Bildung und soziale Gerechtigkeit

vicki_wolkins.jpgDer Zusammenhang von Bildung und sozialer Gerechtigkeit spielte die zentrale Rolle auf dem 10. Münchner Bildungsforum. Die Veranstaltung dient traditionell als Bestandsaufnahme zur Entwicklung des Bildungssystems in Deutschland. Ein Tagungsbericht von Christoph Rohde

Deutschlands Zukunft hängt von der Effektivität seines Bildungssystems ab. Doch hier liegt Vieles im Argen. Das 10. Münchner Bildungsforum, veranstaltet von der Münchner Volkshochschule, versammelte eine Vielzahl von deutschen Bildungsexperten, unter anderem Jutta Allmendinger, Berlin, Wilfried Bos, Universität Dortmund, und Rudolf Tippelt von der LMU München, um über das Thema zu debattieren. In ihrer Einführung betonte die Leiterin der Münchner Volkshochschule (MVHS), Susanne May (Foto unten), die defizitäre Situation im deutschen Bildungssystem. Ein klarer Zusammenhang zwischen existierender Bildungsarmut und sozialem Abstieg sei deutlich nachweisbar. Die PISA-Studie habe spektakulär aufgedeckt, in welch hohem Maße Foto_Dr.May_Programmdirektorin.jpgbesonders in Deutschland die soziale Herkunft über die Bildungs- und Berufschancen junger Menschen bestimme.

Zu frühe Separierung der Talente

Allmendinger, Soziologin der Freien Universität Berlin, zeigte auf, dass die demographische Entwicklung in Europa ein Sonderfall sei. Weltweit nimmt die Bevölkerung rapide zu, während sie in Westeuropa rückläufig ist. Dies ist Folge einer gesellschaftlichen Entwicklung, in der aus individueller Sicht Erwerbsbiographien der Vorrang vor Familienplanung eingeräumt wird. Die Soziologin stellte fest, dass auch bei einer zunehmenden Immigration junger Migranten eine Bildungskatastrophe drohe, sollte es zu keiner durchgreifenden und wirksamen Bildungsreform kommen. So zeichnen sich in den nächsten 25 Jahren Konturen einer Gesellschaft ab, in welcher etwa ein Drittel der Gesellschaft, die jüngeren Erwerbstätigen – darunter ein hoher Prozentsatz ungelernter junger Menschen – das Sozialprodukt für den großen Rest erwirtschaften muss. Die demographiebedingte Asymmetrie würde durch die verfehlte Bildungspolitik sogar noch verstärkt.

Der Bildungspolitik wirft Allmendinger (Foto rechts) einen inadäquaten Elitarismus vor. Das Konzept der Eliteuniversitäten Almendinger.jpgsei nicht per se zu kritisieren; wenn jedoch die breite Bildung vernachlässigt wird, dann hinterlässt der Elite-Gedanken einen faden Beigeschmack. Nicht nur von Allmendinger, sondern von Vertretern verschiedener pädagogischer Fachrichtungen wurde das Konzept der frühen Dreiteilung in Haupt-, Realschule und Gymnasium kritisiert. Dies führe zu einer Fehlverteilung von Talenten; gerade die jüngsten Entwicklungen im Bereich der Hauptschulen bewiesen, dass Kinder früh zu Menschen zweiter Klasse gemacht würden. Das bedeutet, dass sich Hauptschüler schämen, weil die gegenwärtige Hauptschule das Ansehen vormaliger Sonderschulen „genießt“.

Wider die Zertifikatwut

Die Berliner Soziologin verdeutlichte: Zwischen Kompetenzarmut und Zertifikatarmut besteht oft ein nur schwacher Zusammenhang. Das heißt: Länder mit einer formal hohen Abschlussquote müssen noch lange nicht konkurrenzfähige Arbeitnehmer hervorbringen. Das Benchmarketing auf Basis von Zertifikaten habe seine Grenzen, meinte sie und kritisierte damit implizit die Strategien vieler Personalverantwortlicher auch in Deutschland, Formalia bei der Bewertung von Kandidaten überzubetonen. In Ländern, die in der PISA-Studie erfolgreich abschneiden, ist ein didaktischer Dreischritt in folgender Reihenfolge feststellbar: Förderung der sozialen Kompetenz, Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten und abschließend die Zertifizierung nach erfolgreicher Prüfung. Gerade in Deutschland würde vor allem die soziale Kompetenz weiter vernachlässigt. Dazu führe eine Betonung des zertifikateorientierten Lernens zu einer Abwertung des Lernens als Prozess, auch lebenslanges Lernen genannt – mit der Folge, dass das Lernen unvermeidlich irgendwann aufhöre.

