Seelsorge für Arbeitslose

arbeitslos.jpgArbeitssuchende haben kaum eine gesellschaftliche Lobby. Um so wichtiger ist es, dass sich gesellschaftliche Akteure für diese vernachlässigte Zielgruppe einsetzen. Ein Kloster-Retreat schenkt Arbeitssuchenden neuen Mut. Ein Erfahrungsbericht von Christoph Rohde

Die Sonne bahnt sich ihren Weg hinweg über den Herzogstand und trifft auf die Zwiebeltürme des Benediktinerklosters. Von dort fällt sie in den Innenhof des Wohnhauses beim Kloster, wo sie der Besuchergruppe einen warmen Empfang bereitet. Für die Arbeitslosen – euphemistisch auch Arbeitssuchende genannt – ist dies ein selten schöner Morgen inmitten einer traumhaft schönen Umgebung, der sie aus dem grauen Alltag herausreißt – einem Alltag, der von morgens bis abends beherrscht wird von Themen wie Sparen, kontrolliert werden, sich wertlos fühlen und so weiter.

Eine Initiative der Katholischen Kirche

Mike Gallen, Pastoralreferent für die Arbeitslosenseelsorge, hat für einkommensschwache Arbeitslose ein einmaliges Programm auf die Beine gestellt. Re-think im Kloster lautete das Motto des von der Arbeitslosenseelsorge in der Erzdiözese München und Freising finanzierte Retreat.

Allgemein hat die Arbeitslosenseelsorger das Ziel, arbeitslosen Frauen und Männern unabhängig von Alter, Nationalität und Religionszugehörigkeit ihre Sympathie und Solidarität bei dem Schicksal der Arbeitslosigkeit auszudrücken, eine enge Zusammenarbeit mit Arbeitslosenzentren und -initiativen und verschiedenen Einrichtungen der Caritas herzustellen sowie die Thematisierung der Arbeitslosigkeit in kirchlichen Gremien anzuregen und Initiativen, z.B. der Pfarrgemeinden, zu unterstützen und zu begleiten.

Das Ziel des im Kloster Benediktbeuern stattfindenden Seminars bestand darin, dass die Arbeitslosen lernen sollten, ihre Probleme loszulassen und zu sich selbst zu finden. „Auszeit bei dir – über dich hinaus“ lautete das Motto des Treffens, welches sich im Themenkanon und Angebot widerspiegelte.

Meditationstechniken und Kunstangebote als Entspannungstechniken

Das zentrale Ziel dieses Retreats war es, den Teilnehmern die Fähigkeit zu vermitteln, auch im Alltag abschalten zu können. Als entspannungspraktisch besonders wertvoll erwies sich die zen-buddhistische Technik des meditativen „Sitzens“, von Robert Philipp vorgestellt. Die Gruppe vermochte sich in erstaunlich intensiver Weise auf die Praxis des „Wichtig ist immer der nächste Schritt“ einzulassen. Diese meditative Technik hilft, lange und entmutigende Phasen des Grübelns zu überwinden. Dem Einzelnen wird durch Übungen eine Überwindung des Dualismus zwischen wahrnehmendem Subjekt und wahrgenommener Wirklichkeit möglich. Für den sich minderwertig fühlenden Arbeitslosen kann dies zu einer heilenden Entspanntheit führen.

entspannung.jpgNur den wirklich Gelenkigen unter den Teilnehmern – von denen nicht allzu viele dabei waren (!) – diente das Yoga der Entspannung. Karl (63) stöhnte aufgrund unmittelbar erfahrener Limitation eigener körperlicher Fitness. Dennoch ist der Zusammenhang für Arbeitslose besonders wichtig: in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist. Sport hilft gegen depressive Verstimmungen, die bei Langzeitarbeitslosen eine unvermeidliche Folge ihrer Lebenssituation sind. Günther (52) hatte jahrzehntelang als Malermeister gearbeitet, bevor er seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte. Er sieht keine beruflichen Perspektiven mehr und ist über ein Netzwerk wie die Arbeitslosenseelsorge sehr dankbar.

