Kontinent voller Gegensätze

17. Dez 2007 | von Alexander Christoph | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Salgado_web.jpg Armut, Dürre, Hungersnot und Krieg. Diese Worte dürften den meisten Menschen als erstes in den Sinn kommen, wenn sie an Afrika denken. Doch atemberaubende Landschaften sowie eine wundervolle Tier- und Pflanzenwelt zeichnen den krisengeschüttelten Kontinent ebenso aus wie seine kulturelle Vielfalt. Sebastiao Salgado vereint diese unterschiedlichen Facetten in seinem neuen Bildband. Von Alexander Christoph

Bereits mehr als dreißig Jahre bereist der brasilianische Fotojournalist Sebastiao Salgado den afrikanischen Kontinent. Eine durchaus fruchtbringende Zeit, denn dabei sind über vierzig Reportagen entstanden. Die eindrucksvollsten Aufnahmen versammelt Salgado in dem 335 Seiten starken Bildband Africa. In beeindruckender Präzision fängt der 1944 geborene Autodidakt nicht nur die schönen Seiten unseres Nachbarkontinents ein, sondern auch Leid, Not und Verzweiflung der Menschen.

Erschütternde Wahrheit …

Seine Bildkompositionen, sämtlich in Schwarzweiß gehalten, zeigen ausgemergelte Gestalten, verwesende Leichen und immer wieder Menschen auf der Flucht. Sei es 1985 in Äthiopien oder 1994 in Mosambik und Ruanda – ihre Blicke sind stets teilnahmslos und ohne Hoffnung. Die Bilder des promovierten Wirtschaftswissenschaftlers lassen einen so schnell nicht los, sie regen zum Nachdenken an und berühren auf fast unheimliche Weise. Erschütternd, wie ein Vater sein an Krankheit und Unterernährung gestorbenes Kind gemäß den traditionellen koptischen Riten für das Begräbnis vorbereitet. Das im wahrsten Sinne des Wortes nur aus Haut und Knochen bestehende Etwas wird von ihm gewaschen und mit Stoffbinden eingewickelt.

Ebenso charakteristisch für den Band ist eine andere Szene: Ein unterernährter Junge hält mitten in der Wüste nach der nächsten Lebensmittelverteilung Ausschau. Einige Details erschrecken. Da ist sein Kniegelenk, beinahe doppelt so dick wie der dürre Oberschenkel, oder die Rippen, die sich einzeln an seinem Oberkörper abzeichnen, während er angestrengt in die Ferne blickt. Doch es werden weit mehr erschütternde Wahrheiten über Afrika dokumentiert. Opfer von Landminen zeigt Salgado in gleicher Weise wie Mädchen kurz nach ihrer Beschneidung. Dass Kinder nicht nur auf Teeplantagen harte Arbeit verrichten müssen, sondern auch als Soldaten eingesetzt werden, wird durch wenige, aber dafür umso brillantere Aufnahmen mitgeteilt.

… über das bezaubernde Afrika

Dinka-Gruppe im Viehlager von Pagarau. Südsudan, 2006.Durch die Augen Salgados sehen wir aber auch die schönen Seiten des afrikanischen Kontinents. Seine kulturelle Vielfalt offenbart sich zum Beispiel an den Himba, einem Nomadenvolk in Namibia, oder an den Dinka (Foto rechts), einem Hirtenvolk im südlichen Sudan. Wenn man beim Umblättern der Seiten plötzlich in ein weiß gepudertes Gesicht eines Mannes blickt, mag man zuerst verwundert staunen. Doch die Erklärung ist recht einfach: Als Schutz vor Insekten und sonstigen Parasiten reiben sich die Dinka traditionell mit der Asche verbrannter Kuhfladen ein. Fantastisch, wie weitere Augenblicke im Leben des südsudanesischen Volkes, bei dem die Größe des Viehbestandes über das Ansehen des Einzelnen in der Gemeinschaft bestimmt, wiedergegeben werden. Situationen aus dem Alltag der Dinka, wie sie beispielsweise auf den weiten Weideflächen auf ihre Rinder aufpassen oder die dort spielenden Kinder, sind besonders einprägsam.

