Ungleichheit journalistisch betrachtet

Cover_Volkmann.jpgDie ungleiche Verteilung materieller und gesellschaftlicher Güter muss weltanschaulich gerechtfertigt werden. In welcher Weise und nach welchen Maßstäben Kommentatoren überregionaler Qualitätszeitungen von „rechts“ und „links“ politische Bewertungen vornehmen und wie die Leser darauf antworten, darüber gibt Ute Volksmanns Studie Auskunft. Von Christoph Rohde

Journalisten bevorzugen Themen, die es ihnen erlauben, Sachverhalte zu emotionalisieren, zu personalisieren und als moralische Instanz aufzutreten. Fragen gesellschaftlicher Verteilungen erfreuen sich deshalb besonderer Beliebtheit in der Publizistik. Ute Volkmann, Soziologin an der Fernuniversität Hagen zeigt in ihrer Dissertation Legitime Ungleichheiten – Journalistische Deutungen vom sozialdemokratischen Konsensus zum Neoliberalismus, dass überregionale Qualitätszeitungen im gedruckten Feld gesellschaftlicher Gerechtigkeitsdiskurse nahezu ein Meinungsmonopol beanspruchen können.

Vom sozialdemokratischen Konsensus zum Neoliberalismus

Portrait_Volkmann.jpgVolkmann (Foto links) geht von einer sich verändernden politischen Landschaft aus, was das Thema gesellschaftlicher Verteilungen angeht. Die von ihr ausgewählten Untersuchungszeitpunkte spiegeln diese Annahme wider. Sie untersucht Meinungsartikel (Kommentare, Glossen) der Jahrgänge 1970 und 2000 der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einerseits und der Frankfurter Rundschau andererseits, da diese zeitlich relevante Marksteine des Gerechtigkeitsdiskurses darstellen. Die ausgewählten Zeitungen sollen die politischen Meinungsextreme der überregionalen Qualitätspresse repräsentieren.

Volkmann geht von einer Neoliberalisierung der Sozialdemokratie im Jahre 2000 aus. Weiter nimmt sie an, dass die konservativen Zeitungen, die im Jahr 1970 eine oppositionelle Rolle zur SPD-Regierung innehatten, im Jahr 2000 den Kurswechsel der SPD mittragen. 1970 hatte die sozialliberale Koalition die „politisch-kulturelle Hegemonie“ inne, weshalb dieser Zeitraum für Volkmann als nützlicher Vergleichspunkt zur „neoliberalen Wende“ im Jahre 2000 erscheint.

Überzeugende Darlegung der Rolle der Massenmedien

Die Hagener Soziologin verfügt über breites kommunikationswissenschaftliches Wissen. Bezug nehmend auf den Systemtheoretiker Niklas Luhmann zeigt sie, in welch hohem Maße die Massenmedien in komplexen Gesellschaften zur Produktion von Orientierungswissen und von „gesellschaftlichen Eigenwerten“ beitragen. Damit stellen sie weit mehr als reine Wissensvermittlungsleistungen zur Verfügung, sondern wirken auch einstellungsprägend. Laut Volkmann konstruieren die Massenmedien normative und sachliche Deutungsmuster – sie stellen ihrem Publikum gedankliche Möglichkeitsräume zur Verfügung. Es sind jedoch allein schon ökonomische Gründe, die verhindern, dass die Massenmedien zu einfachen Manipulationsinstrumenten werden können.

Interaktion mit dem Publikum

Die Marktorientierung spielt bei privatwirtschaftlich organisierten Medien eine zentrale Rolle. Die Konkurrenz um Marktanteile hat frühzeitig dazu geführt, dass Medien versuchen, durch eine Spezialisierung ihres Angebots bestimmte soziale Gruppen an sich zu binden. Der Markt stabilisiert somit in gewisser Weise politische Fraktionierungen im Publikum. Journalisten, so Volkmann, sind besonders forsch in ihrer Argumentation (Verlautbarungsjournalismus), wenn die von ihnen vertretene Linie grundsätzlich der Regierungslinie entspricht. Vorsichtiger und mehr dialogorientiert argumentieren die die Opposition repräsentierenden Journalisten.

Weiter ist von Bedeutung, dass Qualitätszeitungen drei Gruppen von Adressaten haben: Journalisten, gesellschaftliche Entscheidungsträger und Mitglieder der Bildungsschicht. Hier spielen interne Netzwerke bei der Berichterstattung eine wichtige Rolle, die von Volkmann nicht genügend in Betracht gezogen werden. Gut stellt sie hingegen den großen gesellschaftlichen Einfluss von Publizisten aus dem Bereich der Qualitätszeitungen (gatekeeper) heraus.

