Gesundheitsrisiko Armut

buch_gesund.jpgArmut macht krank. Das ist eine Binsenweisheit, die inzwischen wohl allen klar sein sollte. Wie aber kann gesundheitliche Ungleichheit wissenschaftlich erklärt werden und welche Lösungsansätze gibt es, sie zu reduzieren? Von Fabian Engelmann

Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik haben die Menschen eine so hohe Lebenserwartung erreicht wie heute. Dieser positive Trend wird durch eine zunehmende sozial ungleiche Verteilung der Bevölkerung konterkariert. Die Schere  zwischen den unteren sozialen Schichten sowie der Mittel- und Oberschicht klafft immer weiter auseinander.  

Die Verteilung von Gesundheit und Krankheit ändert sich in Abhängigkeit von sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Faktoren. Sie folgt einem gesellschaftlichen Muster. Zu dieser Einschätzung kommen die Bielefelder Gesundheitswissenschaftler Matthias Richter und Klaus Hurrelmann in ihrem Sammelband Gesundheitliche Ungleichheit.

Soziale und gesundheitliche Ungleichheit

Die Herausgeber haben sich in der Vergangenheit wiederholt der Problematik der gesundheitlichen und sozialen Ungleichheiten zugewandt. Seit dem vergangenen Jahr veranstalten sie an der Universität Bielefeld eine internationale Fachtagung Health Inequalities.

In ihrem aktuellen Sammelband haben sie 25 Aufsätze zusammen getragen, die einen umfassenden Einblick in die aktuelle Diskussion geben. Der Band liefert soziologische und gesundheitswissenschaftliche Erklärungen gesundheitlicher Ungleichheit und stellt empirische Ergebnisse vor. Schließlich zeigt er Möglichkeiten auf, den Zusammenhang zwischen sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit zu verringern. Die Autoren kommen allesamt aus dem deutschsprachigen Raum. Der Band ist interdisziplinär angelegt. Das wird auch an der Zusammenstellung der Aufsätze deutlich. Diese variieren von politischen Methoden und Strategien der soziallagenbezogenen Prävention über Querschnittsthemen – etwa  geschlechterbezogene Interventionsansätze –  bis hin zu spezifischen methodischen Herausforderungen wie der  Messung der subjektiven Gesundheit.

Neben klassischen Erklärungsansätzen finden sich auch Aufsätze zu aktuellen Perspektiven der Erklärung gesundheitlicher Ungleichheit. Klassische Anätze versuchen, das Phänomen der ungleichen Verteilung von Gesundheit und Krankheit unter anderem aus umweltepidemiologischer Perspektive zu erklären. Dabei werden Einflüsse der äußeren Umwelt – zum Beispiel Umweltgifte oder Luftverschmutzung – identifiziert. Darüber hinaus sind psychosoziale Belastungen oder verhaltensbezogene Faktoren – zum Beispiel das negative Bewältigungsmuster Rauchen – Determinanten gesundheitlicher Ungleichheit.

Gesundheit durch Soziales Kapital

Richter und Hurrelmann präsentieren fünf verschiedene Erklärungsansätze für die Beziehung zwischen sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit. Innerhalb von Gesellschaften dominieren vor allem materielle, kulturell-verhaltensbezogene, psycho-soziale sowie lebenslaufbezogene Erklärungsmuster. Daneben zielen neo-materielle Erklärungen auf politische Prozesse und die Verteilung von Macht und Einfluss auf gesellschaftlicher Ebene. Diese beeinflussen die Beschaffung gesundheitsrelevanter Angebote, die Qualität der physikalischen Umwelt und die Qualität sozialer Beziehungen. So kann eine Gesellschaft ungünstige gesundheitsrelevante physikalische Determinanten aufweisen. Durch ein ausgeprägtes Sozialkapital – gegenseitiges Vertrauen, Stärkung sozialer Netzwerke etc. – können diese Defizite jedoch ausgeglichen werden.

Der Wunsch ist Vater des Gedankens

Die Erklärungsansätze werden in den Beiträgen ausführlich vorgestellt. Dies erfolgt unter anderem am Beispiel unterschiedlicher Zielgruppen wie Migranten, Kinder und Jugendliche oder ältere Menschen. So beschreiben Thomas Lampert und Matthias Richter gesundheitliche Ungleichheiten bei Kindern und Jugendlichen und zeigen politische Interventionen auf. Eine Reduzierung gesundheitlicher Ungleichheit bei Kindern und Jugendlichen kann demzufolge nur durch eine Zusammenarbeit diverser Politikfelder erfolgen. Hier seien neben der Gesundheits- vor allem die Bildungs-, Finanz-, Arbeitsmarkt-, Städtebau- und Familienpolitik gefragt. Beteiligt werden müssten zahlreiche Akteure. Lampert und Richter nennen hier den Öffentlichen Gesundheitsdienst, Krankenkassen, Kinder- und Jugendhilfe sowie KiTas und Schulen.

Politische Handlungsstrategien und Zielvorgaben müssten auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene unterschiedlich ausgestaltet und konkretisiert werden können. Hier ist jedoch der Wunsch Vater des Gedankens: Die beiden mögen mit ihrer Forderung Recht haben. Schlussendlich aber werden solche Allgemeinplätze die soziallagenbezogene Prävention nicht weiter bringen. Dies liegt vor allem daran, dass oftmals nicht klar ist, welche Akteure denn eigentlich zur präventionspolitischen Arena gehören, wie sie sich konstituiert und wirkt.

Gesundheitliche Ungleichheiten kaum verringert

Wie das Problem der gesundheitlichen Ungleichheiten durch quantitative Zielvorgaben in westeuropäischen Staaten verringert werden soll, stellt der Sozialepidemiologie Andreas Mielck, einer der führenden deutschen Experten, in seinem Beitrag dar. Dabei unterscheidet er zwischen Staaten mit nur einem allgemeinen quantitativen Ziel (z.B. Finnland, Niederlande) und Staaten mit mehreren spezifischen quantitativen Zielen (z.B. Irland, England, Wales, Schottland, Nordirland). Ernüchternd ist, dass – trotz aller Bemühungen – die sozialen und gesundheitlichen Ungleichheiten nicht wirklich verringert werden konnten. Es bleibt zu hoffen, dass neue europäische Aktivitäten wie das Projekt closing the gap wenigstens einen kleinen Beitrag leisten können, um die derzeitige Situation zu verbessern.

Dieses Buch ist notwendig!

Dieser Sammelband war längst überfällig. Er gibt einen vorzüglichen Überblick über den derzeitigen Stand der Debatte. Die Beiträge sind mitunter bekannt oder waren bereits in einschlägigen Fachpublikationen zu finden. Dennoch: Endlich kann sich auch ein erweitertes Fachpublikum mit dem Gegenstand auseinandersetzen. Das Buch liefert sowohl Grundlagen als auch Spezifisches und eignet sich deshalb als Lehrbuch und weiterführende Literatur zugleich. Dem Sammelband sind noch viele und vor allem möglichst umfangreich aktualisierte Auflagen zu wünschen, denn das Problem der gesundheitlichen Ungleichheiten wird nicht von heute auf morgen gelöst.

Richter, Matthias /Hurrelmann, Klaus (Hrsg.): „Gesundheitliche Ungleichheit. Grundlagen, Probleme, Perspektiven.“

VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2006, 459 Seiten

ISBN: 978-3-531-14984-4, 39,00 Euro



Die Bildrechte liegen beim VS-Verlag (Cover).

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