger wertvollen, da nährstoffreichen Nilschlämme zurückgehalten, als Folge davon nimmt die Fruchtbarkeit des Nildeltas stetig ab. Anderseits konnten die Fluten gebändigt werden und eine regulierte Bewässerung hunderttausender Hektar Farmland war sichergestellt. Zudem etablierte sich um den Nasser-Stausee eine florierende Fischereiindustrie, ganz zu schweigen von der Bedeutung des Dammes für die Schifffahrt und die Stromerzeugung. Jedoch birgt das ägyptische Wassermanagement auch Konfliktpotential zwischen den Ober- und Unterliegern.

Exorbitanter Wasserverbrauch für Lebensmittelproduktion

Wolfgang Mauser übt darüber hinaus an Beispielen wie der indischen Region Cherrapunji, eine der niederschlagsreichsten Regionen der Erde, massive Kritik an der Umwandlung von Wäldern in Acker- und Weideflächen. Das Risiko von Dürren und Hochwasser steige dadurch unnötig an. Richtig problematisch und damit verschwenderisch wird es nämlich in Sachen Nahrungsmittelproduktion. Und hier dürften besonders die Nicht-Vegetarier ein schlechtes Gewissen bekommen. Sage und schreibe – und die Zahlen klingen unglaublich – 2400 Liter pro Tag werden beispielsweise für die Produktion von 600 kcal tierischer Nahrungsmittel benötigt.

An späterer Stelle erfährt man, dass für die Herstellung eines einzigen Hamburgers sogar 35 gefüllte Badewannen – mit besagten 150 Litern – herhalten müssen. Das erstaunt und erschreckt zugleich. „Die Zusammensetzung des Speiseplans bestimmt also weitgehend den Wassereinsatz.“ Wie jeder einzelne Mensch persönlich dagegen ankämpfen kann, bleibt leider weitgehend im Unklaren und der Leser muss schon zwischen den Zeilen lesen. Die Interpretation, dass man bewusst auf einen allzu fleischlastigen Speiseplan verzichten soll, drängt sich aber auf.

Der Adressat Mausers ist vielmehr die Politik. Deren eigentliche Aufgabe bestehe darin, die ungleiche regionale Verteilung des Wassers – einige Erdteile sind nahezu gesegnet, während andere Mangel leiden – zu meistern. Der Autor schlägt daher vor, „virtuelles Wasser“ als handelbare Komponente einzuführen. Der Vorteil läge auf der Hand: „In einem globalen Wirtschaftssystem macht es durchaus Sinn, wasserintensive Produktionsbereiche dort zu konzentrieren, wo Wasser im Überfluss vorhanden ist.“ Dort sei Trinkwasser billig, es könne aus Niederschlägen gewonnen werden und fossile Grundwasserkörper würden geschont.

Fundierter Beitrag über ein drängendes Problem

Wolfgang Mauser leistet mit seinem Buch wichtige Aufklärungsarbeit über das blaue Gold. Denn der Münchner Professor weist nicht nur auf gegenwärtige wie zukünftige Herausforderungen hin, sondern bietet zugleich mögliche Auswege aus der Misere an. Hier hat er vor allem die Politik und die Wirtschaft im Blick, weniger den kleinen Mann, weshalb praktische Tips für den Alltag fehlen. Dennoch regt er mit seinen Zahlenbeispielen immer wieder zum Nachdenken an. Den Leser dürfte freuen, dass Mauser weitgehend auf abgehobenes Wissenschaftsdeutsch verzichtet und sich bei seinen Schilderungen auf wenige, aber dafür umso anschaulichere Beispiele beschränkt. Alles in allem handelt es sich um einen ebenso fundierten wie informativen Beitrag zur aktuellen Diskussion über das blaue Gold und seine nachhaltige Nutzung.

Mauser, Wolfgang,
Wie lange reicht die Ressource Wasser? Vom Umgang mit dem blauen Gold
(2007), Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main,
247 Seiten, ISBN: 978-3-596-17273-3, 9,95 Euro


Die Bildrechte sind gemeinfrei (Aralsee, Assuan-Staudamm) bzw. liegen beim Verlag (Cover).


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