Verteilungskonflikte journalismusfreundlich

Gesellschaftliche Verteilungskonflikte haben einen besonderen Nachrichtenwert, so Volkmann, weil es sich dabei um Konflikte handelt, die eine Vielzahl von Personen betreffen. Dazu gibt es Möglichkeiten zur Moralisierung und Personalisierung des Themas. Veränderungen des gesellschaftlichen Status Quo sind in Demokratien besonders legitimationsbedürftig.

Journalisten entscheiden deshalb mit darüber, ob Konflikte nur peripher behandelt oder lange offen gehalten werden. Der Kommentator wird selber zum Handelnden im Konflikt, indem er Stellung bezieht, Entscheidungen bewertet und relevante Gruppen unterschiedlich stark zu Wort kommen lässt. Er ist jedoch – systemtheoretisch argumentiert – weniger individueller Akteur als Repräsentant seiner Redaktion. Auch hier bestätigt Volkmann Erkenntnisse, die auch dem Nicht-Wissenschaftler ohne weiteres einsichtig sein müssten.

Legitimationssemantiken

Rechtfertigungsstrategien gesellschaftlicher Ungleichheiten lassen sich grundsätzlich mit Hilfe dreier Gerechtigkeitsvorstellungen durchführen: Leistungsgerechtigkeit, Bedürfnisgerechtigkeit und Gleichheit. Dem stellt die Autorin Ordnungssemantiken gegenüber: Individualismus und Kollektivismus. Ihre komplexe Mehrebenen-Argumentationen fasst sie sinnvoll in übersichtlichen Grafiken zusammen. Zusammenfassend bestätigt die Untersuchung politisch-weltanschauliche Konventionen.

Wo konservative, das Besitzbürgertum repräsentierende Zeitungen (hier: FAZ) individualistische und auf Leistungsgerechtigkeit basierte Prinzipien bevorzugen, da fordern „Bildungsbürger“ des mehr linken Spektrums ein stärker gemeinwohlorientiertes Handeln, welches sich in den Postulaten der Bedürfnisgerechtigkeit, Gleichheit und intensiverer Staatstätigkeit äußert. Ihre Einschätzungen entsprechen den konventionellen Annahmen.

Medien verschärfen politische Dichotomie

Als spannend erweist sich eine Schlussfolgerung aus Volksmanns Untersuchung. Medien verstärken und verstetigen den Dissens zwischen sozialen Großgruppen. Dieser Dissens findet nicht primär auf der Ebene konkreter politischer Maßnahmen statt, sondern auf einer grundsätzlichen Ebene. Die Gesellschaft ist hinsichtlich der Frage gespalten, wer die Verantwortung für die Verteilung gesellschaftlich relevanter Güter innehaben sollte – der Staat oder das Individuum.

Die Art der Berichterstattung ist weiter davon abhängig, welche der extremen Richtungen die konkrete politische Vorherrschaft im Staat besitzt. Deshalb wäre es höchst spannend, die Fragestellung der Arbeit auf die Herrschaftsstruktur der großen Koalition zu beziehen. Kommt es bei dieser politischen Konstellation zu einer Annäherung der publizistischen Extrempole?

Interdisziplinär lesbar

Volkmanns Arbeit überzeugt vor allem in ihrem theoretischen Design. In ausgesprochen anspruchsvoller Weise verbindet sie kommunikationswissenschaftliche Analyseformate mit Ergebnissen gerechtigkeitsethischer Diskurse. Leider geht die 2005 fertig gestellte Arbeit nicht auf die Hartz-Gesetzgebung ein.

Der empirische Teil fällt gegenüber dem theoretischen Teil etwas ab. Dennoch ist die Arbeit hervorragend strukturiert und bestätigt intuitive Annahmen über das Verhältnis von Medien und Politik im Verteilungskonflikt. Sie ist für Lehrende und Studierende der Soziologie, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politikwissenschaften und Journalistik ebenso gut geeignet wie für Mitarbeiter aus der publizistischen Praxis.

Volkmann, Ute: „Legitime Ungleichheiten – Journalistische Deutungen vom sozialdemokratischen Konsensus zum Neoliberalismus“,

VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006,

282 S., ISBN: 978-3-531-15170-0, 39,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim VS-Verlag.


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