Reizvoll sind ebenfalls die zahlreichen Landschafts- und Tieraufnahmen. Von den Berggorillas in Ruanda über die weißen Pelikane in Namibia bis hin zu den wandernden Gnus im Serengeti-Nationalpark versteht es Salgado, faszinierende Momente für die Ewigkeit festzuhalten. So starrt ein Leopard gebannt in die Kamera, während er an einem Flusslauf seinen Durst löscht. Die Magie des Bildes liegt ohne Zweifel in der Dunkelheit der Nacht, die die geschmeidige und schnelle Raubkatze umgibt. Ein andermal läuft inmitten einer bizarren Dünenlandschaft ein Pavian umher. Besonders gelungen sind außerdem die Bilder des 2004 in der DR Kongo ausgebrochenen Vulkans Mount Nyamulagira.

„Jäger von Augenblicken“

Soldaten der FNLA im Kampf gegen kubanische Truppen, um den Luftwaffenstützpunkt Camabatela zu schützen. Nördliches Angola, 1975.Während der Dürre, die zur Hungersnot in der Sahelzone führte. Die Gesichter zum Schutz gegen Hitze und Wind verhüllt, marschieren Frauen und Kinder durch die Wüste. Mali, 1985.Der preisgekrönte Fotograf, der unter anderem den Grand Prix National du Minstère de la Culture und den Premio Principe de Asturias erhielt, lässt den Betrachter zum Zeugen der vergangenen drei Jahrzehnte werden. Doch das Afrika der Siebziger unterscheidet sich kaum von dem Kontinent, wie wir ihn auch heute noch erleben müssen. Trotz der teils beachtlichen Fortschritte einiger Länder bezüglich Demokratie, Menschenrechte und wirtschaftliche Entwicklung scheinen die Herausforderungen und Probleme heute wie damals ähnlich zu sein. Helfen können hier allein die kurzen, erläuternden Bildunterschriften, die sich auf das Wesentliche beschränken. Sie benennen lediglich, was, wann und wo passierte und lassen den notwendigen Interpretationsspielraum für das Publikum.

Dabei scheinen sämtliche Fotografien schon allein durch deren Komposition und das nüchterne Schwarzweiß der Zeit entrückt. Eines der besten Beispiele ist das Bildnis einer von chronischen Augeninfektionen und Sandstürmen erblindeten Frau. Sie gleicht in ihrer Demutshaltung den zahlreichen Heiligendarstellungen in der Kunstgeschichte. Ähnliche Vergleiche können an anderer Stelle ebenfalls angestellt werden. Stillende Mütter erinnern mit ihren Kindern an Jesus im Knabenalter, wie ihn Maria auf dem Arm wiegt. Dadurch verleiht das mit seiner Familie in Paris lebende Ehrenmitglied der amerikanischen Akademie der Künste und Wissenschaften den notleidenden Menschen Würde.

Texte von Mia Couto, im Übrigen in Deutsch, Englisch und Französisch, ergänzen den facettenreichen Bildband. Treffend bezeichnet der mocambiquanische Schriftsteller Fotografen als „Jäger von Augenblicken“, was zweifelsfrei für Sebastiao Salgado gilt. Denn: „Salgado hat Konflikte und Illusionen einer Zeit des Umbruchs auf eine[m] Kontinent offenbart, der auf der Suche nach seinem eigenen Bild ist. Er hat die Geschichte festgehalten, wie sie abläuft, nicht in ihrem gemächlichen und bequemen Gang, sondern in jenen plötzlichen Erschütterungen, in denen das ganze Schauspiel der menschlichen Seele aufsteigt.“ Und um mit den Worten Coutos zu schließen: „Die Schönheit der Bilder war so beeindruckend, dass mir weitere Worte überflüssig erschienen.“

Salgado, Sebastiao (mit Texten von Mia Couto),

Africa,

(2007), Köln, Taschenverlag,

335 Seiten, ISBN 978-8228-5621-5, 49,99 Euro


Die Bildrechte liegen bei Sebastiao SALGADO / Amazonas Images / Taschenverlag.


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