„Mord im Namen der Ehre“

23. Jul 2007 | von Hayati Demirtas | Kategorie: Gesellschaft

karabey.jpgDie aktuelle Reform des Zuwanderungsgesetzes von 2005 versucht die Integration von ausländischen Bürgern zu fördern und schneidet damit unter anderem das Thema der Ehrenmorde in Deutschland an. Erst seit wenigen Jahren wird über das Phänomen in der Medienlandschaft berichtet. Aber was hat Ehre mit Mord zu tun? Von Hayati Demirtas

Der Integrationsgipfel schlägt zurzeit hohe Wellen in Deutschland. Die Bundesregierung hat am 28. März 2007 die Reform des Zuwanderungsgesetzes beschlossen. Die Vertreter der türkischen Verbände fühlen sich in dieser Entscheidung übergangen und beziehen Contra-Position. Die Große Koalition versucht die Integration von Zuwanderern zu fördern und die Lösung für die Anpassungsdefizite zu finden. Maria Böhmer, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, betont dabei ganz besonders die mangelnde Beherrschung der deutschen Sprache und die Nichtbeachtung von Frauenrechten. Folgen seien daraus Zwangsheirat und Ehrenmorde.

 

Ehrenmorde in Deutschland

„Du hast die Ehre unserer Familie beschmutzt“ hören die Opfer eines Ehrenmordes stets als Anklage seitens der Familie und der Verwandten. So auch die 20-jährige Türkin Gönül Karabey (Foto rechts), die am 13. Juni 2005 von ihrem 24-jährigen Bruder in Wiesbaden erschossen wurde. Der Begriff „Ehrenmord“ bezeichnet die vorsätzliche Tötung aus verletztem Ehrgefühl und damit der Gefährdung des Status Quo der Familie. Um diesen Ansehensverlust wieder herzustellen wird die „Tabubrecherin“ bestraft und im Extremfall getötet, so das Institut für Islamfragen.

Der Ehrenkodex dieser traditionellen und konservativen Familien setzt Verhaltensnormen fest, die es einzuhalten gilt. Die da wären: In keine außer- oder voreheliche Beziehung einzugehen oder sonstiges moralisches Fehlverhalten zu vermeiden. Speziell die weiblichen Mitglieder der Familie unterliegen diesen Regeln. Sie sind die „Träger der Ehre“. Ehre bedeutet in diesen einfachen Geflechten die äußere Wahrung von Reinheit und Rechtschaffenheit. Die Reinheit der Frau ist physisch messbar an ihrer Jungfräulichkeit, weswegen sie ganz besonders die Ehre verkörpert und diese wahren muss.

Der Wunsch der Frau nach Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung ist, nach diesem Moralverständnis gegen den Kodex und somit ein Fehlverhalten, das es zu ahnden gilt. Schon allein der Verdacht eines Vergehens genügt und die „Ehre der Familie“ ist „beschmutzt“. Auch wenn die „Hauptopfer“ dieses altmodischen Gebildes Frauen sind, können Männer ebenso Opfer eines „Ehrenmordes“ werden. Zum einen selbst als Mordopfer und zum anderen ist selbst der Täter in mancher Hinsicht ein „Opfer“, da er von den Familienältesten zum „Ehrenmord“ instrumentalisiert wird.

Gönül Karabey brach eine dieser Regeln. Sie liebte einen Deutschen, sie entschied selbst und ging eine voreheliche Bindung ein. Für ihre Familie war das nicht annehmbar, denn in der Regel sucht der Vater den Mann für die Tochter aus, der vor allem ein Landsmann sein und ebenso die Sitten und Gebräuche kennen muss. Entgegen der westlichen Meinung, Ehrenmorde seien rein religiös motiviert, muss betont werden, dass der Islam keine direkte Aufforderung zu solch einem Mord gibt. Vielmehr ist anzunehmen, dass die Religion instrumentalisiert wird um die männerdominierten Strukturen aufrecht zu erhalten.

Aus dem Koran ist die Unterordnung der Frauen eindeutig zu entnehmen. Hieraus begründet sich die Dominanz und das geschlechtertrennende Verhalten der Männer, das zum Nachteil der Frauen ausgelegt wird. In vielen islamisch geprägten Ländern, wie zum Beispiel in Iran, bekommen die Täter oft mildernde Umstände, da ein „Ehrenmord“ gesellschaftlich akzeptiert und somit legitimiert wird.

Ehrenmorde und die deutsche Justiz

justicia.jpgMit der Problematik „Ehrenmord“ tut sich die deutsche Justiz sehr schwer, denn hier zu Lande gibt es keinen Tatbestand „Ehrenmord“, sondern „nur“ Mord. Aufgrund dieser Tatsache ist die Identifikation von ehrmotivierten Morden in der BRD sehr schwierig. Das Bundeskriminalamt erklärt: „Mangels polizeilicher Definition des Begriffes wurde in Anlehnung an Phänomenbeschreibungen in der Literatur von folgender Arbeitshypothese ausgegangen: “Ehrenmorde sind Tötungsdelikte, die aus vermeintlich kultureller Verpflichtung heraus innerhalb des eigenen Familienverbandes verübt werden, um der Familienehre gerecht zu werden.“ Anhand dieser Beschreibung konnte das BKA zwischen 1996 und 2005 insgesamt 55 „Ehrenmorde“ in der BRD identifizieren.

Papatya, eine Kriseneinrichtung für junge Migrantinnen mit Sitz in Berlin geht allein im Zeitraum von 1996 bis 2005 von 53 „Ehrenmorden“ und 68 Körperverletzungen und Tötungsversuchen in Deutschland aus. Da die Tatbestände aufgrund der Komplexität nicht immer eindeutig demaskiert werden können ist eine höhere Dunkelziffer nicht auszuschließen. Oftmals werden „Ehrenmorde“ als „Selbstmord“ getarnt. Das Opfer wird zum Freitod gedrängt und die wahren Hintergründe somit verschleiert.

Bei dem Versuch religiöse und traditionelle Hintergründe zu berücksichtigen, schießt die deutsche Justiz auch mal über ihr Ziel hinaus, wie am Beispiel einer Richterin aus Frankfurt am Main, die den Antrag einer marokkanischen Frau auf Scheidung, aufgrund von Misshandlungen ablehnte und es damit begründetet, dass der Koran die Bestrafung der Ehefrau erlaube.

Über Gönüls Schicksal entschieden ebenso Dritte, sie fiel in Ungnade. Sie musste, wie viele junge muslimischen Mädchen und Frauen, einen Spagat zwischen zwei Welten machen und sich am Ende für eine Seite entscheiden. Gönül bedeutet übersetzt „Herz“ oder auch „Mut“. Beides offenbarte sie und zahlte einen dafür viel zu hohen Preis.


Die Bildrechte liegen bei der Wiesbadener Kurier GmbH & Co. Verlag und Druckerei KG (Gönül Karabey) und bei snoesje.info (Justitia).


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