Bammel vor dem Niemandsland

16. Mai 2008 | von Maik Henschke | Kategorie: Medien

Podium.jpgAbstiegsangst, Krawalle und fehlende Sponsoren belasten noch immer die traditionsreichen Fußballklubs im Osten. Dabei versprechen neue Stadien und die ungebrochene Treue der Fans eine bessere Zukunft. Im Leipziger Hauptbahnhof bastelten Bundesliga-Idole, Fußballexperten und Geldgeber an einer umstrittenen Vision: Wie lässt sich der Profifußball im Osten der Republik retten? Von Maik Henschke

Wolf-Dieter Poschmann ist in Rage. „Wenn wir nach siebzehn Jahren immer noch von Rostock als Ostverein sprechen, dann haben wir ein Definitionsproblem“, sagt er. Die Ostvereine der Ersten Bundesliga sind für ihn Hertha BSC Berlin und Energie Cottbus. Punkt.

Abseits von Berlin im Fußball-Osten eine Spitzenmannschaft zu etablieren, hält der Sportmoderator vom ZDF mittelfristig für ausgeschlossen. Es sei denn, jemand würde sich „ins Flugzeug setzen, nach Moskau fliegen und einen Milliardär auftreiben“.

Das Streitgespräch in der Osthalle des Leipziger Hauptbahnhofs hat Zugkraft. Die Podiumsrunde „Fußball im Osten – Wer hat die bundesligataugliche Idee?“ ist die Schlussveranstaltung des diesjährigen Medientreffpunkts Mitteldeutschland. Überall im Land ist der Lieblingssport der Deutschen auch in Traditionen verwurzelt. Doch nirgends wird die alte Fußballzeit so herbeigesehnt wie hier im Osten der Republik. Als das Land noch geteilt war, hielt regelmäßig der glanzvolle Europapokal Einzug in die Stadien zwischen Magdeburg und Dresden. Mittlerweile drohen die Klubs aus den neuen Bundesländern ins Niemandsland des Fußballs abzurutschen. Nach dieser Saison wird Energie Cottbus als einziger Vertreter in der höchsten deutschen Spielklasse übrig bleiben. Hansa Rostock hat den Abstieg nicht verhindern können. Mit Aue und Jena müssen sich zwei Ostvereine ganz aus dem Profifußball verabschieden. Beide werden nächstes Jahr in der dritten Liga spielen.

Politik hatte andere Probleme als Fußball

Hans Meyer wehrt sich gegen die grassierende Untergangsstimmung: „Wenn ich Cottbus mit Bielefeld oder Duisburg vergleiche, dann macht diese Mannschaft seit vielen Jahren eine hervorragende Arbeit.“ Der aus Jena stammende frühere Bundesligatrainer lobt auch die Jugendabteilungen in Dresden und Rostock. Lichtblicke, die so selbstverständlich nicht sind. Meyer erinnert an die turbulente Zeit nach der Wende. Dynamo Dresden und Hansa Rostock waren zum Start der gesamtdeutschen Bundesliga 1991 die einzigen Klubs im Fußball-Oberhaus. Um nicht gleich wieder aus der ersten Liga zu verschwinden, war Dresden seinerzeit gezwungen, rund zwei Millionen D-Mark aufzubringen. Der Verein musste sich verschulden.

Sammer_Meyer.jpgDoch die Stadt habe Dynamo damals fallen lassen, sagt Meyer. Was folgte war eine Talfahrt. Stars wurden verscherbelt, Geld floss auf ominöse Konten, Punktabzug und Lizenzverweigerung führten den achtmaligen DDR-Meister in die Oberliga hinab. „Es war ganz selten der Fall, dass die Politik Fußball im Kopf hatte“, sagt Meyer, „wo sie hier im Osten ganz andere Probleme zu lösen hatte.“ Auch Matthias Sammer, der seine Karriere in Dresden begann und seit 2006 Sportdirektor beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist, gibt zu bedenken: Die Ostvereine hätten nach der Wende plötzlich marktwirtschaftlich denken und handeln müssen – etwas, das sie nie gelernt hatten.

Fantreue kann ostdeutschen Weg ermöglichen

Philipp Köster, Gründer und Chefredakteur des Fußballmagazins 11 Freunde sieht das Ziel des hiesigen Fußballs darin, immer zwei bis drei Vereine in der 1. Liga zu haben. Man müsse den Ostvereinen ein Gesicht geben, sie zu einer regionalen Marke machen. Mehr zu wollen sei illusorisch, sagt Köster: „Leipzig und Dresden werden nie bundesweit die strahlenden Lichter sein.“ Im Osten existiere noch eine tiefe Bindung der Fans zu den Vereinen. Wenn man diese Fans ernst nehme und sie in die Vereine einbinde, könne man auch einen speziellen ostdeutschen Weg gehen.

