Keine Lust auf Medienkrise

15. Jan 2007 | von Thomas Kutschbach | Kategorie: Medien

IMG_1099.JPGSinkendes Leserinteresse, sinkende Auflagenzahlen, sinkendes Anzeigenaufkommen. Überall machte sie sich breit, die Medienkrise. Überall? Nein, eine kleine Enklave des Verlags Gruner+Jahr wehrt sich erfolgreich gegen dieses Phänomen. NEON ist anders. NEON ist jung. Und vor allem: NEON hat Erfolg. Von Thomas Kutschbach

Leipzig, Zeitgeschichtliches Forum, 10. Januar 2007 18:15. Das Publikum der Vorlesungsreihe „Journalistisches Handeln unter ethischen Maximen“ wartet auf Michael Ebert, Chefredakteur des Magazins NEON. Was viele nicht wissen: Ebert ist schon da. Erst als ein junger Mann auf der Bühne steht, wird klar – das muss er sein. Wirklich unterscheiden von seinen studentischen Zuhörern tut er sich nicht.

Vom Studienabbrecher zum Chefredakteur

Kein Wunder. Der Mann ist gerade mal 32 Jahre alt. Keine schlechte Karriere also, gerade wenn man bedenkt, dass Michael Ebert Studienabbrecher ist. Rechtswissenschaften hat er anfangs studiert. Nebenbei war er schon als freier Journalist tätig. Nach der Aufgabe seines Studiums arbeitete Ebert zwei Jahre in Hamburg für den Stern. Anschließend war er bis zu dessen Einstellung für das Jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung tätig. Als die Anzeigenkunden wegbrachen, war das wöchentliche Supplement nicht mehr zu halten. „Plötzlich standen wir vor einer Situation, für die wir eigentlich viel zu jung waren“, erinnert sich der NEON-Chef. „30 Leuten zu sagen, dass sie jetzt keinen Job mehr haben“, sei für keinen leicht.

Glück im Unglück

Noch während des Umzugs klingelte das Telefon. Ein Glück, dass das noch nicht deinstalliert worden war. Am anderen Ende der Leitung war die Stern-Redaktion in Hamburg. „Die konnten sich ja noch an mich erinnern.“ Das Angebot aus dem Norden war verlockend. „Wir geben euch sechs Monate Zeit, etwas zu entwickeln was ihr wollt.“ Für Ebert eine absolute Traumvorstellung. „Wären wir mit Wild & Hund Teil 2 gekommen, hätte sich niemand beschweren können.“ Der junge Journalist und einige Kollegen mieteten sich in München ein Keller-Appartement. „Und was haben wir die ersten beiden Monaten gemacht? Nichts! Außer Magazine gelesen.“

Analyse der deutschen Magazin-Landschaft

Die Entwicklungsphase zahlte sich aus. Das Team erkannte, was in der deutschen Medienlandschaft fehlte. Nach dem Herauswachsen aus dem BRAVO-Alter mussten sich Männlein und Weiblein voneinander trennen, zumindest was die Magazinlektüre anging.

Der Großteil der Frauenzeitschriften versuchte Ebert zu Folge, ihren Leserinnen einzutrichtern, wie schlecht gekleidet und geschminkt sie wären. Außerdem könne die Frau von heute nicht kochen. Männermagazine dagegen beschäftigten sich zumeist damit, diese verunsicherten Frauen irgendwie ins Bett zu kriegen. „Und zwar nicht durch gutes Zureden oder so etwas,“ wie der 32-Jährige schmunzelnd analysiert, „sondern mit Uhren und Schmuck.“

Erst später bei der Lektüre von Spiegel, Stern & Co. vereinten beide Geschlechter ihre Leseinteressen. „Wir haben also etwas gesucht um den 34-jährigen Architekten aus Hamburg und die 21-jährige Journalistik-Studentin aus Leipzig gleichermaßen zu binden.“ NEON setzt dabei auf Emotionen, der Informationsanteil ist eher gering. „Unsere Idee war es, die Leute emotional zu binden.“

„Eigentlich sollten wir erwachsen werden.“

In diesem Zusammenhang erinnert sich Michael Ebert an einen Abend während der Entwicklungszeit von NEON. „In einem Münchner Club standen drei Typen an der Bar, alle so um die 28, und beobachteten Mädchen auf der Tanzfläche.“ Anstatt die Damen anzutanzen, entwickelten sich bei den Herren eher väterliche Gefühle. „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“, war man sich einig. „Wir tranken dann aber doch weiter“, lacht der Chefredakteur. Zwei Tage darauf war die Erinnerung an diese Situation noch frisch. „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“ war als Motto von NEON geboren. Irgendwie passe der auf alle Situationen im Leben, meint Ebert.

Bestes Magazin bei den Lead Awards 2006

Mit dieser Einstellung ist NEON zu einem der größten Überraschungen auf dem deutschen Medienmarkt seit Jahren geworden. Die Druckauflage für das dritte Quartal 2006 betrug laut IVW über 290.000 Stück. Die Leserschaft besteht zu 49 Prozent aus Frauen, 51% sind Männer. Im vergangenen Jahr wurde NEON bei den Lead Awards als bestes Magazin ausgezeichnet. NEON hat seinen Erfolg seiner Einzigartigkeit zu verdanken. Ob und wann andere Verlage nacheifern, bleibt abzuwarten. Das NEON-Durchschnittsalter liegt derzeit übrigens bei 31 Jahren. Ob man aus der eigenen Zielgruppe von 20 bis 35 herauswächst und wie NEON dem begegnet, wird eine weitere spannende Frage für die Zukunft sein.


Die Bildrechte liegen beim Autor.


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