Gerechtigkeit und Krieg

Cover_What_were_fighting_for.gifKönnen Kriege gerecht sein oder dazu dienen, Gerechtigkeit in der Welt herzustellen? Der kürzlich erschienene Sammelband „What we’re fighting for…“ – Friedensethik in der transatlantischen Debatte bietet einen Einblick in die wissenschaftlichen Kontroversen um die theoretischen Grundlagen der internationalen Ordnung. Von Anne Schwenkenbecher

Die Ereignisse des 11.September führten in der Philosophie und in der Politikwissenschaft zu einer nachhaltigen Wiederbelebung der Debatte um die Theorie des gerechten Krieges. Die Idee, dass kriegerische Gewalt dann legitim ist, wenn es sich um einen Verteidigungsfall handelt, ist Bestandteil der Theorie und bildete zugleich den Kerngedanken eines Manifests von 60 US-amerikanischen Intellektuellen, das im Februar 2002 veröffentlicht wurde. In What We’re Fighting For: A Letter from America versuchten sie, den Krieg gegen den Terrorismus zu verteidigen. Ihre Argumente kreisten dabei um zentrale Ideen der Theorie des gerechten Krieges.

Kein Frieden durch einen solchen Krieg!



Die Schrift löste auf beiden Seiten des Atlantiks heftige Diskussionen aus. In einem offenen Brief kritisierten 150 US-Wissenschaftler die Haltung der Kriegsbefürworter. In Deutschland schloss man sich dieser Kritik an. Eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens sieht anders aus war die offizielle Antwort 103 deutscher Intellektueller vom 2. Mai 2002 auf das Kampf-Manifest, veröffentlicht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Einerseits lehnten sie das Konzept des gerechten Krieges als nicht-zeitgenössisch ab. Andererseits warfen sie ihren Opponenten angesichts der hohen Opferzahlen im Krieg gegen Afghanistan vor, gegen die eigenen Moralstandards zu verstoßen.

Die Tagung

Eine evangelische Akademie aus Deutschland brachte die beiden gegnerischen Lager zwei Jahre später an einen Tisch. Im Oktober 2004 fand im sauerländischen Iserlohn eine deutsch-amerikanische Dialogtagung statt, an der sowohl Unterzeichner des Manifests What we’re fighting for als auch ihre Kritiker teilnahmen. Mit dem daraus entstandenen Sammelband möchten die Herausgeber

Gerhard Beestermöller vom Institut für Theologie und Frieden, Michael Haspel, Direktor der Evangelischen Akademie Thüringen und Uwe Trittmann, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Iserlohn, einen Einblick in diese höchst aktuelle und komplexe Debatte gewähren. Daher überrascht es zunächst, dass das schmale Buch neben der Einleitung der Herausgeber nur sieben Beiträge umfasst. Können diese Texte der Vielfalt der Positionen gerecht werden?

Die Positionen

Die Theorie des gerechten Krieges stellt Bedingungen zur moralischen Beurteilung kriegerischer Gewalt auf. Sie bietet Kriterien zur Beantwortung von Fragen, wie z. B. ob es gerechtfertigt war, einen bestimmten Krieg zu beginnen oder ob der Krieg auf moralisch vertretbare Weise geführt wurde. Unter anderem sollte er aus einem moralisch richtigen Grund und nur unter Versagen aller anderen Möglichkeiten begonnen werden. Die Gewaltanwendung darf nicht ausufernd sein und sich nicht gegen Zivilisten richten.

Die Theorie ist nicht unumstritten und wird auf ganz unterschiedliche Weise kritisiert. Es existiert die Auffassung, dass Kriege grundsätzlich ein Übel seien, immer mehr negative als positive Folgen hätten und so nie gerechtfertigt sein könnten (Pazifismus). Ebenfalls wird mitunter die Meinung vertreten, dass Krieg nicht mit den Begriffen der Moral beurteilt werden kann (Realismus).

