Wandel durch Annäherung

Cover_Muenkel.jpgEgon Bahr hat im März seinen 85. Geburtstag gefeiert. Zu diesem Anlass wurde dem Vater der deutschen Ostpolitik ein Band gewidmet, der sein politisches Wirken in Vergangenheit und Gegenwart zum Gegenstand hat. Von Christoph Rohde

Egon Bahrs Leben kann auch als Geschichte des Kalten Krieges geschrieben werden. Denn seine persönliche Biographie ist eng mit den weltpolitischen Ereignissen seit Anfang der fünfziger Jahre verbunden. Daniela Münkel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Seminar der Universität Hannover, führt den Leser mit ihrem Deutschland im Blick – Egon Bahr zum 85. Geburtstag zurück in diese Zeit. Dabei wird deutlich, mit welch hohem Antizipationsvermögen Bahr die politischen Geschicke seiner Zeit zu lenken verstand.



Ehrlichkeit als Qualität

Bahr ist authentisch genug um zuzugestehen, dass er als junger Mann einigen Handlungen der Nationalsozialisten positiv gegenüber stand. Die Rheinlandbesetzung und den Anschluss Österreichs begrüßte er. Dies alles, obwohl er als Sohn einer jüdischen Mutter bereits diskriminierende Maßnahmen der Nazis miterleben musste. Obwohl Bahr freiwillig zur Luftwaffe ging, wurde er 1944 „aus rassischen Gründen“ entlassen.

Der Einführungsartikel von Daniela Münkel gibt dem Leser einen sehr nützlichen Überblick über das Leben und Wirken Egons Bahrs und stellt somit einen adäquaten Wegweiser durch den angefügten Dokumententeil dar, der seine Reden aus drei Teilbereichen enthält: (1) Deutschland- und Ostpolitik, (2) Sicherheits- und Außenpolitik und (3) Partei.

Erste Parteipräferenz – die CDU

Der spätere Spitzenpolitiker wollte mithelfen, ein politisches System aufzubauen, das eine Wiederholung der Katastrophe des Dritten Reiches unmöglich machen würde. Laut Münkel war es seine Arbeit als politischer Journalist, die ihn mit den Vorzügen einer liberalen Bürgergesellschaft vertraut machte.

Portrait_Muenkel.jpgAuf der Suche nach politischen Vorbildern stieß Bahr zunächst auf die Ideen des CDU-Vorsitzenden Jakob Kaiser, der die Partei von 1945-1947 führte. Dazu vertrat er einen politischen Ansatz, der eine Lösung der Frage der deutschen Einheit an eine Vermittlung zwischen UdSSR und USA knüpfte. Diese Politik stand im Widerspruch zur Politik der Westintegration Konrad Adenauers, der damit die deutsche Einheit mittelfristig scheinbar aufgab. Für Bahr stand die SPD für eine Partei, die in der Person Kurt Schumachers ein vereintes Deutschland ernsthaft anstrebte. 1956 trat Bahr der SPD bei. Er beabsichtigte, so Münkel (Photo links), die bis dato defizitäre Darstellungspolitik der Partei professionalisieren zu helfen.

Eine Lebensfreundschaft

Zwischen Egon Bahr und Willy Brandt entstand zu Beginn der sechziger Jahre eine enge Verbindung, die menschlich und politisch begründet war, glaubt Münkel. Bahr war als Mitglied des Brandtschen Wahlkampfbüros maßgeblich für dessen Kampagnenstrategie in den sechziger Jahren verantwortlich. Die Beziehung der beiden betrachtete auch Brandt als außergewöhnlich: „Es ist selten, dass Freundschaft die Belastungen des politischen Geschäfts über so viele Jahre überdauert.“ Bahr selber sah die Freundschaft als „komplementär“ an. Diese belastungsfähige Synthese bildete die Grundlage für die revolutionäre Ostpolitik, die der Bundesrepublik in den siebziger Jahren einen Platz in der Weltpolitik sicherte.

Der Paradigmenwechsel

Egonbahr2005.jpgDer noch heute als Honorarprofessor in Hamburg tätige Politiker, der schon früh eine gesamteuropäische Perspektive eingenommen hatte, brachte diese Ende der sechziger Jahre direkter ins Spiel. Doch – und das hebt Münkel zu Recht deutlich hervor – verlor Bahr (Photo rechts) nie den Blick auf das Machbare. Denn nicht umsonst bezeichnet er sich als Anhänger Bismarcks: Politik wird als Kunst des Möglichen verstanden. Und die Grenzen des Möglichen wurden überdeutlich, als der Mauerbau am 13. August 1961 begann. Ein direkter Ansatz zur Wiedervereinigung war zu diesem Zeitpunkt völlig unrealistisch geworden.



