Kampf der Kulturen

Cover_Kneissl.jpgKarin Kneissl hat ein erfahrungsgesättigtes Buch über den Konflikt zwischen westlicher und orientalistischer Welt vorgelegt. Aus historischer und aktueller Perspektive zeigt sie ein Bündel an Faktoren dieses gefährlichen cultural divide auf. Von Christoph Rohde

Karin Kneissls neues Buch Die Gewaltspirale – Warum Orient und Okzident nicht miteinander können zeigt, welch großen Einfluss die Konfliktstrukturen des nahöstlichen Raumes auf Europa haben können. Kneissl, ehemalige Diplomatin und freie Journalistin aus Österreich, die in Jordanien großgeworden ist, beschreibt komplexe Prozesse und fällt mutige Urteile.

Die langen Schatten des Ersten Weltkriegs

Kneissl, die bereits in ihrem Buch Der Energiepoker wichtige Zusammenhänge über das Verhältnis von Energievorkommen und politischen Systemen im Kaukasus und dem Nahen Osten hergestellt hat, beginnt mit einer Darstellung historischer Entscheidungen, deren Folgen noch heute spürbar sind. Die englische und französische Kolonialpolitik und die willkürlichen Grenzziehungen des Sykes-Picot-Abkommens führten zu ethnischen und Grenzkonflikten und haben Regionen im Nahen Osten bis heute gespalten. Teilweise wurden Grenzen entlang von Pipelines festgelegt.

Mangelnde kulturelle Sensibilität der Gegenwartspolitik

Kneissl kritisiert Think Tanks und Nahost-Experten, die kaum Kenntnisse von der Region haben, sich jedoch anmaßen, politische Strategien zu entwickeln. Sie moniert, dass die kulturelle Neugier, die noch im 19. Jahrhundert mit dem Orientalismus positive Züge angenommen habe, verloren gegangen und durch einfache Vorurteilsgeschichten ersetzt worden sei.

Die Österreicherin weist darauf hin, dass die arabische Schrift- und Zahlensprache einen Vorreiterstatus innegehabt habe. Dazu kommen bis heute bedeutsame medizinische Errungenschaften aus der orientalischen Welt – der für viele Menschen so wichtige Kaffee stammt ursprünglich aus Saudi-Arabien.

In Österreich werden die alten Mythen von „den Türken vor den Toren Wiens“ wiederbelebt und bei der Frage des EU-Beitritts der Türkei in die Waagschale geworfen. In der orientalischen Welt wird der dekadente Kreuzfahrergeist des Westens beschworen. In Europa weisen Politiker wie Silvio Berlusconi auf die kulturelle und wirtschaftliche Minderwertigkeit des Islam hin.

Das Problem Palästina

Bei dem israelisch-palästinensischen Konflikt handelt es sich nicht um einen Regionalkonflikt, sondern um eine Auseinandersetzung, in der viele Akteure weltweit involviert sind, so Kneissl. Die Konfliktverschärfung begann mit dem Besuch Ariel Scharons auf dem Tempelberg am 28. September 2000, dem Auslöser der zweiten Intifada.

Die erste Intifada hatte mit dem Osloer Friedensprozess 1993 geendet und die Akteure zu Besonnenheit und Verhandlungsbereitschaft geführt. Die zweite Intifada wird aber mit absoluter Grausamkeit geführt, die kaum Raum zu Verhandlungen lässt. Kneissl macht deutlich, in welcher Weise die Weltöffentlichkeit sich in Bezug auf den israelisch-palästinensischen Konflikt spaltet. Und dieser Konflikt biete die argumentative anti-westliche Munition für radikale Akteure wie den Iran und Gruppen innerhalb Saudi-Arabiens.