Konflikte und -lösungen

Das Zulassen von Stille und die Perspektive nach innen führte bei einigen Teilnehmern zu emotionaler Überforderung. An einem Morgen kam es bei einer Entspannungsübung zu einen heftigen Konflikt, der zu aggressiven verbalen Auseinandersetzungen führte. Dies zeigt die Bürden, die sozial ins Prekariat geratene Bürger tief in sich herumtragen. Das fokussierte Innehalten kann verletzte Strukturen aufwühlen. Deshalb sollte im Vorfeld einer solchen Veranstaltung darauf geachtet werden, dass die Teilnehmer ein Mindestmaß an Teamfähigkeit mitbringen. Ansonsten liegt ein kaum zu beherrschendes großes emotionales Eskalationspotenzial vor. Das Programm ist ausdrücklich nicht so konzipiert, dass es direkte therapeutische Maßnahmen vorsieht.

wandergruppe.jpgInsgesamt hielten sich die Spannungen Grenzen aber in tolerierbaren Grenzen – die Teilnehmer waren sehr dankbar für das Angebot, das sie für einen kurzen Augenblick aus ihrem Alltag herausriss, während die Veranstalter die vorhandene Disziplin lobten.

Keine politischen Ziele

Die Gruppe war trotz der vorstehend genannten Probleme fähig, eine konstruktive, interaktive Gemeinschaft herzustellen. Die Umgebung, Wandern in der Natur, komfortable Zimmer und gutes Essen waren Elemente, die den sonst oft grauen Alltag bunt werden ließen. Dankbarkeit für die Initiative Mike Gallens war das vorrangige Feeling während des Retreats. Deshalb sind weitere, professionelle inszenierte Initiativen dieser Art deutschlandweit wünschenswert. Allerdings dienen sie nicht der gesellschaftlichen Formierung von Arbeitssuchenden.

Hierzu stehen andere organisatorische Formen wie beispielsweise das Netzwerk Erwerbssuchender Akademiker (NEA) bereit. An der Veranstaltung zu kritisieren war lediglich die etwas zu implizite Schwerpunktlegung auf Methoden östlicher Religionen. Man hätte die Vor- und Nachteile dieser Lehren und der aus diesen abgeleiteten Techniken klarer benennen können.

Der Eigenwert des Menschen

Eine Lektion wurde bei diesem Workshop deutlich: Menschen haben Wert, weil sie Menschen sind. Nicht nur Kant wusste dies. Auch dieses Treffen lehrte diese Tatsache in aller Deutlichkeit. Um so wichtiger ist es, dass die Gesellschaft es schafft, die Talente ihrer Mitglieder bestmöglich zu fördern und zu nutzen.

Franklin Delano Roosevelt hielt eine hohe Arbeitslosigkeit nicht nur für ein sozioökonomisches, sondern auch moralisches Versagen einer Gesellschaft. Doch dieses Problem ist nicht nur auf aktives Entscheidungshandeln von Akteuren zurückzuführen, sondern auch auf nicht-intendierte Nebenfolgen der Globalisierung im weiteren Sinne. Mit moralischen Argumenten ist deshalb nicht viel zu bewirken, sondern durch kreative Maßnahmen und den Einsatz aller gesellschaftlichen Kräfte.

Einerseits bedarf es dichterer Netzwerke, die die Interessen der atomisierten Gruppe der Arbeitssuchenden vertreten. Auf der anderen Seite ist es für Arbeitssuchende wichtig, dass sie bei ihren finanziellen Limitierungen die Gelegenheit bekommen, mal aus dem grauen Alltag herauszukommen. Doch auch die Arbeitslosen stehen in der Pflicht, einen eigenen Unternehmergeist zu entwickeln und das Leben eigeninitiativ zu gestalten.


Die Inschrift befindet sich am Franklin Delano Roosevelt Memorial in Washington D.C. und erinnert an den New Deal. Die Bildrechte liegen beim Autor.


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