Gespräche am Brückengeländer

Cover_BrueckevonIstanbul.jpgWas ist ein Sternwind? Lässt sich Würde in Armut wahren? Wie denken die Menschen in Istanbul über ihr Leben und ihre Zukunft? Der soziale Mikrokosmos einer Brücke ist Ausgangspunkt für eine Diskussion über die türkische Kultur. Von Samuel Müller

In Die Brücke von Istanbul. Eine Reise zwischen Orient und Okzident vermittelt Geert Mak auf gerade 130 Seiten einen spannenden literarischen Einblick in die türkische Kultur. Der Niederländer, der von seinem Verlag als Reiseschriftsteller und Geschichtsschreiber charakterisiert wird, ist hierzu nach Istanbul gereist und hat sich vor allem mit Menschen unterhalten, die sich auf der Galatabrücke aufhalten. Zu seinen vielen Protagonisten zählen der Sohlenverkäufer, ein Zigarettenjunge namens Önder oder die Losverkäuferin, die so wie die unzähligen Angler auf der Brücke ihren Lebensmittelpunkt gefunden haben.

Die Lebensgeschichten und Träume der Menschen auf der Brücke bilden den Ausgangspunkt für ein facettenreiches Gesellschaftsportrait: Ausschnitte der osmanischen Vergangenheit fließen dabei ebenso mit ein wie die soziale Lage der ärmsten Istanbuler. Es fühlt sich fast so an, als würde man selbst über die Brücke streifen und voller Neugier stehen bleiben, um die Einheimischen über ihre Kultur sprechen zu lassen und um dann in der Bibliothek zu den Stichworten weiter zu lesen.

Ob Kopftuchfrage, Karikaturenstreit, soziale Stellung der türkischen Frau, Ehrenmorde, der Völkermord an den Armeniern, der türkische EU-Beitritt, die Herausforderungen der Moderne an die türkische Gesellschaft – kein Thema bleibt bei Mak unberührt.

Eine Reiseerzählung ist das Buch somit nur im weitesten Sinn, obwohl er nie die Perspektive des Beobachters, des neugierigen Fremden verlässt. Dichte Einblicke in reale Biographien führen prompt zu aktuellen politischen Kontorversen, wobei es der Autor seinen Leserinnen und Lesern überlässt, diese zu Ende zu führen.

Der Mikrokosmos einer Brücke

Istanbul open air market near Galata BridgeDie Galatabrücke ist die Bühne, die der Autor betrachtet, von der aus er aber auch spricht. Dabei verbindet sie nicht die europäische mit der asiatischen Seite Istanbuls – worüber der Leser allerdings im Unklaren gelassen wird. Sie führt nicht über den Bosporus, sondern über das Goldene Horn, die breite Mündung eines Wasserlaufs in den Bosporus. Doch sie verbindet das alte, traditionsbewusste mit dem neuen, modernen Istanbul. Hier treffen Orient und Okzident aufeinander. Ein Ort, so lässt Mak den russischen Dichter Joseph Brodsky zu Wort kommen, „wo die Geographie Geschichte provoziert“, der symbolisch für das Ringen zwischen Tradition und Modernität steht.

Über die Brücke braust der Verkehr, ständig ist sie voller Menschen. Es wird flaniert und geangelt, vor allem wird aber Handel getrieben. Händler breiten Waren vor sich auf dem Gehsteig aus: Batterien, Kondome, Bücher, Sesamkringel, Spielzeug, Bohrmaschinen, Lotterielose, Handys, Parfüm, Kleidung, Schuhe oder Einlegesohlen – alles was man sich vorstellen kann.

Der Sohlenverkäufer beispielsweise hofft auf ein gutes Geschäft mit vorbeiziehenden Soldaten, denen immer die Füße vom vielen Wachestehen wehtun. Wenn er genug verdient, kann er seinem Neffen Geld für eine Cola zustecken, der sonst neben seinen Freunden ein armseliges Bild abgeben würde. An guten Tagen beläuft sich sein Einkommen auf umgerechnet etwa acht Euro.

Eine Anglerin und ihre Schwester erzählen Mak von ihren Männern, die in traditionellen Weltanschauungen erstarrt sind. Der kanadische Schwiegersohn oder die selbstständige Arbeit der Ehefrau – vieles geschieht heimlich oder unter großem emotionalen Aufwand, ein letzter Schritt kann die Scheidung sein. „Unsere Eltern“, so lässt Mak die eine der Frauen zu Wort kommen, „haben uns trotz all ihrer schönen Ansichten nicht vor dieser Art von Männern bewahren können“.