Israels Frontier-Mentalität

Portrait_Kneissl_1.jpgDie Gründung des Staates Israel fand ohne die klare Definition eines Territoriums statt. Die Verfasserin (Bild links) arbeitet deutlich heraus, dass sich Israel als Einwanderungsland sieht und deshalb darauf bedacht ist, keine feste Grenzziehung zuzulassen. Nicht nur im Sechs-Tage-Krieg von 1967 hatten die Israelis ihr Territorium vergrößert. Sie arbeiten dauerhaft mit dem Konzept der Grenzräume. Dies erlaubt ihnen eine flexible Ausweitung von besetzten Territorien, ohne sich auf eine Grenzlinie festlegen zu müssen. Der Konflikt geht jedoch um die Legitimität. Sowohl Israelis als auch Palästinenser sehen sich als legitime Bewohner des Staatsgebietes. Da hier absolute Werte auf dem Spiel stehen, ist eine dauerhafte Regelung unwahrscheinlich.

Demographisch bedingter Rückzug

Ariel Scharon, einst Hardliner, setzte gegen den Willen der Siedler einen Rückzug der Israelis aus dem Gaza-Streifen durch. Der Grund dafür ist einfach: Die Israelis sind in diesem Gebiet eine klare Minderheit. Und da die arabische Bevölkerung stetig wächst, die israelische jedoch trotz einer gewissen Einwanderungsrate weit weniger zunimmt, müssen sich die Israelis auf die Verteidigung von Kerngebieten beschränken. Die demographische Entwicklung im Nahen Osten ist ein autonomer konfliktfördernder Faktor. Kneissls Buch ist von der doppelten Expertise persönlicher Erfahrung und akademischen Hintergrundwissens geprägt.

Irak vor dem Scheitern

Der Leser wird von der Verfasserin in die Entwicklungsgeschichte des schiitisch-sunnitischen Konflikts eingeführt. Dies ist von besonderem Wert, denn auch in diesem Fall wird sichtbar, wie sehr geschichtliche Mythen die Politik der Gegenwart nicht nur prägen, sondern nahezu determinieren. Kneissl unterstützt die Empfehlungen der Baker-Kommission (Iraq Study Group) zum Irak von Ende 2006, sieht in Bezug auf eine dauerhafte Pazifizierung des Irak jedoch relativ schwarz.

Der mit den symbolischen Orten des Nahen Osten weniger vertraute Leser wird durch eine umfangreiche Bildersammlung in diese Welt eingeführt und außerdem mit den politischen Protagonisten der entscheidenden Verhandlungen vertraut gemacht.

Plädoyer gegen Intoleranz

Die österreichische Journalistin schließt ihren Bericht mit einem Appell an die Toleranz auf beiden Seiten des okzidental-orientalischen Konfliktes. Die Armageddon-Szenarien christlicher Fundamentalisten seien nicht hilfreich, um den Dialog mit einem friedlichen Islam herzustellen und dem gewalttätigen islamischen Fundamentalismus den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Es fände ein Kampf der Fundamentalisten, nicht der Zivilisationen statt, wie das Samuel Huntington behaupte, glaubt die Autorin.

Die Initiativen der EU im Nahen Osten begrüßt Kneissl, macht aber auch deren strategische Fehler aus. Die EU-Konzepte setzten zu stark auf zivilgesellschaftliche Akteure. Es sei notwendig, die Staaten in der Region zu stärken und funktionsfähig werden zu lassen. Hier arbeite die EU mit zu einseitigen Mitteln.

Kenntnisreich und Stellung beziehend

Kneissls Buch überzeugt durch die Verbindung von persönlicher Kenntnis der Region und strategischer Analyse. Als Energieexpertin und Journalistin gelingt es der Verfasserin, dem Leser die großen Konfliktlinien aufzuzeigen und zumindest Ansätze für Lösungen anzubieten. Für Interessierte am Fach Internationale Politik sowie Vertreter kulturwissenschaftlicher Ansätze ist dieses Buch sehr zu empfehlen.

Kneissl, Karin,

Die Gewaltspirale – Warum Orient und Okzident nicht miteinander können,

(2007), Econwin Verlag, Wien

336 S., ISBN 978-3902404398, 22,00 Euro


Die Bildrechte liegen beim Econwin Verlag und bei Martin Vukovits (Porträt). Der Verlag im Internet



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