Die Autoren des vorliegenden Sammelbandes stimmen darin überein, die Theorie nicht grundsätzlich abzulehnen, sondern sie z.T. weiterentwickeln und verbessern zu wollen. Spätestens an der Frage, ob die Vereinten Nationen im Fall internationaler Konflikte allein entscheidungsberechtigt seien, scheiden sich jedoch die Geister.

Wer soll über einen Krieg entscheiden?

J.B. Elshtain von der University of Chicago, die zu den Unterzeichnern des Manifests What we’re fighting for gehört, verteidigt dessen Positionen: Da Stabilität die Voraussetzung für eine friedliche und gerechte Welt ist, könne es richtig sein, mit kriegerischen Mitteln Menschenrechte zu verteidigen und Stabilität wiederherzustellen, auch ohne UN-Mandat. Zudem, so Elshtain, hätten die UN-Friedensmissionen allzu oft versagt und Verbrechen tatenlos zusehen müssen, da ihnen der Einsatz von Gewalt nicht erlaubt war.  Auch J.T. Johnson von der Rutgers University plädiert in seinem Beitrag dafür, dass die Autorität für Kriegsentscheidungen vorrangig den einzelnen Staaten und nicht der UNO zukommt.


Wie Elshtain unterstellt auch Hajo Schmidt vom Institut Frieden und Demokratie den Verfassern der deutschen Antwort Voreingenommenheit gegenüber der Theorie des gerechten Krieges. Für die Beurteilung kriegerischer Konflikte sei sie unverzichtbar. Schmidt votiert aber gegen Elshtain für die Zuständigkeit supranationaler Akteure für Kriegsfälle.

Zu dem gleichen Ergebnis kommt auch die International Commission on State Sovereignty and Intervention, die von Sabine v. Schorlemer, Professorin an der TU Dresden, kommentiert wird, zu der sie aber leider nicht ausreichend Stellung bezieht.

Die zentrale Frage: Friedens- oder Kriegsethik?

Mehr noch als das Problem der Zuständigkeit im Kriegsfall bildet die Frage den Kern der Differenzen, ob man nun Kriegs- oder Friedensethik betreiben sollte. Bereits der Titel des Sammelbandes birgt die Spannung beider Konzepte in sich. Dass beides kein Widerspruch sein muss, zeigen die Beiträge von Oliver Ramsbotham und David Little. Zivile und militärische Mittel werden komplementär gedacht.

Ein klares Votum für die Präferenz friedlicher Maßnahmen zur Konfliktbewältigung formuliert der Mitherausgeber Michael Haspel in seinem bemerkenswerten Artikel. Gegen die Amerikanische Wissenschaftlerin Elshtain argumentiert er, dass sich die grundlegenden Gerechtigkeitsprobleme eben nicht mit militärischen Mitteln lösen ließen.

Fazit: Hochaktuelle Beiträge

Der vorliegende Sammelband ist sicherlich keine Einführungsliteratur in die Theorie des gerechten Krieges oder die aktuellen Positionen der Friedensethik. Wer mit deren Grundideen bereits vertraut ist, dem werden Einblicke in aktuelle Trends der Debatte ermöglicht. Trotz der geringen Anzahl der Beiträge sind deren Aktualität und Vielfältigkeit hervorzuheben, auch wenn ihr normativer Gehalt sehr unterschiedlich ist. Wer anhand des Titels eine vorwiegend moralphilosophische Debatte erwartet, wird leider enttäuscht.


Beestermöller, Gerhard/ Haspel, Michael/ Trittmann, Uwe (Hg.),

„What we’re fighting for…“ – Friedensethik in der transatlantischen Debatte,

(2006), Stuttgart, Kohlhammer Verlag,

156 S., ISBN 3170190377, 16,80 Euro


Die Bildrechte liegen beim Kohlhammer Verlag. Der Verlag im Internet.


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