Tremendum et Fascinosum

Cover_Hempelmann.jpgIst Religion, die zugleich erschreckend wie auch faszinierend ist, per se gewalttätig? Die sozialwissenschaftliche Forschung zu dem Thema war, ist und wird sich wohl nie einig darüber sein. Der Sammelband Religionen und Gewalt bietet auch keine klare Antworten, aber interessante und grundlegende Perspektiven. Von Jodok Troy

Reinhard Hempelmann und Johannes Kandel reihen sich mit ihrem Sammelband in die zunehmende Fülle an Literatur zum Thema „Religion und Gewalt“ ein. In sechs Abschnitten beginnend mit allgemeinen sozialwissenschaftlichen Fragestellungen bis hin zu den spezifischen Religionen wird das Thema umfassend in 18 Beiträgen behandelt.



Opferriten und Sündenböcke

Ein Ansatz, der sich insbesondere durch das Schaffen des französischen Literaturwissenschaftlers René Girard etabliert hat, ist die Theorie des „Sündenbockmechanismus“. Denselben Ansatz verfolgt auch Józef Niewiadomski in seinem Beitrag, in dem er versucht herauszuarbeiten, dass Gewalt kein Prädikat für Gott ist: „Die Opferriten und die Mythen verschleiern das Opfer, sie verdecken dieses durch die Projektionen (stellen es als schuldig an seinem Geschick dar und entschuldigen damit die Gemeinschaft, sie verschleiern also die kollektive Gewalt). In der biblischen Tradition wird das Opfer in seiner relativen Unschuld sichtbar, die Gemeinschaft aber wird der Kollektivgewalt überführt“ (S. 124).

Zugegeben, durch den absoluten Wahrheitsanspruch laufen die monotheistischen Religionen Gefahr zu einer „Herrschaftskategorie“ und „strukturell intolerant“ zu werden, wie Wolf Krötke richtig festhält. Durch einen solchen Anspruch ergibt sich konsequenterweise auch der Missionsgedanke, wie die Geschichte gezeigt hat leider auch oft mittels Gewalt. Dennoch, durch den Ein-Gott-Glauben wird der Mensch letztlich frei, denn er ist dadurch nicht von Dämonen und anderen halbgöttlichen Wesen in seiner Lebenswelt eingeschränkt.

Konflikt- und Konfliktverhalten

Eine fundamental wichtige, in der Analyse des Themas „Religion und Gewalt“ aber oft vernachlässigte Unterscheidung ist die von Volker Rittberger dargestellte zwischen Konflikt und Konfliktverhalten: Religionen selbst sind in den seltensten Fällen die Ursache für Konflikte, sie können aber wesentlich das Konfliktverhalten beeinflussen. Hier ergeben sich gleich einige gewichtige Möglichkeiten für eine Religion einen Konflikt zu verschärfen, zum Beispiel mit sakraler Symbolik oder religiöser Rethorik.

Zum selben Schluss kommt auch der bekannte Terrorismusforscher Peter Waldmann, der religiöse Gewalt nicht überschätzt wissen will, sondern den Rückgriff auf religiöse Formeln und pseudoreligiöse Sprachelemente („Achse des Bösen“) im Kontext säkularer Gewaltbewegungen als weitaus gefährlicher erachtet.

Die Notwendigkeit einer „Weltgewaltordnung“

Einer, wenn nicht der gewichtigste theologische Erklärungsansatz für die Gewalt in der Welt ist durch die wohl geheimnisvollste neutestamentliche Gestalt repräsentiert, die in dem Beitrag von Wolfgang Palaver vorgestellt wird: den Katechon – den „Aufhalter“, der das Paradox einer gewaltbewehrten Friedenssicherung zum Ausdruck bringt: Er hält einerseits das Kommen des Antichristen auf und zögert andererseits dadurch aber auch die Wiederkunft Christi hinaus. „Der Katechon enthält selbst in seinem Wesen Gewalt, um dadurch das gewalttätige Chaos, das mit der Herrschaft des Antichristen einhergehen wird, zurückzuhalten“ (S. 162). Dies ist eine zutiefst realistische Sichtweise und wohl vielen Zeitgenossen unbekannt. Der Katechon ist die Antwort auf eine Welt, in der es nicht ohne jede Gewalt Frieden geben kann, vielmehr sind wir zu einem gewissen Grad auf eine Weltgewaltordnung angewiesen.