Dass die heutigen Strukturen im Profibereich längst nicht optimal sind, bekommt Matthias Sammer beim DFB mit – gerade im Jugendbereich. Für Trainer in Leistungszentren existiere nicht mal eine auf diesen Job zugeschnittene Ausbildung. Junge Talente würden heute aus den Nachwuchsmannschaften des DFB herausgenommen, weil sie Probleme in der Schule haben. Als Jugendspieler zu DDR-Zeiten, erinnert Sammer, habe er von Einzelunterricht profitiert. „Matthias, ich habe dich immer geschätzt“, kontert Meyer grinsend, „Aber dass du die Schule nur geschafft hast durch Einzelunterricht, hätte ich nicht gedacht.“

Strukturen verbessern, Sponsoren locken

zentralstadion.jpg„So chaotisch wie die Vereinsstrukturen hier sind“, bemängelt Poschmann, „ist es doch nicht Appetit fördernd für Sponsoren“. Welches Unternehmen lege sein Geld schon da an, wo es dem Vorstand nicht vertrauen könne und keinerlei Chance sehe, sein Image aufzupolieren? Wo sie nicht zuletzt Angst haben müssten, ins Stadion zu gehen, „weil sie möglicherweise verkloppt werden“. Poschmann sieht hier die Verantwortlichen der Städte in der Pflicht. Für ihn mache der Fußball einen gewichtigen Teil der Freizeitkultur aus. Da sei auch der DFB gefordert.

Michael Kölmel, Gründer der Kinowelt-Gruppe, Besitzer des Leipziger Zentralstadions (Foto rechts) und der TV-Rechte von elf Vereinen, reizt am Fußballgeschäft der Zufall, den man nicht planen könne. Doch überlebe den negativen Zufall nur, wer genug Reserven habe. Wenn man dauerhaft erfolgreichen Fußball im Osten wolle, müsse man dafür sorgen, dass Geld fließe. Das erfordere Transparenz in den Vereinen. „Sponsoren müssen erkennen können: Ich investiere hier in etwas Seriöses“, sagt Kölmel.

Wenn das Geld nicht reicht, komme es umso mehr auf Kompetenzen an, sagt MDR-Sportchef Wolf-Dieter Jakobi. Auf Leute, die einen Verein mit Augenmaß führten „und die nicht gleich anfangen zu träumen, wenn man mal eine super Saison spielt“. Ralf Minge, zurzeit Sportdirektor bei Dynamo Dresden, sei ein solcher Lichtblick.

Gewaltproblem nicht klein reden

In Leipzig und Magdeburg sind moderne Stadien entstanden, in Dresden erfolgte im März die Grundsteinlegung für den Stadionneubau. Doch Gewaltschlagzeilen bringen die Vereine immer wieder in Verruf. Die Wurzel dieser Ausschreitungen sei nicht auszulöschen, sagt Meyer. „Die Gewalt ist nicht das Problem, warum der Ost-Fußball in den nächsten Jahren nicht bundesweit konkurrenzfähig sein wird.“ Ein Thema, das Sammer nicht noch einmal aufmachen wolle. Poschmann spricht von einem „ernsthaften Problem“, das man nicht klein reden dürfe. Sponsoren würden abgeschreckt, Familien könnten nicht mehr ohne Angst ins Stadion gehen. Das habe auch mit Geld zu tun, Fanbeauftragte müssten bezahlt werden. Dort sei der Westen besser aufgestellt, meint Poschmann.

Gefragt, wo der Ostfußball in zehn Jahren stehen wird, greift Matthias Sammer noch einmal tief in die Motivationskiste. Kampfgeist und harte Arbeit werden sich auszahlen, antwortet er. Der DFB-Funktionär Sammer klingt jetzt wie ein Trainer bei der Halbzeitansprache, gewillt, das Ruder noch herumzureißen: „Ich glaube an die Leute hier in der Region.“ Es wird vielen Fußballfans zwischen Erfurt, Dresden und Aue Mut machen, dieses Schlusswort, das Sammer hinausschickt in die Osthalle des Hauptbahnhofs Leipzig. Der Zug ist noch nicht abgefahren.


Die Bildrechte liegen beim Autoren (Podium), bzw. bei Faulpaul/ www.pixelio.de (Zentralstadion).


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