Philosophien der Neuzeit

Cover_Ottmann.jpgHenning Ottmann hat seiner „Geschichte des politischen Denkens“ einen weiteren Einzelband hinzugefügt und widmet er sich der Neuzeit. Das vielseitige Buch behandelt nicht nur Philosophen, sondern auch Leistungen berühmter Dichter. Von Christoph Rohde

Henning Ottmann, Ordinarius am Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft in München, zeigt auf, dass die Neuzeit so neu gar nicht ist. Diese Epoche stellt in gewisser Weise die Geschichte gesteigerter Macht des Menschen über seine Umwelt dar. Auf der anderen Seite kann man die Neuzeit als eine Zeit der „Entteleologisierung“ betrachten – der Lebenssinn wird plötzlich dem ins Dasein geworfenen Individuum zugemutet, nicht mehr durch eine vorgegebene, quasi-natürlich vorgegebene Ordnung gestiftet.



Renaissance, Humanismus, Republikanismus

Auch die Moderne erhält ihre Identität durch eine Abgrenzung zu den antiken Klassikern, deren anhaltende Bedeutung Ottmann in Band I seiner „Geschichte des politischen Denkens“ nachgewiesen hat. Aber die Neuzeit beginnt auch durch eine Wiederkehr des Alten in Form der Renaissance. Dieser von im 19. Jahrhundert kreierte Begriff beinhaltet die Entdeckung der Neuen Welt, des neuen kopernikianischen Weltbildes, aber auch eine Kritik an einem reinen Rationalismus sowie eine Rückbesinnung auf kulturelle Errungenschaften.

Der Humanismus hingegen geht sowohl eine Synthese mit dem Christentum als auch mit atheistischen Weltvorstellungen ein. Mit dieser Denkrichtung verbindet Ottmann vor allem eine Selbstgewisswerdung der neu entstehenden Nationalstaaten.

Der Republikanismus, dem der Münchner Philosoph tendenziell nahe steht, hat seine Wurzeln in den italienischen Städterepubliken (Florenz, Pisa) und reicht hinüber zu den Werten der amerikanischen Staatsgründung, die, wie Ottmann explizit hervorhebt, nicht nur auf einem liberalen Gestus beruht. Der Republikanismus betont wertintegrative Faktoren bei der Herstellung politischer Gemeinschaft an sich und kommt damit dem Kommunitarismus nahe.

Machiavellis erfolglose Erfolgstechnik

Niccolo Machiavelli war kein originärer Denker. Er brachte altbekannte Denkweisen in neuem Gewand auf die Tagesordnung. Was er der Nachwelt vermitteln wollte, bleibt, so Ottmann, erstaunlich ambivalent. Denn einerseits kennt jeder den „bösen“ Machiavelli der Machttechnik, der in seinem Il Principe dem Fürsten Ratschläge zum Machterhalt erteilte – vor allem auch aus Eigennutz. Dieser soll alle Mittel zum Machterhalt einsetzen. Doch auf Mittel der Gewalt soll er nur zurückgreifen, wenn dies die Staatsnotwendigkeit (necessita) gebietet. Der Religion – und darin ist Machiavelli besonders modern – weist er lediglich eine instrumentelle Funktion zur Pazifizierung des Volkes zu. In diesem Kontext ersteht der Republikaner Machiavelli.

Ottmann zeigt, dass dieser einer gemischten Verfassung eine besondere Bedeutung für ein stabiles Staatswesen und damit für den Machterhalt des Herrschers zuweist. Die Wirkungsgeschichte Machiavellis ist dementsprechend differenziert. Ottmann teilt sie in den Anti-Machiavellismus ein und in Machiavelli-Apologien, die sich wiederum in Realisten, Patrioten und Republikaner unterscheiden lassen. Auch der „Machiavelli des Dritten Reiches findet sich. Der Leser wird – und das ist wohltuend – zu keiner verbindlichen Interpretation genötigt. Es zeigt sich aber an Machiavellis Biographie, dass seine eigenen Machttechniken ihn und die von ihm bevorzugten Herrscher nicht zum Erfolg führten.

