Schlingen und Schlägereien

Fünfzig Jahre nach der schwarzen Bürgerrechtsbewegung ist Rassismus in den USA noch allgegenwärtig. Im September 2007 verprügelten sechs schwarze Schüler aus Jena, Louisiana, einen weißen Mitschüler. Dies wurde zum Auslöser einer neuen Emanzipationsbewegung der afroamerikanischen Gemeinschaft. Von Aurelia Huffer

Am 20. September waren mehr als 25.000 Menschen nach Jena, Louisiana, gereist, um für die Unschuld eines schwarzen Schülers, Mychal Bell, zu demonstrieren. Zusammen mit fünf anderen wurde er wegen einer Schlägerei mit einem weißen Mitschüler im Dezember 2006 des versuchten Mordes sowie Verschwörung angeklagt. Die anderen fünf Schüler wurden nach einigen Monaten wieder freigelassen, aber Mychal Bell musste bis zu seinem Gerichtstermin am 20. September 2007 im Gefängnis sitzen. In der Zwischenzeit organisierten lokale Aktivisten auf Internetportalen eine Demonstration, die am Tag des Verfahrens vor dem Gerichtssaal stattfinden sollte. Die Aktivisten waren erfolgreich, denn an diesem Tag strömten mehrere hundert Busse aus allen Teilen des Landes nach Jena. Mit Plakaten wie „Free the Jena Six“ und „No Justice. No Peace“ marschierten die 25.000 überwiegend schwarzen Demonstranten durch die US-amerikanische Kleinstadt Jena.

Die Bilder der Demonstrationen erinnern an die Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre. Doch den meisten Demonstranten ging es um mehr als nur sechs Jugendliche, die eine zu harte Strafe bekommen hatten. Es ging um den vor allem im Süden der USA noch tief verwurzelten Rassismus. Fälle wie die der „Jena Six“ bringen die Doppelmoral wieder zum Vorschein. Sie zeigen, dass die weiße und schwarze Bevölkerung fünfzig Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung immer noch nicht vor dem Gesetz gleich sind. Auch afroamerikanische Prominente, wie der Bürgerrechtskämpfer Jesse Jackson, der US-Rapper Mos Def und der Sohn des 1968 ermordeten Martin Luther King Jr., Martin Luther King III., beteiligten sich an den Protesten. In einer Rede vor dem Gerichtssaal sagte Martin Luther King III.: „In jedem Bundesstaat gibt es eine Stadt wie Jena. Das können wir nicht einfach ignorieren.“

Doppelmoral in den Südstaaten der USA

In den USA gibt es tatsächlich viele Ortschaften wie Jena, in denen die räumliche Trennung die Rassentrennung widerspiegelt. Die wohlhabende weiße Bevölkerung lebt an einem Ende der Stadt, die arme schwarze Bevölkerung am anderen. Selbst an der Highschool ist sie sichtbar. Auf dem Schulhof haben die Weißen und Schwarzen jeweils ihre Gebiete. An der Jena High School war der „White Tree“ (Foto links), der Baum der Weißen, Jahrzehnte lang inoffiziell der Baum, unter dem nur weiße Schüler saßen. Im September 2006 setzten sich drei schwarze Schüler in einer Mittagspause unter den „White Tree“.

Am nächsten Tag hingen vom selben Baum drei galgenartige Schlingen. Schlingen wurden bis weit ins 19. Jahrhundert zur Hinrichtung von Sklaven angewendet und im 20. Jahrhundert immer häufiger zum Terrorinstrument des Ku-Klux-Klans. Zunächst sollten die drei „Missetäter“ von der Schule verwiesen werden. Da sich aber die Eltern bei dem Direktor beschwerten, kamen sie mit einigen Wochen Hausarrest davon.

