„Ich bin ein Weltbürger“

Ob das die deutschen Politiker erfreut? - Obama-Fan in BerlinMit seiner Rede vor der Siegessäule in Berlin tritt Barack Obama weder in die Fußstapfen von Kennedy oder Clinton, noch konkretisiert er seine außenpolitischen Absichten. Aber er begeistert rund 200.000 Zuhörer und macht Hoffnung auf eine neue Rolle Amerikas im internationalen Geschehen. Sarah Kringe war vor Ort.

Wüsste man es nicht besser, man könnte denken, auf der Straße des 17. Juni in Berlin dreht sich wieder einmal alles um Fußball. Die Stimmung ist heiter entspannt, rechts und links der Straße haben sich die üblichen Wurst- und Bierstände aufgereiht, Volksfestatmosphäre liegt in der Luft. Doch heute sind es keine Fußballfans, die in schwarz-rot-gelb dem Anpfiff entgegen fiebern; heute dominiert blau-weiß-rot, das star-spangled banner, heute kommt Obama.

Obamamania in Berlin

Die Menschen, die sich bereits zwei Stunden vor Beginn der Rede des designierten Präsidentschaftskandidaten der US-Demokraten an der Siegessäule eingefunden haben, sind aus den unterschiedlichsten Gründen gekommen: aus Neugier auf den Mann, der nicht nur sein Land, sondern auch die internationale Bühne verändern will, aus Hoffnung auf ein neues Amerika oder aus dem Gefühl heraus, vielleicht einem geschichtsträchtigen Moment beiwohnen zu können. Studenten, Familien mit Kindern und Jugendliche überwiegen. Auch viele Amerikaner sind darunter, die in Deutschland leben und dem Wahlkampf beiwohnen möchten. Sie alle wollen hören, was der Mann zu sagen hat, der im November die Nachfolge von George W. Bush, dem unbeliebtesten amerikanischen Präsidenten aller Zeiten, antreten will. Sie wollen hören, wie er sich die Zukunft des Irak, die Zukunft Afghanistans, die Zukunft der Weltgemeinschaft vorstellt.

Wer nicht nah genug an die Siegessäule herankommt, um einen Blick auf das Rednerpult zu erhaschen, positioniert sich vor einer der vielen Leinwände, die entlang der Straße des 17. Juni aufgestellt sind. Bis 19 Uhr haben sich laut Angaben der Stadt Berlin über 200.000 Menschen eingefunden, die live den Auftritt von Barack Obama erleben, die für einen kurzen Moment Teil der „Obamamania“ sein wollen.

Der charismatische Redner

Routinierter Redner: Vor 17 Monaten startete Obamas KampagneAls er 20 Minuten später die Bühne betritt, die Siegessäule im Rücken, wirkt er im ersten Moment sehr klein. Bis er zu reden beginnt. Der Ruf als charismatischer Redner ist dem Amerikaner vorausgeeilt und er wird ihm vollauf gerecht. Ohne einmal unsicher zu wirken, ohne sich zu verhaspeln oder in seiner Ausstrahlung nachzulassen, redet er knapp 25 Minuten über die Themen, die nicht nur die Amerikaner angesichts der kommenden Wahl, sondern die die ganze Welt beschäftigen. Er redet über Irak, über Afghanistan, über Iran. Über die transatlantischen Beziehungen und die nahende Klimakatastrophe. Vor allem aber redet Obama über Berlin, die Berliner und die Beziehungen zwischen den USA und der Stadt, die die Amerikaner während der sowjetischen Blockade mit den nötigen Hilfsmitteln versorgt haben. Unentwegt betont er, wie wichtig es sei, diese enge Bindung zu erneuern und zu bewahren, und möglichst auf die ganze Welt auszudehnen.

Die grundlegende Botschaft seiner Rede ist: Zusammen sind wir stark, nur zusammen bekommen wir die weltweiten Probleme in den Griff. Dass aus diesem Appell dann ein zweiter folgt, der die Deutschen zu mehr Verantwortung und Einsatz in Afghanistan mahnt, ist fast unausweichlich. Abgesehen davon bleibt der Senator in seiner Rede jedoch erwartungsgemäß schwammig und unspezifisch. Wenn er davon redet, die Mauern niederzureißen, die die Kulturen der Welt voneinander trennen, mag sich der ein oder andere wohl wünschen, dass er dem ein „peacefully“ hinzugefügt hätte. Ebenso wie Obama zwar ankündigt, den Irak-Krieg „to a close“ bringen zu wollen, aber nicht sagt, auf welchem Wege das erreicht werden soll.

Hoffnung auf ein neues Amerika?

Doch Barack Obama spricht an diesem Abend auch nicht als Kandidat für die Präsidentschaft des mächtigsten Staates der Welt. Er spricht als „fellow citizen of the world“. Wo Kennedy noch sagte „Ich bin ein Berliner“, sagt Obama „ich bin ein Weltbürger“ und löst damit an der Siegessäule großen Applaus aus.
Nach 25 Minuten verlässt der Senator das Rednerpult und kaum einer der Zuhörer geht enttäuscht nach Hause. Selbst wer sich nicht zur Riege der Obama-Fans zählt, hat an diesem Abend zumindest eines geboten bekommen: Eine bewegende Rede von einem Mann, der am Rednerpult ein unglaubliches Charisma versprüht und seinem Ruf voll und ganz gerecht wird.

Es war vielleicht kein historischer Moment, keine Ansprache à la Kennedy und kein Klartext, was die politischen Aspekte betrifft. Aber es war eine Rede, die viele Zuhörer „ergreifend“ fanden und die tatsächlich hoffen lässt, dass mit Obama als Präsident die Vereinigten Staaten ein neues Gesicht bekommen könnten. Die es möglich erscheinen lässt, dass er etwas von dem Pathos seiner Rede, vom „Miteinander“ und „Füreinander“, von „Freiheit“ und „Demokratie“, von „Gerechtigkeit“ und „Solidarität“ mit in sein Amt nehmen und verwirklichen kann.


Lesen Sie auf /e-politik.de/ das Interview zur Obama-Rede: „Obama hat Kennedy übertrumpft“.


Die Bildrechte liegen bei der Autorin (Fan), der Obama-for-America-Kampagne (Logo) oder unterliegen der Creative-Commons-Lizenz (Zuhörer, Quelle: Alexander Hüsing).


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Weiterführende Links

Barack Obamas Berliner Rede in Bild und Wortlaut

2 Kommentare auf “„Ich bin ein Weltbürger“

  1. Leider ziemlich gefangen genommen worden. Entpolitisierung pur. Die Hardliner im Staff von Obama warten schon darauf, Pakistan angreifen zu können. Nicht naiv sein

  2. Da möchte ich zustimmen. Die Europäer – und v.a. wir friedliebenden Deutschen – werden uns wundern, wenn der „Wandel“ erstmal da ist. Mal sehen, welche „Brücken“ ein möglicher Präsident Obama gen Iran und Pakistan errichtet. Luftbrücken müssen ja nicht immer nur Care-Pakete transportieren…

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