Kommunikation im Wandel

Cover_Krotz.jpgIn welcher Weise verändert die radikale Zunahme an Multimedia die Gesellschaft und die Identität des Einzelnen? Friedrich Krotz versucht in seiner detaillierten theoretisch-empirischen Untersuchung Hinweise zu geben. Von Christoph Rohde

Friedrich Krotz, Professor für Kommunikationswissenschaft und Soziale Kommunikation an der Universität Erfurt, hat mit seiner Untersuchung Mediatisierung – Fallstudien zum Wandel von Kommunikation einen wichtigen Beitrag zur Analyse einer sich rapide verändernden Medienlandschaft und den damit verbunden gesellschaftlichen Folgen beigesteuert.

Eine Metatheorie

Ganz im Sinne sozialkonstruktivistischer Analysemethodik verortet Krotz den von ihm verfochtenen Ansatz der Mediatisierung im Bereich der Metatheorie. Eine Metatheorie verzichtet auf eine klare Variabelanordnung, die zu kausalen und falsifizierbaren Aussagen führt. Dafür ist sie nicht widerlegbar, sondern ebnet den Pfad für eine diskursive Herangehensweise an Untersuchungsgegenstände. Die Metatheorie steckt einen Untersuchungsrahmen ab – definitive Aussagen zu Entwicklungen meidet sie.

Nicht primär Inhalte, sondern Potenziale wirken

portrait_krotz.jpgDie Mediatisierungsthese postuliert, so Krotz (Foto links), das Kommunikationsmedien nicht primär über Inhalte auf die Menschen wirken, sondern als Kommunikationspotenziale die menschliche Kommunikation strukturell und inhaltsübergreifend beeinflussen. Damit steht sie – und das lässt der Autor unerwähnt – in der Tradition der Agenda-Setting-Theorie, die davon ausgeht, dass Medien die gesellschaftsrelevanten Themen vorgeben, aber die Meinungen der Rezipienten nicht maßgeblich verändern. Medienkommunikation (also Kommunikation mit und mittels Medien) wird vom Kommunikationsforscher als grundlegender Prozess in Gesellschaft und Kultur, aber auch im Alltag und als Bedingung für die Konstitution des Individuums und seiner Identität verstanden. Die Medien helfen dem Menschen bei der Konstruktion und Interpretation seiner sozialen Welt. Aber sie verändern diese Welt auch – mit ambivalenten Folgen, wie Krotz eindrücklich vermittelt.

Neue soziale Bezugsräume

Heute gibt es weniger formelle und informelle soziale Bezugsräume wie die Familie, die gesellschaftliche und ökonomische Entwicklungen auffangen könnten, indem sie Schutzräume bilden. Deshalb steigt die Abhängigkeit der Individuen von künstlichen sozialen Strukturen. Menschen sind immer mehr von ihrer Fertigkeit abhängig, Netzwerke zu knüpfen und zu erhalten. Und andererseits verlieren sie die Geborgenheit einer organischen Gesellschaft. Es ist wohltuend, dass Krotz die Vor- und Nachteile der „Kommunikationsrevolution“ und deren soziale Folgen in differenzierter Weise beleuchtet. Nicht verwunderlich, dass er auch auf den unumstrittenen Klassiker von Richard Sennett The Corrosion of Character (deutsch: Der flexible Mensch) zurückgreift, der die Gefahren des Metaprozesses Globalisierung an biographischen Fallbeispielen eindrucksvoll dargestellt hat. Globalisierung, Individualisierung und Mediatisierung gehen als Prozesse Hand in Hand.

Orientierungsparameter verändern sich

Medien verändern unser Verhältnis zu Raum und Zeit – zu sozialen Gruppen und sozialen Orientierungen und damit auch was wir kennen und nicht kennen. Wo früher der Kirchenchor oder der Frühschoppen zentrale Podien gesellschaftlichen Austausches darstellten, da kommt es durch die Folgen der von Krotz Mediatisierung genannten Entwicklung zu neuen Formen von Communities – deren Nachhaltigkeit, ideologische Linie und übergeordnete Zielsetzung keineswegs festgelegt sind oder auch nur existent sein müssen. Gruppenmitgliedschaften sind dann weniger verbindlich als im „realen Leben“, denn erstens kann man unter einer künstlichen Identität (Second Life-Prinzip) im Netz agieren und zweitens sind die Mitgliedschaften oftmals von nur kurzer Dauer.

