Gesellschaft macht alt

altundgesund.jpgDurch welche Linse betrachten Ärzte und Pflegekräfte alternde Menschen? Wie gehen sie mit deren nachlassender Gesundheit um? Durch welche eigenen Erfahrungen und Werte werden sie geprägt? Diesen Fragen gehen Experten in einem aktuellen Sammelband nach. Von Christoph Rohde

Ulla Walter, Professorin an der Medizinischen Hochschule Hannover, und Kolleginnen und Kollegen weiterer Forschungsfelder haben sich in der Studie Alt und gesund? mit der Frage befasst, in welcher Weise professionelle Kräfte aus dem Bereich Pflege und Ärzteschaft mit dem Thema des Alterns und dem Konzept der Gesundheitsprävention im Alter umgehen.

Die fächerübergreifend arbeitenden Autoren haben eine Interview-Studie durchgeführt, bei der relevante Berufsgruppen befragt wurden. Eine von 2001-2003 durchgeführte Studie zum Thema „Gesundheitskonzepte und Altersbilder Professioneller in der ambulanten Versorgung“ bildet die materielle Grundlage der in dem Buch aufgebrachten Thesen. Erkennbar wird eine große Kluft zwischen theoretischen Ansprüchen und der tatsächlichen Praxis bei der medizinischen Versorgung älterer Menschen.

Längeres Leben, mehr Möglichkeiten

Es ist bekannt, dass die Zahl älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung in den Ländern Mitteleuropas stetig zunehmen wird. Mit der höheren Lebenserwartung sind nicht nur physische Beschränkungen zu erwarten, sondern auch mehr Freiheiten. Die Individualisierung der Lebensgestaltung nimmt in der nachberuflichen Phase weiter zu. Denn in vielen Fällen sind ausreichend finanzielle und materielle Ressourcen vorhanden, Bildungsmöglichkeiten werden genutzt und die Gesundheit ist oft auch noch hinreichend intakt.

Kein physischer, sondern ein sozial konstruierter Altersbegriff

Die Autoren unterscheiden verschiedene Dimensionen des Alterns. Das biologische Altern umfasst die sich einschränkenden körperlichen Möglichkeiten. Das Tempo des Alterns ist je nach persönlicher Entwicklung höchst unterschiedlich ausgeprägt. Kognitives Altern beschreibt die sich entwickelnden Veränderungen im Bereich der Wahrnehmung des Gedächtnisses, des emotionalen Befindens und der Selbstwahrnehmung, aber auch die zunehmende Gelassenheit und Erfahrung im Alter. Das soziale Altern hingegen bezieht sich auf die Rollenveränderungen, die mit dem Altern einhergehen.

bev.JPG„Man ist so alt, wie man sich fühlt“ – der Satz hat auch in diesem Buch seine Berechtigung. Denn es wird auf den Begriff eines sozial konstruierten Alterns rekurriert. Altersbilder, die auf gesellschaftlicher und individueller Ebene entstehen, beeinflussen die Wahrnehmung und Bewertung von Menschen aus dem Berufsfeld des Sozialen. Überraschend ist die Tatsache, dass in der Bevölkerung generell ein positives Altersbild vorherrscht, während in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft oft negative Assoziationen überwiegen. Dies hängt mit den ständig geführten Debatten über die Zukunft der Pflegeversicherung, der prekären demographischen Entwicklung und dem mangelhaften Zustand der ambulanten und institutionellen Pflege in Deutschland zusammen.

Subjektive Sicht beeinflusst Berufspraxis

Dank der anspruchsvollen Interviewstudie mit Ärzten und Pflegekräften, die durch eine Inhaltsanalyse verschiedener Fachzeitschriften ergänzt wird, werden Erkenntnisse bezüglich der Altersbilder von Ärzten und Pflegekräften generiert. Zwei Fragen bilden den roten Faden der Untersuchung:

„Woran machen Sie in Ihrem beruflichen Alltag fest, dass ein Mensch alt ist? Schildern Sie mir bitte eine entsprechende Situation. Was bedeutet ‚Alter‘ für Sie, welche Assoziationen haben Sie?“ Die so gewonnenen Stereotypen, die die Einstellungen der Professionellen leiten und deren Handlungspraxis beeinflussen, haben eines gezeigt: Die subjektiven Kriterien zur Definition von Alter sind eng mit den persönlich vorfindbaren Altersbildern in den Berufsgruppen verknüpft. Ein Idealtypus des Alterns ist nicht nachzuweisen – zu heterogen sind die Ergebnisse. Auffällig ist, dass sich die Aussagen der professionellen Bezugsgruppe vor allem auf Hochbetagte (80+) beziehen. Die Jüngeren werden eher als junge Alte betrachtet.

Zweifel am Sinn von Gesundheitsförderung

Insgesamt sehen Ärzte und Pflegepersonal keinen großen Sinn in der Gesundheitsfürsorge im Alter. Dies hängt damit zusammen, dass die Gesundheit mehr mit einer positiven Lebenseinstellung assoziiert wird. Wenn Ältere geistig fit und in ihrer Lebenseinstellung flexibel erscheinen, dann werden sie als gesund wahrgenommen. Die Arbeit mit den körperlichen Gebrechen der Senioren steht nicht im Vordergrund. Deshalb kommt das Konzept der Gesundheitsprävention im Alter zu kurz. Dies ist jedoch auch das Problem eines fehlenden gesamtgesellschaftlichen Diskurses zu diesem Thema.

Viele Barrieren für Prävention und Gesundheitsförderung

Qualifikationen im Bereich Geriatrie bzw. „Medizin des Alterns und des alten Menschen“ sind bislang nur vereinzelt vorhanden. Primärpräventive und gesundheitsförderliche Maßnahmen finden ebenfalls zu selten statt. In der Pflege wird mehr auf die „aktivierende Pflege“ , einen ressourcenorientierten Ansatz, gesetzt. Prävention für Ältere wird meist mit psychosozialen Ermutigungsmaßnahmen gleichgesetzt – das Thema „Prävention im Alter“ bleibt zu oft Tabu. Auch in den Fachzeitschriften und Medien nimmt das Thema nur geringen Raum ein. Es fehlen gute Beispiele für gelungene Prävention im Alltag. Vernachlässigt werden auch die gesellschaftlich positiven Folgen eines „gesunden Alterns“.

Neue Blickwinkel

Am Ende bietet das Buch neue Perspektiven auf die Gesundheitsprävention von Senioren und einen vollständigeren Blick auf die tatsächliche „Lebenswirklichkeit“ innerhalb der Versorgung alter Menschen. Die Perspektive ist jedoch auf den engeren Berufskreis beschränkt.

Das Buch ist für Mediziner, Pflegewissenschafter und Sozialarbeiter jedweder Form gut geeignet. Es ist aufgrund seiner Fachterminologie anspruchsvoll zu lesen. Dennoch bietet es auch Einsichten, die für weitere gesellschaftliche Gruppen wie Journalisten und Politiker interessant sein dürften. Es regt zu verändertem Handeln in diesem Bereich an.

Walter, Ulla; Flick, Uwe; Neuber, Anke; Fischer, Claudia; Schwartz, Friedrich-Wilhelm,

Alt und gesund? Altersbilder und Präventionskonzepte in der ärztlichen und pflegerischen Praxis,

(2007), Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften,

258 S., ISBN 978-3-8100-4084-8, 29,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim VS-Verlag und beim Statistischen Bundesamt


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