Grundlagen sozialer Integration

Cover_Fischer.jpgSeit der Antike werden soziale Tugenden als Voraussetzungen für stabile Gemeinwesen betrachtet. Wurden diese in der Antike als Resultate der Summe der ethischen Qualitäten der Gemeinschaftsmitglieder angesehen, so werden diese in der Neuzeit als Ergebnis institutioneller Effizienz gewertet. Anhand verschiedener Fallstudien zeichnet Karsten Fischer die Entwicklung sozialen Zusammenhalts als Ergebnis politischer Konstruktion in anspruchsvoller Weise nach. Von Christoph Rohde

Mit seinem Buch Moralkommunikation der Macht bereichert Karsten Fischer von der Berliner Humboldt-Universität den Diskurs über Faktoren, die Gesellschaften sozial integrieren. Neben einer anspruchsvollen konstruktivistischen Fundierung liefert der Wissenschaftler fünf empirische Fallstudien, die den Wandel der rhetorischen Strategien in Bezug auf soziale Integrationsprozesse dokumentieren.

Politische Warnungen vor gesellschaftlichem Verfall

Fischer beginnt sein Buch mit einer Provokation. Anstatt auf eine konventionelle Einleitung zurück zu greifen, eröffnet er seine Abhandlung mit dem Kapitel „Kohäsionskrisen – Aufregung als Massenversuch“. Dabei hebt er hervor, dass es gegenwärtig chic sei, in den Zeiten der Globalisierung Symptome einer gesellschaftlichen Desintegration auszumachen. Wo Harvard-Politologe Robert D. Putman in den USA mit seinem Bowling Alone eine Tendenz hin zu rücksichtsloser Individualisierung festzustellen glaubt, da spricht Joschka Fischer in seinem 1998 erschienenen Buch Für einen neuen Gesellschaftsvertrag von sozialer Desintegration als Folge einer Totalökonomisierung gesellschaftlicher Prozesse.

Dieser Hochkonjunktur an sozialkritischer Larmoyanz begegnet der Verfasser mit intellektueller Nüchternheit. Fischer stellt in seiner Abhandlung fest: Wohlfahrtsstaaten versuchen mit Hilfe verschiedener Strategien von „Desintegrationsalarmismus“, einen stark ausgeprägten politischen Interventionismus zu rechtfertigen. Dem Berliner Politikwissenschaftler geht es aber nicht darum, die Wirkungen der politischen Konstruktion des Themas „soziale Kohäsion“ darzustellen, sondern er versucht, die Moralkommunikation der Macht und das dahinter stehende Selbstverständnis politischer Akteure in verschiedenen Epochen und politischen Systemen darzustellen.

Diskursstrategien in der Antike

Portrait_Fischer.jpgDie besondere Stärke des Buches liegt in der sorgfältigen philosophischen Fundierung. Fischer (Foto links) zeigt, dass im antiken Griechenland das Politische erst als autonome menschliche Handlungssphäre etabliert wurde. Das Politische wird als die Herstellung des Gemeinwohls einer klar definierten Gemeinschaft definiert, so dass eine klare Abgrenzung von eigennützigem Verhalten erfolgt. Herrschaft legitimiert sich durch Handeln im Sinne des Gemeinwohls. Die Quelle des Gemeinwohls speist sich, so Fischer, bei Aristoteles aus einer Verbindung von intentionalen und institutionellen Aspekten. Vergessen werden darf hierbei jedoch nicht, dass der antike Gemeinwohlbegriff durch den Ausschluss der Sklaven aus dem genuin politischen System teuer erkauft wird.

Die Wende der Neuzeit

Mit der Neuzeit tritt das Individuum ins Zentrum der Begründung von Gesellschaft überhaupt. Das alte republikanische Konzept der politischen Gemeinschaft wird abgelöst vom Gedanken einer Gesellschaft, in der das Individuum selbst zum Ausgangspunkt der Legitimierung staatlicher Herrschaft wird. Fischer spricht vom „semantischen Coup des Liberalismus“, der im Sinne Adam Smiths’  das Gemeinwohl als das Ergebnis egoistischer Nutzenmaximierung postuliert. Die tugendzentrierte Gemeinwohlorientiertheit wird ersetzt durch eine rationale Staatsbegründung. Somit, erklärt der Verfasser, wird der Gedanke sozialer Kohäsion auf moralisch anspruchslosere und damit solidere Weise zur Realisierung gebracht.

