„Man braucht keine Landesbank mehr“

SachsenLBNight.JPG0001.JPGDie anhaltende Kreditkrise auf den Finanzmärkten bewegt die Politik zu einem regen Verkaufsspiel: Nachdem der Freistaat Sachsen durch den Verkauf seiner Landesbank am 1. Januar eine Milliardenbürgschaft übernehmen musste, soll jetzt die kränkelnde West LB mit der Landesbank Hessen-Thüringen fusionieren. Der Bankexperte Prof. Jürgen Singer sieht das ganze System der Landesbanken im Umbruch. Ein Interview von Petra Sorge

/e-politik.de/: Die Sächsische Landesbank – Sachsen LB – wurde am 1. Januar an die Landesbank Baden-Württemberg – LBBW – verkauft. Für die Risiken ist der Freistaat mit 2,75 Milliarden Euro eingesprungen. Dann scheint doch soweit alles bestens, oder?

Prof. Jürgen Singer: Eigentlich nicht. Es gibt noch zu viele Unsicherheiten, die möglicherweise erst in den nächsten Jahren sichtbar werden. Viele der risikobehafteten Anleihen aus den USA wurden jetzt nur vorübergehend geparkt und in die eigenen Bücher genommen. Man muss abwarten, in welchem Umfang die Kredite, die das Vermögen der Anleihen bilden, ordnungsgemäß zurückgezahlt werden. Hoffen wir, dass der Konsum in den USA nicht einbricht.

/e-politik.de/: Was, wenn jetzt doch der Freistaat für die Bürgschaft einspringen muss?

Singer: Erst einmal kann man davon ausgehen, dass die Bürgschaft allenfalls zu einem Teil eingefordert wird. Das wird auch nicht sofort geschehen, möglicherweise auch nicht in diesem, sondern erst im nächsten Jahr. Und man weiß nicht, wann welche Beträge wirklich gezahlt werden. Da muss man sich aus Sicht des Haushalts finanziell ein bisschen vorbereiten.

/e-politik.de/: Auch die Landesbanken sind möglicherweise mit 8,5 Milliarden Euro in der Pflicht. Was bedeutet das für sie?

Zitat_1.jpgSinger: Die werden das schon zahlen können und müssen – mit Ausnahme der West LB, die einige schwere Jahre hinter sich und vielleicht noch vor sich hat. Die eigentliche Ursache für die Misere ist der Umbruch des deutschen Bankensystems. Landesbanken wie die West LB hatten früher noch Aufgaben, die heute nicht mehr nötig sind. Sie suchen neue Geschäftsfelder und eine Daseinsberechtigung.

/e-politik.de/: Also sind die Landesbanken überflüssig geworden?

Singer: Die großen Sparkassen brauchen keine Landesbank. Die Hamburger Sparkasse, die selbst so groß ist wie eine kleine Landesbank, kommt gut ohne die Hamburgische Landesbank aus. Das gleiche gilt für die Kölner und die sächsischen Großsparkassen. Bei einer Bilanzsumme von 40 Milliarden Euro brauche ich keine Landesbank.

/e-politik.de/: Was machen die Landesbanken dann?

Singer: Sie suchen sich mangels Alternativen ihre Geschäfte außerhalb Deutschlands. Das hat die Sachsen LB über die irische Tochter genauso getan wie die Bayerische Landesbank mit Bankengründungen in Osteuropa oder dem Kauf einer Bank in Österreich. Der Markt des Kundengeschäfts ist in Deutschland enger geworden.

Die US-Immobilienblase und der Nadelstich

/e-politik.de/: Bei der Sachsen LB haben Wirtschaftsprüfer schon lange vor dem Risiko der Auslandsgeschäfte gewarnt.

