„Fitnessplan“ für die deutsche Wirtschaft

Die Zeit, in der die alten Industrienationen einseitig von den Vorteilen der Globalisierung profitierten, ist unwiderruflich vorbei. Längst gibt es neue Wirtschaftspole, die einen dynamischen Aufstieg erleben. Wie Deutschland mit den dabei aufkommenden Herausforderungen und Chancen umgehen soll, das erklärt Stephan Scholtissek. Von Daniel Hönow

Das Buch ist in erster Linie ein Ergebnis der Arbeitserfahrungen eines Unternehmensberaters. Stephan Scholtissek ist Fachmann für Innovationen und Transformationsprozesse sowie Vorsitzender der Geschäftsführung bei Accenture, einem der weltweit führenden Beratungsunternehmen. Er hat sich insbesondere mit der Frage beschäftigt, wie die deutsche Wirtschaft von Globalisierungsprozessen profitieren kann. Folgerichtig hat sich der Autor mit seinem Buch das Ziel gesetzt, eine Art „Fitnessplan“ für Deutschland zu entwerfen. Dem Staat sowie den Unternehmen und Mitarbeitern sollen Handlungsstrategien zur Wahrung von wirtschaftlicher Stärke und Wohlstand aufgezeigt werden.

Die erste Phase der Globalisierung ist unwiderruflich zu Ende

Angetrieben von der Liberalisierung des Welthandels, von multinationalen Großkonzernen und den Neuentwicklungen der Informationstechnologie befindet sich die heutige Weltwirtschaft auf direktem Weg zu einer multipolaren Ordnung. In den ersten beiden Kapiteln analysiert Scholtissek griffig und kompakt die bestimmenden Triebkräfte dieser globalen Veränderungsprozesse und geht auf damit zusammenhängende Herausforderungen für die hiesige Wirtschaft ein. Es gelingt ihm, ein anschauliches Bild der Ausgangslage zu zeichnen, auf deren Grundlage die deutsche Wirtschaft die Handlungsoptionen zur Sicherung ihrer Wettbewerbsfähigkeit und des Wohlstands im Land abwägen sollte.

In der Folge geht Scholtissek dazu über, in knapp gehaltenen Einzelbeiträgen von den spezifischen Entwicklungen in den aufstrebenden Boom-Regionen zu berichten. Er plädiert dabei dafür, neben China und Indien auch die wirtschaftliche Entwicklung und die Marktstrukturen in Brasilien, Russland, Mexiko, Südkorea, Singapur, Australien, den Golf- und Turkstaaten sowie den Baltischen Staaten genauestens zu beobachten. Dort entstünden momentan mit ungeheurer Dynamik neue wirtschaftliche Machtzentren.

Strategien zur Wahrung des Wohlstands

Im zweiten Teil seines Buches analysiert Scholtissek, zuerst weiter gefasst, dann speziell auf Deutschland gerichtet, Anpassungsstrategien der alten Industriemächte an die neue wirtschaftliche Weltordnung. Es handelt sich um Strategien, die den meisten Unternehmern geläufig sein sollten. Nur die genaue Kenntnis der Märkte und die Bereitschaft zu fortdauernder Neuausrichtung garantieren, seiner Auffassung nach, schon heute global agierenden Unternehmen großen Erfolg. Man solle, so Scholtissek, auch in Deutschland aktiv und offensiv mit dem verschärften Wettbewerb um Rohstoffe und die besten Arbeitskräfte umgehen. Die Veränderungen der Kapitalströme und die Entstehung riesiger, neuer Konsumentenmärkte seien für Deutschland weniger ein Wohlstandsrisiko als die Chance zu neuem Wachstum.

Scholtissek erläutert seine Vorstellungen an ausgewählten, praktischen Beispielen. Die Claas Gruppe, SAP, BASF, Qiagen N.V. und die Rehau AG gehörten zu den deutschen Unternehmen, die Chancen der multipolaren Wirtschaftsordnung schon jetzt erfolgreich für sich nutzten. Oberstes Ziel aller Anstrengungen müsse der Erhalt der deutschen Wettbewerbsfähigkeit durch fortdauernde Innovationen, Verbesserung der Produktionsbedingungen und intelligentes Outsourcing sein. Sogar die Nutzung globaler Scouting-Systeme zur Akquise von Spitzenkräften sei unerlässlich zur Wahrung der Konkurrenzfähigkeit.

Ambivalentes Bild deutscher Zukunftschancen

Deutschland ist aus der Sicht Scholtisseks vergleichsweise gut auf die Herausforderungen der entstehenden wirtschaftlichen Weltordnung vorbereitet, wenngleich deutliche Defizite erkennbar blieben, die es zu beseitigen gelte. Bei der Vernetzung von Forschung und Entwicklung und bei der Förderung von Hochtechnologie wie etwa im Bereich regenerativer Energiequellen oder im Bereich der Lasertechnik belege Deutschland Spitzenplätze. Bei der Infrastruktur und der allgemeinen Innovationsförderung hielten sich positive und negative Entwicklungen die Waage. Eindeutigen Verbesserungsbedarf macht Scholtissek mit Blick auf die Bildungspolitik, innovationsfeindliche Unternehmensstrukturen, die Senkung der Arbeitskosten, überregulierte Arbeitsmarktbestimmungen und mangelnde Unterstützung für Unternehmensgründer aus.

Insbesondere der abschließende Teil des Buches klingt nach einem der gängigen Apelle eines Wirtschaftsvertreters zur Wahrung der Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland. Scholtissek empfiehlt im Ergebnis seiner Erläuterungen die Privatisierung der Infrastruktur, den Abbau bürokratischer Schranken oder die Fokussierung der Bildungsanstrengungen auf Ingenieurs-, Naturwissenschafts- und Informatikstudiengänge bei gleichzeitig stärkerem Praxisbezug. Arbeitnehmern rät er zu einem aktiven Selbstmanagement, lebenslangem Lernen und zum Ausbau ihrer sprachlichen Kompetenzen und technischen Fertigkeiten. Wer hier wirklich Neues erwartet, wird leider enttäuscht.

Gelungene Darstellung brandaktueller Entwicklungen

Mit Multipolare Welt gelingt Scholtissek ein umfassender und interessanter Überblick zu brandaktuellen wirtschaftlichen Entwicklungsprozessen, der zudem stringent strukturiert und angenehm eloquent daherkommt – ein „visionäres Buch“, wie der Verlag es nennt, ist es jedoch nicht.

Scholtissek, Stephan,
Multipolare Welt – Die Zukunft der Globalisierung und wie Deutschland davon profitieren kann
(2008), Hamburg,Murmann Verlag
272 Seiten, ISBN 978-3-86774-027-2, 22,50 Euro


Die Bildrechte (Cover, Portrait) liegen beim Murmann Verlag.


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