Die Synthese der Begründungssemantiken bei Hegel

Besonders beeindruckend stellt Fischer die Leistungen Georg Wilhelm Friedrich Hegels bei der Begründung sozialer Kohäsion als Staatsaufgabe dar. Hegel, vom „Tugendterrorismus“ Robespierres nachhaltig geprägt, wendet sich gegen reine gesinnungsethische Formen von Politikbegründungen. Aber er kritisiert auch den liberal-fundamentalistischen Glauben an die Macht der „invisible hand“. Hegels versuchten Kompromiss zwischen republikanischem Tugenddiskurs und liberalem Interessenparadigma betrachtet Fischer als relativ gelungen. Staat und Gesellschaft seien bei Hegel aufeinander verwiesen.

Verschiedene Fallstudien

Die von Fischer untersuchten Moralkommunikationen führen den Leser in verschiedene staatliche Begründungskulturen. Ludwig Erhards Konzept der Formierten Gesellschaft hält der Verfasser für sehr staatshörig und anti-liberal. Helmut Kohls Wiedervereinigungspolitik hingegen habe rhetorisch einerseits vernünftigerweise auf ein nationalistisches Pathos verzichtet, dafür aber habe der Kanzler auf eine entpolitisierte, kostenträchtige etatistische Version der Herstellung sozialer Kohäsion im Wiedervereinigungsprozess gesetzt. Diese Strategie der bewussten Entpolitisierung habe verhindert, dass politische Reformwünsche an die Oberfläche gedrungen seien.

Interessant ist, dass sich die Institutionalisierung der Europäischen Union ebenfalls der Rhetorik sozialer Kohäsion bedient. Durch die gewollte Übernahme quasi-staatlicher Aufgaben sollen die individuellen Mitgliedsstaaten entmachtet werden. George W. Bushs Compassionate Conservativism wird von Fischer scharf kritisiert. Wo der sozial Schwächere in den westeuropäischen Wohlfahrtsstaaten als anspruchsberechtigter Bürger verstanden werde, da führe die US-Ideologie zu einem Abhängigkeitsverhältnis des Bedürftigen. Bedürftigkeit wird dabei eher als Faulheit und Disziplinlosigkeit betrachtet denn als das Resultat struktureller Defizite in komplexen Gesellschaftssystemen. Dies führe, so Fischer, zu einer Entwürdigung des Bürgers.

Stringente Argumentation

Die Untersuchung enthält eine unglaublich dichte und zielgerichtete Argumentation. Die sozialkonstruktivistische Methode wird auf das Problem staatlicher Moralkommunikation in plausibler Weise angewandt.

Einige Sätze innerhalb der Untersuchung sind semantisch mit Fremdwörtern unnötig überfrachtet. Die Fallstudien nehmen im Verhältnis zum Theorieteil einen zu geringen Raum ein – die ausführlichen Literaturhinweise in den Fußnoten einen zu großen.

Dennoch: Fischers Arbeit besticht durch ein profundes interdisziplinäres Wissen, welches er mit Hilfe einer originellen Fragestellung zu einer klugen Synthese führt. Das Buch ist für Studierende der Politikwissenschaft ab Hauptstudium und für Forschende ebenso geeignet wie für Vertreter sozialphilosophischer Denkrichtungen.

Fischer, Karsten,

„Moralkommunikation der Macht. Politische Konstruktion sozialer Kohäsion im Wohlfahrtsstaat,

(2006), Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 

234 S., ISBN: 978-3-531-15332-2, 36,90 Euro



Die Bildrechte liegen beim VS-Verlag (Cover) und Karsten Fischer (Portrait).



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