Kultursponsoring in München

aussenansicht_klein.jpgFür arbeitssuchende Akademiker ist es bitter, dass sie aus Finanznot kulturelle Angebote nicht nutzen können. Das von der Pinakothek der Moderne in München organisierte Programm Pink – Eigene Wege zur Kunst schafft hier Abhilfe. Von Christoph Rohde

Das Programm PINK, im Oktober 2003 von der Pinakothek der Moderne (PdM) ins Leben gerufen und von Sponsor Philip Morris GmbH unterstützt, beschreitet neue Wege, um moderne Kunst auch benachteiligten Bevölkerungsgruppen zugänglich zu machen. Diesen soll die Gelegenheit geboten werden, sich mit Kunst in gesellschaftlichen Kontexten auseinander zu setzen. Das Programm wendet sich speziell an Senioren, Blinde und Sehbehinderte, Jugendliche aus sozialen Brennpunkten sowie Gruppen aus Frauenhäusern und anderen Hilfsnetzwerken. Innovativ ist hierbei, dass erstmals erwerbssuchende Akademiker in diesem Kontext als Gruppe gesellschaftlich Benachteiligter akzeptiert werden. Mit 345 Euro Lebensunterhalt können sie sich die 10 Euro Eintritt in die PdM nicht leisten – und schon gar nicht eine individuell zugeschnittene Führung.

Thema „Kunst und Arbeit“

stuehle_klein.jpgJochen Meister, Kunsthistoriker und freier Mitarbeiter der PdM, führte eine Gruppe von 15 arbeitssuchenden Akademikern durch das Kunstareal. Das Spektrum der Interessenten reichte von der promovierten Volkswirtschaftlerin bis zum Diplom-Mathematiker. Das Netzwerk Erwerbssuchender Akademiker (NEA), eine Selbsthilfegruppe von Akademikern für Akademiker, hatte den Kontakt hergestellt und kam in den Genuss einer kostenlose Führung unter dem Motto „Kunst und Arbeit“.

Meister zeigte am Beispiel des Stuhles Nr. 8 der Firma THONET, der in den 1850er Jahren entwickelt wurde, die arbeitstechnische Entwicklung von handwerklicher hin zu arbeitsteilig-industrieller Produktion und die damit verbundenen gesellschaftlichen Folgen auf. In einer Zeit, als die Form vieler Produkte noch durch das Handwerk geprägt war oder die Möbelfabrikanten versuchten, handwerkliche historische Möbelformen mit den neuen Drechsel- und Schnitzmaschinen zu imitieren, gelang es Michael Thonet, neue Produktionsverfahren im Möbelbau zu nutzen, die zu neuen, einfachen Formen führten. Er entwickelte das so genannte Bugholzverfahren – hiermit wurden massive Buchenholzstäbe unter Dampfeinwirkung in geschwungene Formen gebogen.

Praktisches Beispiel

Meister konnte sein Publikum mit einfachen Mitteln davon überzeugen, in welch revolutionärer Weise die technische Arbeitsteilung zu einem Mehr an Produktivität führen kann. Dazu ließ er die Gruppe mit wenigen Utensilien und durch einfache Falt- und Tackerprozesse einen Stuhl herstellen – ein didaktisch sehr sinnvolles Intermezzo. Denn jeder der Teilnehmer konnte sich vorstellen, dass sich durch die Aufteilung der Arbeitsprozesse mehr Stühle in kürzerer Zeit produzieren ließen.

100 Jahre Deutscher Werkbund

Anschließend wurde die Gruppe durch die thematisch passende Sonderausstellung 100 Jahre Deutscher Werkbund geführt. Der 1907 in München gegründete Deutsche Werkbund beabsichtigte, einer maschinellen Produktvereinheitlichung durch das Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk entgegen zu treten. Produkte sollten trotz rationaler und arbeitsteiliger Fertigungsmethoden  Qualität und Authentizität behalten.

Mitglieder des Werkbunde waren unter anderen die Architekten Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe. Bis heute hat der Deutsche Werkbund als kritische Instanz für alle Fragen der Produkt-, Lebens- und Umweltgestaltung Bedeutung. Von den circa 500 Exponaten, die eines der bedeutendsten Kapitel der deutschen Kultur- und Wirtschaftsgeschichte in Form von Plakaten, Modellen, und Möbeln vermitteln, konnte Meister in der zweistündigen Führung nur einen Bruchteil besprechen.

„Jeder ein Künstler“

steine_klein.jpgDen Abschluss bildete der Besuch der 44 von Joseph Beuys installierten Basaltsteine, die den Titel Das Ende des 20. Jahrhunderts tragen. Diese stammen wahrscheinlich von der documenta 7, die im Jahr 1982 in Kassel stattfand. Auf dieser hat Beuys die „Aktion 7000 Eichen“ ins Leben gerufen. Er stapelte 7000 Basaltsteine so, dass sie keilförmig auf eine erste gepflanzte Eiche zeigten. Nach und nach sollten in der Stadt 7000 Eichen gepflanzt werden, denen je ein Stein an die Seite gestellt werden sollte. Beuys selbst kommentierte dazu: „Es kam mir darauf an, dass jedes einzelne Monument aus einem lebenden Teil besteht, eben dem sich ständig in der Zeit veränderndem Wesen Baum, und einem Teil, der kristallin ist und also eine Form, Masse, Größe, Gewicht beibehält“.

Das, was reichlich abstrakt klingt, ist von Beuys anders gemeint. Die grundsätzlichen Absichten des Künstlers wurden vom Kunsthistoriker verständlich dargestellt. Beuys ging es gerade um die universelle und demokratische Funktion der Kunst. Für ihn sei „Jeder ein Künstler“ – jeder, der in seinem eigenen Fachbereich sein Talent voll einbringe. Den Steinen versuchte er durch die Konstruktion eines „Auges“ auf der Oberseite Individualität einzuhauchen. Diese Konnotation stellte eine wohltuende Botschaft für die Gruppe der Akademiker dar, deren Leistungen in der Gesellschaft nur bescheidene Anerkennung finden.

Gelungene Form des Sponsoring

Die Besucher waren sich einig: Durch PINK wurde Menschen ein interessanter Vormittag geboten, den sie sich normalerweise nicht hätten leisten können. Hans-Holger F., Geograph, fand ebenso Inspiration in den Dingen wie der Politikwissenschaftler Bernhard S. Dass der fachlich exzellente Kunstführer die Gruppe, wie die Psychologin Melitta S. bemerkte, ein wenig zu sehr an die Hand nahm, konnte den positiven Gesamteindruck nicht trüben und ist wohl auch dem komplexen Sujet anzulasten.



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Ein Kommentar auf “Kultursponsoring in München

  1. Sehr geehrte PINK-FreundInnden,

    die Mittelschule wartet jetzt schon ein ganzes Schuljahr darauf, dass das PINK-Programm fortgeführt wird.

    Wir hatten beste Erfahrungen mit dem Programm gemacht, wurden aber nicht befragt, es ist keine Evalution erfolgt, das Programm wurde nur mal für 1 Jahr abgestellt.
    Ein Herr Meister arbeitet anderweitig sicher meisterlich.

    Das kann doch nicht im Sinne der Sponsoren sein, die Benachteiligte an die Kunst heranführen wollen.

    Wollen Sie mehr wissen, dann mailen Sie bitte

    Mit freundlichen Grüßen
    Bernadette Raschke

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