Errettung ist unerwünscht

Doch Mak eröffnet auch andere Perspektiven. Der westlichen Auffassung von der unterdrückten Frau im Islam unterstellt er einen „Loti-Komplex“: Der Autor und Weltreisende des ausgehenden 19. Jahrhunderts Pierre Loti verkörpert dabei in seinen Romanen und Erzählungen über den Orient den pathologischen Verführer, der zugleich Frauenretter sein will.

So sind muslimische Frauen keinesfalls eine „homogene Gruppe von Unterdrückten“, auch das Kopftuch kann ebenso gut ein Zeichen für Selbstbewusstsein und Emanzipation stehen. Zumeist können sie ihre Situation gut einschätzen und verlangen vor allem ökonomische Unabhängigkeit, keine Errettung im Sinne einer gut meinenden Bevormundung.

Für selbstbewusste Frauen in der Türkei steht nicht nur die offensive aber tief verschleierte Muslimin, mit der sich der Autor in seinem Buch unterhält. Auch Elif Shafak, türkische Romanautorin, die gleichzeitig als Wissenschaftlerin in den USA arbeitet, kommt zu Wort. In einem Gespräch über die Situation von türkischen Frauen, welches Mak in seine Darstellung mit einfließen lässt, teilt sie sich nur scheinbar die Beobachterperspektive mit dem Autor. Indem sie zu Wort kommt, wird noch ein weiteres Bild der türkischen Frau transportiert.

Im Spannungsfeld zwischen Tradition und Modernität

Makweb.jpgMak (Foto rechts) zeichnet das Bild eines Landes, das sich im Spannungsfeld zwischen Modernität und Tradition immer weiter nach Westen orientiert und sich heute in einem tief greifenden Wandel befindet. Ähnlich wie das Frauenbild wird auch vieles andere aus europäischer Perspektive sehr einseitig wahrgenommen, so lässt sich aus Maks Darstellung entnehmen.

Im Karikaturenstreit beispielsweise ging es viel weniger um den Islam oder um religiöse Gegensätze. Vielmehr geht es um Respekt oder Anerkennung anstelle von Demütigung und Bevormundung durch einen allmächtig scheinenden Westen. „[W]er so arm ist, wie eine Kirchenmaus“, so resümiert Mak seine Gespräche mit den Menschen von der Brücke, „für den gehören Stolz und „Ehre“ zu den letzten Kostbarkeiten, an die er sein Herz hängen kann“.

Kritisch, aber ohne Lösungsangebot

Bei einer solchen Themenvielfalt auf so wenigen Seiten vermag es Mak nicht, die angeschnittenen sozialen Probleme und politischen Kontroversen in ihrer jeweiligen Tiefe auszuloten. Auch eine Anbindung an Diskussionen über die Integration von Muslimen in westeuropäischen Ländern, die oft in greifbarer Nähe zu sein scheinen, wird vermieden. Der Autor will der unbedarfte Reisende bleiben, nicht bevormunden oder Position beziehen.

Diese Rolle nimmt man ihm jedoch nur schwerlich ab, wenn Reizthemen offen angesprochen werden, wenn türkische Schriftsteller wie Orhan Pamuk und Elif Shafak als kritische Stimmen zu Wort kommen oder auch wenn man sich an Maks 2005 erschienenes Buch zum Mord an Theo van Gogh erinnert. Mak bleibt auch mit diesem Buch ein politischer Autor, der für den interkulturellen Dialog und den kritischen Umgang mit gesellschaftspolitischen Fragen wirbt.

Ein Sternwind, so erfährt der Leser, das sind „orkanartige Böen, die unerwartet vom Wasser her wehen“. Maks Darstellung kommt einem solchen Wetterphänomen sehr nahe. Unerwartet und rücksichtslos wird der Leser aus der zunächst vermittelten voyeuristischen Gemütlichkeit heraus getrieben und vor allem in der zweiten Hälfte des Buches mit brennenden sozialen Konflikten konfrontiert. Doch da ist die Lektüre auch schon zu Ende.

Mak, Geert,

Die Brücke von Istanbul. Eine Reise zwischen Orient und Okzident,

(2007), München, Pantheon Verlag,

126 Seiten, ISBN 978-3-570-55040-3, 9,95 Euro


Geert Mak im Interview auf /e-politik.de/: Über Fremdsein, Ehre und Geschichtsauffassung


Die Bildrechte liegen beim Pantheon-Verlag (Autor, Buchcover) und bei Dick Osseman („Istanbul open air market near Galata Bridge„).


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