Vertriebener Bauernführer

gellert.jpegEinem weniger bekannten, aber einflussreichen sozialdemokratischen Bauernführer, Kurt Gellert, ist eine erste Biographie gewidmet. Günter Wiemann schildert die kostenträchtigen Folgen des Nationalsozialismus für einen Emigranten und dessen bemerkenswert konstruktiven Umgang mit dieser Vergangenheit. Von Christoph Rohde

Günter Wiemann, emeritierter Professor für Sozialpädagogik der TU Hannover, erinnert mit der Biographie Kurt Gellert – Ein Bauernführer gegen Hitler an das einflussreiche, aber tragische Leben Kurt Gellerts. Der Autor hatte Gellert 1952 in Schweden kennen gelernt und mit diesem eine lebenslange Freundschaft geschlossen.



Ein Wandervogel wird politisch

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Kurt Gellert, geboren am 7. Januar 1900 in Hannover, zu einem überzeugten Pazifisten. Er, der in der Jugend vor allem sehr naturverbunden war, erkannte die Notwendigkeit, die überholten gesellschaftlichen Strukturen des Deutschen Reiches zu reformieren. Gellert kritisierte das offizielle, sehr autoritäre Schulwesen und engagierte sich in der Entschiedenen Jugend, einer Art jungproletarischer Avantgarde in der Tradition der Wandervogelbewegung, die in der Weimarer Republik jedoch nur drei Jahre Bestand hatte. Er investierte seine Energie deshalb in hochreflexive Prosa- und Lyrikwerke, die die Themen Naturerlebnis, Krieg und Tod beinhalteten. „Verzage nicht, sie ist so klein die Welt – und du ein Licht, das sie erhellt – ein kleiner Stein, der stützt den Bau ohnegleichen – und hilft allein, der Menschheitsziel erreichen – drum finde Mut, zu suchen deine Sendung – und führe gut aufs Ziel die Vollendung.“

Wiemann hat einige der durchaus beeindruckenden künstlerischen Arbeiten Gellerts abgedruckt. Er war Anhänger expressionistischer Kunst.

Neue Gemeinschaftsformen



Die Enttäuschung über die gescheiterten Politisierungsversuche in Jugendorganisationen führten Gellert dazu, neue Gemeinschaftsformen auszuprobieren. In der holsteinischen Heide wurde die landwirtschaftliche Siedlung Moorhof gegründet. Auf eine Naturromantik setzend sollten in der Neuen Gemeinschaft neue Menschen, ausgestattet mit universeller theoretischer und praktischer Bildung, herangezogen werden. Auch dieses romantische kommunitäre Projekt, welches als Prototyp für eine bildungsorientierte ländliche Lebensform dienen sollte, scheiterte schnell.

1927 waren die Wanderjahre des jungen Mannes beendet. Er wurde Geschäftsführer des Hannoverschen Kleinbauernbundes in Winsen an der Luhe. Von der Welt sanfter Utopien geriet er in die Sphäre kommunalpolitischen mühsamen Bohrens dicker Bretter, aber in der gewerkschaftsähnlichen Organisation konnte Gellert seine politischen Vorstellungen verwirklichen. Er wurde zu einem Anwalt für die Kleinbauern, der die nicht nur als Bürokrat wirkte, sondern den oft unter Armut leidenden Bauern auch menschlichen Halt gab. Kleinbauernbünde waren typische Organisationsformen der Weimarer Republik. Aber mit dem langsamen Sterben der Republik ab 1929 begann die gefährliche Zeit für den Bauernführer, der sich für den Republikschutz einsetzte. Im Jahr 1930 wurden in seinem Wohnhaus mehrfach die Fensterscheiben eingeworfen. Die Zentrale des Kleinbauernbundes musste durch Mitglieder des Reichsbanners streng bewacht werden.



Der Zwischenfall am Deich als Schlüsselerlebnis

Politische Biographien dieser Art lassen noch einmal konkret werden, in welch primitiver Weise die SA und die Nazis im Allgemeinen in den Kommunen gewütet haben. Die nationalsozialistische Bewegung kam nicht aus heiterem Himmel, sondern sie war das Ergebnis vieler individueller moralischer Fehlentscheidungen und Folgen kolossaler Rückgratlosigkeit, wie Wiemann in aller Deutlichkeit nachweist. Der Biograph zeigt die Militarisierung der Kommune Winsen und die zunehmende Häufigkeit der Anschläge durch die Nationalsozialisten, die in einem für Kurt Gellert tragischen Tiefpunkt kulminierten. Denn der angetrunkene Großbauer und SA-Mann Arthur Wiegels, der das Auto der Gellerts fahruntüchtig gemacht und Gellerts Frau tätlich angegriffen hatte, wurde von Gellert in Notwehr auf dem Elbdeich erschossen. Zwar wurde die Unschuld des Kleinbauernführers staatsanwaltlich eindeutig nachgewiesen, doch dies nutzte ihm nichts. Denn die Nationalsozialisten machten den getöteten SA-Mann Wiegelt zu einem Märtyrer. Für Gellert wurde die Luft dünn. Es war klar, dass gleich nach der Machtübernahme der Nazis deren Rache über ihn ausgegossen werden würde. Publizistische Kampagnen drohten Gellert das Schlimmste an. Die Winsener Zeitung druckte mehrfach Anzeigen der Nationalsozialisten, die explizit „Hängt Gellert“ forderten. Die Drohungen lösten bei Gellert Ängste aus, die ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen sollten.

