Osteuropa heute

Cover_Osteuropa.jpgMit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde ein umfassender Transitions- und Transformationsprozess in den mittel- und osteuropäischen Staaten in Gang gesetzt. Ein breites Betätigungsfeld für Forscher, wie eine Ringvorlesung an der Hamburger Universität bewies. Die Ergebnisse liegen jetzt in einem Sammelband vor. Von Alexander Christoph

Einen kurzen, aber dennoch informativen Überblick über die Entwicklungen in den Staaten des ehemaligen Ostblocks bietet der von Jule Böhmer und Marcel Viëtor herausgegebene Sammelband Osteuropa heute. Entwicklungen – Gemeinsamkeiten – Unterschiede. Die Beiträge bauen auf einer im Sommersemester 2006 an der Universität Hamburg veranstalteten Ringvorlesung auf, die die beiden Studenten Böhmer und Viëtor im Rahmen ihres Engagements für den Fachschaftsrat für Osteuropastudien organisierten.

Wie der Untertitel vorgibt, skizzieren die Autoren, dreizehn an der Zahl, die aktuelle politische Landschaft Mittel- und Osteuropas teils mit interessanten Details und Hintergründen. Eins vorweg: Nach Lektüre des Buches bleibt beim Leser vor allem eine Aussage haften: Die ehemals kommunistischen Staaten haben auf dem Weg zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit noch einige Hürden zu nehmen. Denn nach wie vor beherrschen soziale und wirtschaftliche Krisen, Korruption, kulturelle Identitätsverluste, radikalisierter Nationalismus und dergleichen mehr das Bild von Osteuropa.

Spannende Entwicklungen in ehemals kommunistischen Staaten

Das beste Beispiel scheinen derzeit Serbien und das Kosovo zu sein. Hier haben nationalistische Politiker wie Tomislav Nikolic, Vojislav Seselj oder Albin Kurti Hochkonjunktur, was sich an der seit mehreren Monaten in den Medien heiß diskutierten Statusfrage des Kosovo zeigt. Diesem spannenden Thema widmet sich Wim van Meurs, Associate Professor an der Universität Nijmegen und Mitarbeiter am Münchner Centrum für angewandte Politikforschung in München (CAP).

Für den Experten ist es mehr als wahrscheinlich, dass es beim „gordischen Knoten des Balkans“ nur Verlierer geben wird – zu unterschiedlich und unvereinbar sind die Positionen. Der uneingeschränkten Souveränität Serbiens steht die Anerkennung eines unabhängigen Kosovo diametral gegenüber. In diesem Zusammenhang verhehlt van Meurs die Folgen eines Präzedenzfall Kosovo für das Streben nach Unabhängigkeit anderer Volksgruppen wie der Abchasen, der Kurden oder Basken nicht.

Mindestens ebenso aufschlussreich, ist der Essay von Kai-Olaf Lang. Der für die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) tätige Lang geht der Frage nach, welche Außenpolitik von den neuen EU-Mitgliedstaaten erwartet werden kann. Dabei bemerkt er, dass die osteuropäischen Staaten keineswegs einen „monolithischen Block“ bilden. Im Gegenteil: Auf Grund der unterschiedlichen Interessenlage zeichnen sich die beiden Pole Europäisierung versus Atlantizimus in der Außenpolitik ab. Dennoch liege die Priorität der Neu-Mitglieder laut Lang bei einem geeinten, starken, allerdings atlantisch ausgerichteten Europa. Eines fällt auf: Große Unterschiede zwischen alten und neuen EU-Mitgliedstaaten existieren in diesem Politikfeld zumindest auf den ersten Blick nicht.

Ein in der westlichen Rezeption vernachlässigtes Phänomen behandelt der Beitrag von Silke Schielberg. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Kiel thematisiert die Probleme Kaliningrads, die durch den Status als russische Exklave inmitten der Europäischen Union entstanden sind. So kommt es unter anderem in der wirtschaftlichen Entwicklung, ebenso wie in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zu Defiziten. Gerade hier bemängelt die Forscherin das „fehlende gegenseitige Vertrauen“ und konstatiert „Ängste und historische Vorurteile“.