Problemfall Islam?

Ist der Islam gewalttätiger als andere Religionen? Die Frage ist falsch gestellt, denn „den Islam“ gibt es nicht. Vielmehr existiert eine plurale Szene mit unterschiedlichen Deutungs- und Anknüpfungsmöglichkeiten wie die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer hervorstreicht. Nicht zu vergessen ist ebenfalls, dass der Islam eine umfassende Lebensweise, das heißt auch ein kulturelles und gesellschaftspolitisches System und nicht „nur“ eine Religion ist. Johannes Kandel geht sogar soweit zu sagen: „Islam ist Religion und politische Macht“ (S. 289), den Islamismus hingegen als „politisches Projekt“ dessen Ziel die Ausbreitung und die Durchsetzung des „Islam als ganzheitliches System im Weltmaßstab“ (S. 292) zu charakterisieren.

Hinsichtlich des islamistischen Terrorismus bietet der Islam als Religion sicherlich keine ausreichende Erklärung für den Einsatz von Gewalt wie Ulrich Schneckener in seinem Beitrag über Al-Qaida betont. Allerdings hat die religiöse Motivation sicherlich Einfluss auf die Art und Weise der Organisation, Rechtfertigung der Taten, Taktiken und dem Umfang der Gewaltanwendung terroristischer Organisationen. Und: da Religion ein transnationales, umfassendes Konzept ist, fördert Religion scheinbar auch die transnationale Netzwerkbildung von terroristischen Organisationen. „Kein Zufall dürfte es auch sein, dass es sich bei diesen Netzwerken ausschließlich um islamistisch geprägte Gruppen handelt“ (S. 97).

Religion erzeugt Gewalt – Einspruch!

Trotz gewichtiger Argumente, die zumindest die Gewaltanfälligkeit monotheistischer Religionen herausarbeiten, ist Hermann Häring zuzustimmen, wenn er vorsichtig gegenüber den Theorien ist, die Religionen als Gewaltproduzenten ansehen. Denn „Religionen spielen ihr Spiel immer nur innerhalb kultureller und gesellschaftlicher Einheiten, in denen es Gewalt schon gibt“ (S. 25). Und: sieht man sich die weltpolitische Landkarte der aktuellen Konfliktherde und Konfliktfelder an wird deutlich, dass Religion letztlich immer im Zusammenhang mit säkularen Konflikten gewalttätig, das heißt missbraucht wird. Religion und Religionsgemeinschaften sind letztlich vielmehr Instrumente der Gewalteindämmung, es ist also keineswegs müßig über eine Stärkung ebendieser in der Öffentlichkeit nachzudenken, wie Józef Niewiadomski in seinem Beitrag fordert.

Verständlicherweise orientiert sich die Mehrzahl der Beiträge an den monotheistischen Religionen, insbesondere am Christentum und dem Islam. Dennoch finden sich erfreulicherweise auch zwei Beiträge zum Buddhismus, der etwa durch die buddhistischen Selbstmordattentate (zum Beispiel auf Sri Lanka) traurige Aktualität hat. Die Stärke des Bandes liegt aber sicherlich in den Beiträgen, die sich grundsätzlich mit der Rolle von Religion und Gewalt auseinandersetzen – was auch ein wesentlicher Beitrag zur Grundlagenforschung zum Thema ist. Dazu gehört zum Beispiel auch die Fähigkeit das Thema mittels einer Art „Metatheorie“ (wie dies etwa durch die Theorien von Girard geschieht) zu untersuchen. Den Wissenschaftlern, die dies versuchen, gebührt Respekt. Zu wünschen wäre ihnen aber auch ein „Wettbewerb“ der Theorien oder der Möglichkeit der Falsifikation um die Forschung voranzutreiben und verengende Blicke zu verhindern. Auf alle Fälle also ein lesenswerter Band der nicht nur für Spezialisten sondern auch für ein breiteres interessiertes Publikum interessant ist.

Hempelmann, Reinhard/Kandel, Johannes (Hg.): „Religionen und Gewalt. Konflikt- und Friedenspotentiale in den Weltreligionen.“

V&R unipress, Göttingen, 2006, 329 S.

ISBN 3899712854, 29,90 Euro.



Die Bildrechte liegen bei der V&R unipress (Cover).




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