In den nächsten Monaten folgte eine Reihe Prügeleien zwischen weißen und schwarzen Schülern. Die Lage erhitzte sich immer mehr, bis im Dezember 2006 der weiße Schüler Justin Baker von sechs schwarzen Mitschülern brutal verprügelt wurde. Baker musste mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus. Nach Angaben seiner Mitschüler war er aber noch am gleichen Abend auf einer Schulveranstaltung.

Die sechs schwarzen Schüler wurden eingesperrt und wegen versuchten Mordes sowie Verschwörung angeklagt. Somit drohte ihnen eine maximale Freiheitsstrafe von 15 Jahren. Die Anklage wurde später auf Körperverletzung und Verschwörung abgemildert, so dass fünf der Täter – Jesse Beard, Robert Bailey Jr., Carvin Jones, Bryant Purvis und Theo Schawerwarten – nach einigen Monaten auf Bewährung freigelassen wurden und mit einer hohen Geldstrafen davon kamen. Nur der siebzehnjährige Mychal Bell wurde bis zu seinem Gerichtstermin im September 2007 gefangen gehalten, weil er gegen eine frühere Verurteilung verstoßen hatte.

Landesweite Unterstützung für Mychal Bell

Die Nachricht über die Mordbeschuldigung verbreitete sich im ganzen Land. Lokale Aktivisten stellten Internetseiten wie freethejena6.org auf und veröffentlichten Videos auf YouTube, um Proteste für den 20. September zu organisieren. Zusätzlich zur Demonstration organisierten sie eine Spendensammlung, um die Gerichtskosten und Kautionen der restlichen fünf Beschuldigten, deren Bußgelder jeweils in einer Höhe von bis zu 50.000 $ lagen, zu zahlen. Auch unter weißen Prominenten fanden die „Jena Six“ Unterstützung. Rock-Sänger David Bowie spendete 10.000 $ und schrieb in einer E-mail dazu: „Das ist meine kleine Geste, um meinen Glauben darüber auszudrücken, dass eine falsche Anklage und eine Verurteilung verhindert werden sollte.“

Die Demonstration am 20. September in Jena war erfolgreich. Sowohl die große Internetpräsenz der „Jena Six“ als auch die durch die Proteste bewirkte Medienaufmerksamkeit stellten den Fall landesweit unter öffentliche Beobachtung und setzten Jury und Richter unter Druck. Der Angeklagte Mychal Bell wurde am 28. September freigesprochen, musste aber zwei Wochen später wieder in Haft genommen werden – diesmal in einem Jugendgefängnis, um die Strafe eines früheren Gerichtsurteils abzusitzen.

Die „Jena Six“ als Symbol der Diskriminierung

Inzwischen ist in Jena wieder Ruhe eingekehrt. Der „White Tree“ ist abgesägt worden, „um einen Schlussstrich zu ziehen“, laut dem Direktor der Jena High School. Jena bleibt jedoch ein Symbol der neuen Emanzipation der afroamerikanischen Gemeinschaft und zeigt, dass der Kampf gegen Rassismus in den Vereinigten Staaten noch lange nicht gewonnen ist. In der Gesellschaft wie auch in der Justiz wird immer noch nach Doppelstandards gehandelt. Während der symbolisch rassistische Angriff der weißen Schüler als harmloser Streich unter den Teppich gekehrt wurde, mussten die sechs schwarzen Jugendlichen, die einen weißen Schüler zusammengeschlagen hatten, zunächst mit einer Anklage des versuchten Mordes und Untersuchungshaft büßen und dann Strafgelder in fünfstelliger Höhe zahlen.

Der Fall der „Jena Six“ ist nur einer von Tausenden, der es landesweit in die Schlagzeilen geschafft hat. Zumindest vorübergehend wurde dadurch die amerikanische Gesellschaft auf die immer noch allgegenwärtigen Probleme der Doppelmoral und Diskriminierung aufmerksam. Bis jedoch in allen Teilen des Landes schwarze Bürger in der Gesellschaft wie auch vor dem Gesetz gleich behandelt werden, wird es wohl noch einige Jahre dauern.


Die Bildrechte liegen bei Michael David Murphy.


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