Deutschlands gewachsene Souveränität

Den Alliierten ging es um die Stabilisierung des Status Quo. Deshalb fiel ihr Protest gegen die perfide Maßnahme eher gering aus. Bahr und Brandt wussten, dass die Deutschen im Rahmen ihrer Möglichkeiten kreativ reagieren und neue Wege in der Ostpolitik – jenseits der Hallsteindoktrin – finden mussten. Die Rede „Wandel durch Annäherung“ wurde zum außenpolitischen Programm. Die Gedanken der Rede, so die Herausgeberin, waren nicht neu, aber der politische Boden war nun bereitet, um sie in operative Politik zu übersetzen.

Mit seiner demokratietheoretisch bedenklichen, aber eminent erfolgreichen Methode des Back-Channeling, einer informellen Art der Diplomatieführung, gelang es Bahr, maßgebliche Vertragswerke vorzubereiten: den Moskauer Vertrag, den Warschauer Vertrag und das Transitabkommen. Den schnellen Prozess zur Wiedervereinigung Ende der achtziger Jahre betrachtete Bahr zunächst skeptisch – ein wiedervereinigtes Deutschland in der NATO hielt er gar für unmöglich. Dennoch sieht er sich in der Retrospektive – zu Recht – als einer der Väter der 1990 vollzogenen Wiedervereinigung. Dokumente und Interviews bleiben unkommentiert stehen – der Leser wird von Münkel zu einem eigenen Urteil über Bahr herausgefordert.

Bahrs Selbstverständnis

Das Transskript eines 2001 von Günter Gaus geführten TV-Interviews stellt ein wertvolles autobiographisches Element des Bandes dar. Hier kitzelt Gaus, selber einst Staatssekretär im Bundeskanzleramt und erster Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der DDR (1973-1981), einige wichtige Selbsteinschätzungen aus Bahr heraus. Dieser sieht sich nicht als Held. Er begehrte nicht auf gegen den Mauerbau und die Art der Sowjetherrschaft in der Ostzone. Im Gespräch mit Gaus erweist sich Bahr in fast bedenklicher Weise als Patriot. Er bewundert die Person Moltkes, „immerhin hatte der das letzte Mal einen Krieg (gegen Frankreich 1871, CR) gewonnen, nicht?“ Politische Entscheidungen müssen für den Politiker nicht immer reinrassig demokratischer Natur sein – der Politiker muss auch einmal nach seinem Gewissen entscheiden. Bahr erweist sich als streitbarer Sturkopf, wenn es um seine Ziele geht.

Aktuelle Standpunkte

Alte Weggefährten diskutieren mit dem Jubilar aktuelle politische Themen, so Erhard Eppler. Bahr fordert eine EU, die ihre militärischen Fähigkeiten ausbaut, um handlungsfähig zu werden. Obwohl er die USA mit ihrem machtzentrierten Weltordnungsansatz kritisiert, erkennt Bahr die Notwendigkeit einer transatlantischen Zusammenarbeit zur Ordnung der instabilen Weltordnung des 21. Jahrhunderts. Seine Vorstellung bleibt deshalb ambivalent.

Ein sinnvolles Kompendium

Die von Daniela Münkel bedacht zusammengestellte Dokumentensammlung lässt den Leser verstehen, dass die Politik der Gegenwart auf Errungenschaften der Vergangenheit basiert. Ein Europa bis an die Grenzen Russlands, das wir heute oft als selbstverständlich voraussetzen, wurde im Schatten von Nuklearwaffen von reifen Staatsmännern vorbereitet. Einer dieser Granden war Egon Bahr.

Wünschenswert wäre allerdings ein Epilog gewesen, in dem die Herausgeberin einige Kommentare zu Bahrs Einstellungen der politischen Gegenwart gewagt hätte. Denn neben einigen in Dokumentenbänden wohl unvermeidlichen Redundanzen offenbart die Aufeinanderreihung vor allem zeitnaher Themen gewisse inhaltliche Widersprüche. Dennoch kann das Buch für die jüngere Generation, aber auch für Journalisten und Entscheidungsträger im politischen Bereich eine wesentliche Bereicherung darstellen.

Münkel, Daniela: Deutschland im Blick. Egon Bahr zum 85. Geburtstag.

(2007), Berlin, Vorwärts Buch,

286 S., ISBN-13: 978-3866020504. 19,80 Euro


Die Bildrechte für das Cover liegen beim Vorwärts Buch Verlag. Der Verlag im Internet.

Portrait Bahr: Bild von Holger Noß veröffentlicht

unter Creative Commons Attribution ShareAlike 2.5 Lizenz.

Portrait Münkel ist gemeinfrei. 


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