Heimat und Exil der deutschen Juden nach 1933

heimat_und_exil.jpgDas Jüdische Museum in Berlin dokumentiert in seiner aktuellen Ausstellung „Heimat und Exil“ am Beispiel von einzelnen Schicksalen die Emigration der deutschen Juden nach 1933. In dem reich bebilderten Begleitbuch skizzieren kluge Essays die unterschiedlichen Phasen und Facetten der Vertreibung und sensibilisieren für die Schwierigkeiten, „Exil“ angemessen in Worte zu fassen. Von Christian Noss

Am Anfang steht ein Kinderspiel mit dem Namen „Juden raus!“: „Zeige Geschick im Würfelspiel, damit du sammelst der Juden viel!“ Bei dem Brettspiel aus Dresden von 1938 gewinnt derjenige, der als erster sechs Juden von einem „Judenhaus“ zum Sammelplatz außerhalb der Stadt gebracht hat – unheimlich.

Weiter hinten im Buch Heimat und Exil findet sich dann das „Aliha-Spiel“ von Anfang der 1930er Jahre, auch ein Würfelspiel, jedoch von jüdischer Seite. Es handelt sich dabei um eine Art positiver „Reise nach Jerusalem“, mit der die Kinder auf die Einwanderung nach Palästina vorbereitet werden sollten. Über Berlin, München, Triest, Korinth und Zypern geht es auf einer Landkarte nach Tel Aviv, Haifa und Jerusalem.

Die Ähnlichkeit des Spiels zu den auch im Katalog abgebildeten Kinderzeichnungen von der Reise mit ihren Familien ins Exil ist verblüffend. So malte der zwölfjährige Fritz Freudenheim eine Landkarte mit den wichtigsten Stationen seiner Fahrt von Berlin nach Montevideo. Das Bild trägt den Titel „Von der alten Heimat zu der neuen Heimat!“ Zu sehen sind Häuser, Schiffe, Eisenbahnen und ein großer Ozean.

Vielfältige Flucht- und Lebenswege

Das Buch zeigt zum einen die Schwierigkeiten einer Ausreise aus Deutschland: Die Verbundenheit mit der Heimat steht neben der Notwendigkeit, Geld für eine Reise zu besitzen. Zu der sich verschärfenden politischen Situation in Deutschland kommt die geringe Bereitschaft zur Aufnahme von jüdischen Flüchtlingen bei den Ländern der Welt.

So war auf der ergebnislos ausgegangenen internationalen Flüchtlingskonferenz von Évian lediglich die Dominikanische Republik dazu bereit, ein Kontingent jüdischer Flüchtlinge aufzunehmen. Ironischerweise erhoffte sich der Diktator Molina durch die „Aufhellung“ eine „rassische Aufwertung“ seiner Bevölkerung.

Zum anderen zeigt das Buch die Probleme der Flüchtlinge, in der neuen Heimat Fuß zu fassen und sich in zum Teil vollkommen neuen Arbeitsbereichen den Lebensunterhalt zu verdienen. So konnte man in der Siedlung Sosúa in der Dominikanischen Republik lediglich landwirtschaftlich tätig sein. In Großbritannien arbeiteten von den jüdischen Flüchtlingen der 1930er Jahre etwa 20.000 Frauen als Hausangestellte. In ihrer Heimat hatten sie zum Teil selbst über Personal verfügt.

Ein weiteres Beispiel ist der sechzigjährige Professor für Kunstgeschichte Walter Friedländer, der 1933 von seinem Dienst suspendiert wurde. 1935 gelang es Freunden, ihm die Einreise in die USA zu ermöglichen. Es folgte eine dreißigjährige Odyssee durch die amerikanischen Universitäten, ein Entlanghangeln von einem Kurzengagement zum nächsten.

Doppelleben in der neuen Heimat

Aufschlussreich ist auch der Essay zu den Jeckes, den deutschen Juden in Palästina. Etwa 60.000 Menschen kamen nach 1933 aus Deutschland hierher. Diese Neuankömmlinge wurden eher kritisch beäugt. Der Vorwurf, dass sie nicht ganz freiwillig beim Aufbau des neuen Staates Israel mitwirkten, stand im Raum. Man befürchtete, dass sie nicht die richtige Einstellung für den Neuaufbau der jüdischen Gemeinschaft hätten. Aber auch umgekehrt hatten viele Flüchtlinge mit der Idee, einen neuen jüdischen Menschen zu schaffen, ihre Schwierigkeiten.

Die Integration in die auf körperliche Arbeit ausgerichtete Kibbuzkultur erfolgte also nicht ohne Schwierigkeiten. Viele Jeckes wählten einen Mittelweg zwischen der Anpassung an die neue Situation, indem man sich am Aufbau des Gesundheitswesens, der Verwaltung, der Universitäten und des Rechtssystems rege beteiligte, und dem Wunsch, das alte Leben weiterzuführen. So wurde die europäische Kaffeehauskultur mit gutem Kuchen beibehalten und auch die geliebten Spaziergänge wurden weiter geführt. Nicht zu vergessen, dass der berühmte deutsche Akzent sich hartnäckig hielt. „Mein Großvater […] pflegte mit Anzug und Schlips durch die Straßen Rehavias zu schreiten oder auf dem Fahrrad zu fahren, selbst an den heißesten Tagen“, erinnert sich Zehara Ron an ihre Jugend in Jerusalem.

Heimat und Exil hat einen chronologisch aufgebauten Rahmen, der die Ereignisse zeitlich einordnet. Die übrigen Abschnitte sind dann nach den Regionen gegliedert, in denen die Juden aus Deutschland Zuflucht gefunden haben. Gefärbte Länderübersichten mit statistischen Informationen zu der damaligen politischen Situation in den jeweiligen Staaten, der Anzahl der aufgenommenen Emigranten und der Anzahl der nach dem Krieg dort verbliebenen Flüchtlinge geben einen guten Überblick über die Fluchtmöglichkeiten der Juden und verdeutlichen noch einmal, wie wenig Länder damals zur Hilfe bereit waren.

Stiftung Jüdisches Museum Berlin/ Stiftung Haus der Geschichte der

Bundesrepublik Deutschland (Hg.): „Heimat und Exil, Emigration der deutschen Juden nach 1933.“ Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006, 255 Seiten, 24,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Suhrkamp Verlag.


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