Flucht nach Holland und Schweden

Mit seiner hochschwangeren Frau musste Kurt Gellert 1933 ins holländische Exil fliehen. Die holländischen Genossen zeigten ihre Solidarität, indem sie den Gellerts eine bescheidene Unterkunft und ein kleines Einkommen zur Verfügung stellten. Dennoch blieb bei Kurt Gellert ein Gefühl von Isoliertheit, Heimatlosigkeit und Angst zurück – im Exil in Holland wie in Schweden. Holland war das Fluchtland für die kleinen Leute, während einflussreiche und vermögende Intellektuelle in die USA auswanderten. In Holland versuchte die Gestapo mehrfach durch einen Dr. Wesemann, Kurt Gellert und seine junge Familie nach Deutschland zu entführen. Aus Amsterdam schrieb der Bauernführer den Freunden aus dem Verband in Winsen eine bewegende Abschiedsbotschaft, in welcher er die Idee der Solidarität vehement verteidigte.

Wiemann zeigt anhand intensiver Briefwechsel, wie der Bauernbund sich langsam auflöste. Einerseits wurden einige Mitglieder langsam von der nationalen Ideologie eingefangen – auf der anderen Seite wurde das Vermögen des Verbandes beschlagnahmt und in den Reichsnährstand integriert. Die Perspektive des kommenden Krieges führte dazu, dass sich die Gellerts eine neue Heimat suchen mussten – es wurde Schweden. Die Biographie zeigt die großen Mühen, die mit einem weiteren Ortswechsel verbunden waren. Die einheimischen Schweden waren lange nicht gewillt, deutsche Sozialdemokraten aufzunehmen. Viele Vorurteile waren ebenso vorhanden wie schwedische Nationalsozialisten, die der Familie die Hölle heiß machten. Dazu musste man ein überteuertes und sehr ertragsschwaches Grundstück erwerben. Doch allen Widerständen zum Trotz und mit Hilfe von schwedischen Sozialdemokraten fanden sie eine neue Heimat. Doch heimisch wurden sie nie, wie Börje Gellerts, Kurts Sohn feststellt: „Meine Eltern wussten nie, wohin sie gehörten. Waren sie in Schweden, dann mussten sie unbedingt nach Winsen, um nach ihren Grundstücken zu sehen, waren sie in Deutschland, dann mussten sie dringend nach Schweden, um sich um das Vieh zu kümmern.“ Dessen ungeachtet folgte der Bauernführer seinen politischen Überzeugungen und gründete eine politische Austausch- und Begegnungsstätte – das Internationale Haus Sonnenberg. Für Sozialdemokraten, wie zum Beispiel Waldemar von Knoeringen, ist Bildung ein Schlüsselelement auf dem Weg zu einer gerechteren Welt.



Die mangelnde Aufarbeitung in der Bundesrepublik der 50er

Wiemanns Biographie ist historisch sorgfältig strukturiert. Es wird deutlich, wie die deutsche Gesellschaft der fünfziger Jahre oftmals aufrechte Widerständler gegen das NS-Regime weiter als Verräter behandelte und ihnen den Weg zu Entschädigungen unerträglich schwer machte. Dies widerfuhr auch Kurt Gellert, der deshalb kein Interesse mehr hatte, nach Deutschland zurückzukehren. Die Aufarbeitung der Vergangenheit war kein Ruhmesblatt. Aber auch die deutsche Sozialdemokratie bekleckerte sich, so Wiemann, nicht mit Ruhm bei der Anerkennung von Gellerts Lebenswerk. In Winsen gibt es keine Gedenktafel und keinen Straßennamen, der seinen Namen trägt.



Ein wichtiges Werk

Die sorgfältige Darstellung des Lebens und Wirkens Gellerts ist ein Muss für alle diejenigen, die Vorbilder suchen bei der Gestaltung einer solidarischen Gesellschaft in den Zeiten der Globalisierung. Das Buch schildert einen Mann aus Fleisch und Blut, der nicht perfekt war – seine Schwächen werden nicht verschwiegen. Es waren viele Menschen wie Gellert, denen nie öffentlicher Ruhm zuteil wurde, die jedoch maßgeblich dazu beitrugen, die Werte zu bewahren, die aus dem allseitig zerstörten Deutschland eine funktionierende Demokratie machten.

Dies macht die Biographie so wichtig und glaubwürdig. Schöne Bildillustrationen und zahlreiche Abdrucke von Dokumenten helfen dem Leser, sich in die Zeit der Handlung zu versetzen. Jedes Kapitel verfügt über ein Personenverzeichnis, das dem Leser die historischen Zusammenhänge näher bringt. Wer den Mut hat, solidarische politische Ziele auch gegen Widerstände durchzusetzen, findet in diesem Werk eine große Ermutigung, in seinen Bemühungen nicht nachzulassen.

Günter Wiemann,

Kurt Gellert – Ein Bauernführer gegen Hitler. Widerstand, Flucht und Verfolgung eines Sozialdemokraten.

(2007), Berlin, Vorwärts Buch,

ISBN 978-3-88602-935-4, 29,80 Euro


Die Bildrechte liegen beim Berliner vorwärts Verlag.

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