Was kann man dagegen unternehmen? Eine engere Einbindung des Kaliningrader Gebietes in die Strukturen des Ostseekooperationsrats, so sehr sie auch wünschenswert wären, hält die Autorin nur für begrenzt möglich. Vielmehr erachtet es Schielberg für richtig, die bestehende grenzüberschreitende Kooperation mit den baltischen Staaten sowie mit Polen auf allen politischen Ebenen auszubauen. Das wird aber kein leichtes Unterfangen. Denn unterschiedliche Mentalitäten, Kommunikationsprobleme, aber auch Visa-Bestimmungen müssen erst aus dem Weg geräumt werden.

Gelungene Einzelfallstudien

Auch die weiteren Aufsätze sind lesenswert. So beschäftigt sich der Hamburger Universitätsprofessor Otto Luchterhandt nicht nur mit der Geschichte der Osteuropaforschung in Deutschland, sondern er berichtet auch über seine Erfahrungen als Berater für Politik und Wirtschaft. Timm Beichelt, Juniorprofessor für Europa-Studien an der Viadrina in Frankfurt/Oder, untersucht hingegen die Entwicklungen in den neuen EU-Mitgliedstaaten seit deren Beitritt. Bei seiner Analyse findet neben der politischen Kultur und der dortigen Parteienlandschaft die Frage nach der Zufriedenheit der Bürger mit ihrer nationalen Demokratie Berücksichtigung.

Im Sammelband sind eine Reihe weiterer guter bis sehr guter Einzelfallstudien zu finden. Die deutsch-polnischen Beziehungen sowie die polnische Innenpolitik beleuchtet Dieter Bingen, Direktor des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt. Den demokratischen Transitions- und Konsolidierungsprozessen in der Slowakei schildert die Gastprofessorin für vergleichende Regierungslehre an der Universität Erfurt, Marianne Kneuer, während es im Beitrag der an der Universität Regensburg tätigen Margarete Klein um die Bandbreite autoritärer Systeme in der GUS geht. Die Beiträge von Rainer Lindner, Mitarbeiter bei der SWP, und Iris Kempe, wissenschaftliche Mitarbeiterin am CAP, wenden sich schließlich der europäischen Nachbarschaftspolitik zu.

Mit der Staatlichkeit im postsowjetischen Georgien beschäftigt sich Barbara Christophe. Uwe Halbach, der bei der SWP in Berlin überwiegend über Zentralasien und die GUS forscht, analysiert das nachsowjetische Zentralasien zwischen regionaler Entwicklung und dem „großen Spiel“ externer Akteure. Wie es um das heutige Russland als Investitions- und Modernisierungspartner steht, untersucht Alexander Rahr, Programmdirektor Russland/Eurasien der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin.

Informativer Sammelband

In Osteuropa heute gewähren namhafte Wissenschaftler Einblicke in aktuelle Forschungsvorhaben. Doch trotz Beantwortung wichtiger Fragen bleiben Lücken in einigen Darstellungen. Was der Leser vermissen dürfte, sind bei einem Teil der Aufsätze inhaltliche Tiefe und die manchmal fehlenden Literaturhinweise. Auch wenn es sich um Zusammenfassungen der Vorträge handelt, wären Bibliographien bei der Nachbearbeitung wünschenswert. Zwar behandelt der vorliegende Band ein breites Themenspektrum, dennoch hätte der eine oder andere mittel- und osteuropäische Staat – zu denken wäre beispielsweise an Bulgarien, die Tschechische Republik oder Ungarn – ebenfalls Eingang in die Untersuchung finden können.

Entwicklungen werden, wie im Titel versprochen, aufgezeigt, auch etliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet. Dennoch bleibt das Letztgenannte dem Rezipienten meist selbst überlassen. Es wäre sinnvoll gewesen, wenn die beiden Herausgeber ein abschließendes Kapitel eingefügt hätten, das die Ergebnisse der einzelnen Beiträge oder zumindest die aktuelle Situation bewertet. Da es sich bei den Aufsätzen jedoch ursprünglich um eine Ringvorlesung handelte, kann man darüber hinwegsehen. Trotz dieser kleinen Schwächen handelt es sich um einen guten und informativen Überblick über zentrale Fragestellungen der aktuellen Osteuropaforschung.

Böhmer, Jule; Viëtor, Marcel (Hrsg.),

Osteuropa heute. Entwicklungen – Gemeinsamkeiten – Unterschiede,

(2007), Hamburg, LIT-Verlag

328 S., ISBN 978-3-8258-0810-5, 24,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim LIT-Verlag.


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Zwischen Skepsis und Vertrauen

Ode an die Oder

Ost-West-Differenzen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.