Die Bedeutung der Reformation

Für die Entwicklung des modernen Nationalstaates ist die Reformation ein zentrales Thema, das in vielen politischen Fakultäten gern übersehen wird. Gerade in den Zeiten einer in mehreren Nationalstaaten festzustellenden Islamisierung ist eine Analyse des Verhältnisses von Religion und Politik aber von besonderem Wert. Ottmanns Urteil zur politischen Bedeutung der Reformation erweist sich als radikal: Der mit dieser verbundene Gang in die Innerlichkeit habe die Bedeutung der Politik relativiert, wenn nicht gar zu einer Entpolitisierung und Rechtfertigung des gesellschaftlichen Status Quo geführt. Auf der anderen Seite stellt die calvinistische Version, die eine Verbindung von weltlichem Erfolg und Seelenheil annimmt, eine wesentliche Triebkraft des Kapitalismus dar, wie dies Max Weber deutlich gezeigt hat.

Luther wird von Ottmann relativ stark kritisiert – aufgrund seiner durch die Zwei-Schwerter-Lehre bedingte Unterordungsmentalität, die in den Bauernkriegen furchtbare Folgen zeigte und aufgrund seines unverhohlenen Antisemitismus. So brachte die Reformation politisch ambivalente Ergebnisse mit sich: Einerseits eine Emanzipation von religiösen Autoritäten und andererseits eine neue politische Unterordnung.

Morus’ Utopia

War Thomas Morus der erste Kommunist und damit ein Verursacher totalitärer Bewegungen? Diese interessante Frage durchzieht Ottmanns Behandlung von Utopien, die er als typisches Produkt der Neuzeit ansieht. Dass mit dem Zusammenbruch der einflussreichsten realpolitischen Utopie, dem Marxismus-Leninismus, das Zeitalter der Utopien endgültig vorüber ist, bezweifelt er. Menschen ließen sich das Träumen nicht verbieten.

Das Gefährliche an Utopien ist deren inhärente Perfektion. Ganz oder gar nicht, ist ihr Prinzip – sie dulden keinen Widerspruch. Deshalb ist ihre realpolitische Implementation mit zu hohen Kosten verbunden. Morus’ „Utopia“ allerdings enthält laut Ottmann so viele „realistische“ Elemente, dass „Utopia“ nicht als Blaupause für totalitäre Herrschaftssysteme dienen kann.

Bekanntes und weniger Bekanntes

Natürlich werden in diesem Band die „klassischen“ Vertragstheoretiker in souveräner Weise behandelt – von Hobbes über Locke bis hin zu Rousseau. Aber Ottmann führt seine Leser auch in die politische Welt Shakespeares und in die deutsche Frühaufklärung von Pufendorf bis Christian Wolff. Immer wieder wird das Verständnis erleichtert, indem die von Philosophen angesprochenen Probleme zu gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart in Beziehung gesetzt werden.



Für ein breites Publikum geeignet

Das Werk geht weit über das hinaus, was philosophische Überblicke über diese Epoche generell anbieten. Dies liegt nicht nur an der extensiven Themenauswahl, bei der in souveräner Weise neue Erkenntnisse mit bekannten Interpretationen verbunden werden, sondern auch an einer jedermann zugänglichen Sprache, die in philosophischen Kontexten nicht selbstverständlich ist.

Die Binnenstruktur der Kapitel ist einheitlich gestaltet. Am Ende jedes Abschnitts finden sich biographische Daten, eine Wirkungsgeschichte in Kurzform sowie ausführliche bibliographische Abschnitte wieder. Ottmann ist es gelungen, eine anschauliche Philosophiegeschichte der Neuzeit zu schreiben, die manche gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart besser verständlich macht. Das Buch ist deshalb nicht nur für Politikwissenschaftler, sondern auch für philosophisch und gesellschaftspolitisch interessierte Laien von hohem Nutzen.

Henning Ottmann: Geschichte des politischen Denkens

Band 3/1: Die Neuzeit. Von Machiavelli bis zu den großen Revolutionen XIV, 528 S.

Preis: EUR 19,95 ISBN: 3-476-01632-3



Die Bildrechte liegen beim Metzler Verlag.



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