Deshalb ist es auch problematisch, eine Demokratisierung der Welt an Email-Unterschriftenlisten zugunsten humanitärer Anliegen festmachen zu wollen. Stellungnahmen im Netz ohne Bekanntgabe der eigenen Identität kosten nichts. Wo Web 2.0.-Vertreter bereits euphorisch den Beginn einer hierarchiefreien netzwerkartigen Welt postulieren, da hilft ihnen der Erfurter Professor, auf dem Boden zu bleiben: Technik bleibt ein Medium, dass sowohl für emanzipatorische als auch für repressive Zwecke nutzbar ist. Aber Technik wird nicht zum Inhalt.

Die sozialen Folgen

Die sozialen Folgen der Mediatisierung sind schwer abschätzbar. Die Erweiterung der kommunikativen Potenziale der Menschen kann aufklärend wirken, aber wie im Prozess der Globalisierung bleiben hier nicht vernetzte oder intellektuell weniger Begabte auf der Strecke. Wenn jedoch Computer, Spielkonsole oder Roboter als Kommunikationspartner betrachtet werden, wie Krotz dies in einem Fallbeispiel durchexerziert, dann ist doch zu fragen, wohin die Wege des Menschen führen. Wird der unberechenbare Mensch aus Fleisch und Blut durch ein konvenientes Software-Programm ersetzt?

Mediatisierung und Individualisierung

In den Fallstudien im zweiten Teil des Buches belegt Krotz die zunehmende Unbrauchbarkeit des klassischen Begriffs Massenkommunikation. Zwar werden die neuen, computervermittelten Medien weiter massenhaft genutzt, aber eben unter individuell völlig verschiedenen Nutzungsbedingungen. Die „altklassischen“ Medien wie Radio, Fernseher oder Zeitschrift werden nicht durch das Internet nicht ersetzt, sondern zusammengebunden. Der Einzelne wird durch das Weblog, durch Video-Platformen wie Youtube oder in Foren und Chaträumen selbst zum Produzenten von Inhalten, während er in der Welt der Massenmedien lediglich Konsument der Medieninhalte war. Krotz bespricht die Rolle von Computerspielen, Chats und Mobiltelefonen in Bezug auf die gesellschaftliche Kommunikation und ihre sozialen Folgen. Die Entwicklungen sind, so der Autor, völlig ergebnisoffen.

Evaluation

Krotz’ Untersuchung ist schwer zu lesen, aber seine Analysen und Abhandlungen sind faszinierend – ein Mix aus Sachkenntnis und wohltuender Fantasie. Zwar bleibt der Autor im konstruktivistischen Dilemma gefangen – der metatheoretische Diskursansatz ist nicht widerlegbar und entspricht damit nicht den Vorgaben „harter Wissenschaft“. Aber in der Analysepraxis argumentiert der Wissenschaftler wohltuend realistisch. Leider stören viele Rechtschreibfehler das inhaltlich sehr stimmige Werk. In der Schlussredaktion wurde offensichtlich schlampig gearbeitet. Formal arbeitet der Verfasser fast zu viel mit Nummerierungen und Aufzählungszeichen.

Dennoch ist das Buch nicht nur für Dozenten und Studierende der Kommunikations- und Geisteswissenschaften im weiteren Sinne empfehlenswert, sondern auch für Vertreter der IT-Branche, die über die gesellschaftlichen Folgen ihres Tuns nachzudenken bereit sind.

Krotz, Friedrich,

Mediatisierung – Fallstudien zum Wandel von Kommunikation

(2007), Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften,

333 S., ISBN 978-3-531-15073-4, 29,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim VS-Verlag (Cover) und Friedrich Krotz (Porträt). Der Verlag im Internet.


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