Pa__bild_Prof._Singer.JPG0001_1.JPGSinger: Seit Jahren wurden in den USA wegen niedriger Zinsen immer mehr Kredite aufgenommen. Die Hauptursache war eigentlich, dass Alan Greenspan im Jahre 2002/03 den US-Markt mit Liquidität überschüttet hat. Die Zinsen waren so niedrig, da hat man sich ein Haus gebaut, auch wenn man das nicht hätte tun sollen. Diese Häuser werden zu 100 bis 120 Prozent beliehen, im Gegensatz zu Deutschland, das hängt auch mit steuerlicher Anerkennung der Zinszahlungen zusammen. Doch man hat die Bonität der Schuldner nie richtig geprüft. Diese Kredite wurden dann weitergegeben an Investmentbanken, in den großen Topf geworfen, schön gemischt und verbrieft. Die US-Ratingagenturen setzten noch ein dreifaches A darauf, erste Qualität.

Diese Agenturen haben zwar nicht gepokert, aber übersehen, dass sich in Amerika eine Immobilienblase herangebildet hat. Blasen sind immer gefährlich, man denke an die japanische Bubble-Economy 1989/90 oder die Neue-Markt-Blase. Ein US-amerikanischer Investor hat einmal gesagt, neben jeder Blase wartet eine Nadel, es ist nur eine Frage der Zeit, wann die beiden sich begegnen. Und Nadel und Immobilienblase sind sich in den USA im ersten Halbjahr nahe gekommen. Es haben noch mehr Länder solche Verschuldungsblasen, beispielsweise die Immobilienblasen in England und Spanien.

/e-politik.de/: Sind die Banken dieser Blase völlig hilflos ausgeliefert gewesen?

Singer: Die Sachsen LB hätte nicht so viel von diesen Anleihen kaufen sollen, dann hätte sie die Krise überstehen können. Die United Bank of Switzerland ist erstmals mit 10 Milliarden US-Dollar im Minus, die können das noch wegstecken. Dagegen war die Sachsen LB etwas zu klein, sie hat einfach die Gefahr nicht gesehen.

„Krebsmetastasen“ aus den USA

/e-politik.de/: Wird es denn noch zu weiteren Fusionen und Insolvenzen kommen?

Singer: Das weiß man heute nicht so genau. Als sich die Krise im letzten Sommer andeutete, wusste man nicht, wie hoch ist das Volumen dieser Problemkredite, wie viel ist davon verbrieft worden, wie viel ist davon in der Welt verstreut. Die Amerikaner haben ihre leichtfertige Kreditvergabe wie Krebsmetastasen über den ganzen Erdball verstreut.

/e-politik.de/: Und die wuchern jetzt bei uns?

Singer: Die wuchern hier, die wuchern in der Schweiz, die wuchern in England, Thailand und auf Japan. Es werden sich noch mehr Eigentümer dieser Anleihen melden.

/e-politik.de/: Ist da gar kein Ende mehr in Sicht?

Singer: Man schätzt den Wert der Problemkredite aus den USA auf etwa 2 Billionen Euro, verbrieft wurde davon etwa eine Billion. Teile davon stecken bei amerikanischen Banken, Investmentfonds, Pensionsfonds, Versicherungen, auch bei der Sachsen LB. Aber auf die Summe von einer Billion kommt man noch nicht, wenn man das alles zusammenzählt. Es haben sich noch nicht alle gemeldet, die solche Kredite gekauft haben. Vielleicht ist noch etwas in China oder in arabischen Investmentfonds. Vielleicht fallen als nächstes die Kreditkartenkredite, die auch in solchen Anleihen enthalten sind.

/e-politik.de/: Kreditkartenkredite?

Singer: Ja, denn die Amerikaner kaufen gerne auf Kreditkarten, die bei Nicht-Deckung mit 20 Prozent Zinsen und mehr belegt werden. Der Leitspruch der amerikanischen Frauen ist „shop until you drop“, kaufen bis zum Umfallen. Die USA haben lange über ihre Verhältnisse gelebt. Sie absorbieren 80 Prozent der Weltsparleistung und haben ein tägliches Handelsbilanzdefizit von über zwei Milliarden Dollar. Da ist noch was in der Pipeline.

/e-politik.de/: Professor Singer, vielen Dank für dieses Gespräch.


Die Bildrechte liegen bei der Sachsen LB (Außenansicht Bankgebäude) und bei Prof. Jürgen Singer (Porträt).


Professor Dr. Jürgen Singer ist Inhaber des Lehrstuhls für Bankwesen an der Universität Leipzig.


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