Die gesamtgesellschaftliche Folge der Bildungsarmut impliziert eine Dauerarbeitslosigkeit von Geringqualifizierten. Auch in wirtschaftlichen Boomphasen seien diese Gruppen dauerhaft von den Möglichkeiten wirtschaftlicher und sozialer Fortentwicklung ausgeschlossen. In Verbindung mit der demographischen Entwicklung käme es zu einer tiefgreifenden sozialen Spaltung zwischen Jung und Alt, zwischen Gebildet und Ungebildet, so Allmendinger.

Subkulturen ohne gesellschaftliche Anbindung

Heinz Bude vom Hamburger Institut für Sozialforschung diagnostiziert die Entstehung einer Schicht von Ausgeschlossenen, die sich zunächst erzwungenermaßen, dann jedoch freiwillig aus der Bürgergesellschaft zurückzögen. Die Mitglieder dieser Gruppe kämen aus zwei Hintergründen: erstens Kinder von klassischen Industriearbeitern, und zweitens aus verschiedenen Migrantenmilieus.

Die klassische Arbeiterkultur verlangte die fast archaisch zu nennende Fähigkeit, sich im eigenen Umfeld durch körperliche Überlegenheit durchzusetzen. Doch diese Welt mit diesen Qualitäten existiert nicht mehr, so Bude. Der klassische Industriesektor sei ein nahezu verbeamteter Wirtschaftsbereich geworden. In der Hochproduktivitätsökonomie käme es mehr auf konformes Verhalten an denn auf Risikobereitschaft, Konkurrenzgeist und das „Kerl sein“. Die Jugendlichen, die die klassischen Industriewerte während ihrer Sozialisation inhaliert haben, suchen sich Jugend-Gangs und andere systemexterne Wege zur Selbstbestätigung. Aufgrund immer höherer formaler Hürden im Bildungssystem fallen sie dauerhaft aus dem bürgerlichen System heraus. Letztlich sind diese Jugendlichen auch nicht mehr integrierbar.

Migrantenkrieg untereinander

Jugendliche mit Migrationshintergrund bilden Subgruppen. Sie führen rituelle Kämpfe in der Schule, die sich meist abseits der deutschen Strukturen abspielen. Eine interne Hasskultur, so Bude, führe zu Kämpfen von Russlanddeutschen gegen Kroaten, Vietnamesen gegen Afrikaner. Zu aussichtslos sind die Perspektiven dieser Gruppen, so dass sie sich dauerhaft von der Gesellschaft entfernen. Der Hamburger Sozialforscher fordert, dass das gesellschaftliche Nullsummenspiel aufgebrochen und den Jugendlichen mit diesen Hintergründen alternative Wege der Selbstverwirklichung angeboten werden müssten.

Fazit: Mehr in präventive Bildungspolitik investieren

Portrait_Tippelt.jpgDie Experten konnten sich auf diesen gemeinsamen Nenner einigen: Eine Politik der nachträglichen Korrektur sozialer Defizite ist aufgrund vorstehend genannter Entwicklungen keine geeignete Strategie, um die kommende Bildungskatastrophe aufzuhalten. Eine spätere Trennung von

Schulformen, eine effektivere Form der Gesamtschule sowie die Einführung eines Modells von Ganztagsschulen sind Elemente auf dem Weg zur Verbesserung der Bildungssituation in Deutschland. Sollten fundamentale Änderungen aus politischen Gründen jedoch nicht möglich sein, fordert Wilfried Bos, zumindest eine höhere Durchlässigkeit zwischen den Schulformen.

Die Debatte hat gerade erst begonnen, aber es bedarf eines kreativen Systems schulischer und nach-schulischer Fortbildungsmaßnahmen, damit die Bildungspolitik zur Herstellung einer sozial gerechteren Gesellschaft beitragen kann. Bildungspolitik, so Rudolf Tippelt (Foto links), sei etwas Organisches und müsse neueren Entwicklungen auf dem Weg zur Wissens- und Erlebnisgesellschaft Rechnung tragen. Wege dorthin wurden aufgezeigt, aber es muss sich noch zeigen, ob der gesellschaftliche Status Quo durch pragmatische Maßnahmen überwunden werden kann.


Die Bildrechte liegen bei Vicki Wolkins (Schüler an der Tafel, unterliegt den Flickr.com creative commons-Bestimmungen), der MVHS (Portrait Dr. May), bei David Ausserhofer (Portrait Prof. Dr. Allmendiger) und bei Prof. Dr. Tippelt (Portrait)


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