Gebaute Bilder der Macht

03. Apr 2007 | von freier Autor | Kategorie: Gesellschaft

Akademie_1.jpgNachdem Alexander Hosch hierzulande in der Süddeutschen Zeitung eine Debatte über Architektur und Moral angestoßen hatte, verschiebt sich die Rede von ästhetischen Verpflichtungen der Architekten nun hin zu moralischen Fragen. Wer baut für Diktaturen, Tyrannen und Ausbeutung? Wie ist mit dem moralischen Anspruch, der sich für Architektur daraus ergibt, umzugehen? Zur Auftaktveranstaltung der Gesprächsreihe über Architektur und Stadt debattierten vier weitere Architekten das Zusammenspiel von Architektur und politischer Macht. Von Inga Haese

Zum Podiumsgespräch über die Gebauten Bilder der Macht fanden sich zahlreiche Zuhörer und illustre Diskutanten, wie Meinhard von Gerkan (Gerkan, Marg und Partner, gmp), Matthias Sauerbruch (Sauerbruch Hutton), Ole Scheeren (Office for Metropolitan Architecture, OMA) und der Journalist Alexander Hosch im Haus der Akademie der Künste in Berlin (Foto rechts) ein. Die Akademie selbst, am Pariser Platz in direkter Nachbarschaft zu Reichstag, Abgeordnetenhaus und Botschaftsresidenzen, stellt dabei eines der sichtbaren Verschränkungselemente von Architektur und Macht in Berlin dar.

Portrait_Allmann.jpgAuf die politisch wechselvolle Geschichte des Standortes und des Hauses ging Donata Valentien, Direktorin der Sektion Baukunst der Akademie – und die einzige zu Wort kommende Frau an diesem Abend – in ihrer Begrüßungsrede ein. Markus Allmann (Foto links), Architekt eines Münchener Büros (Allmann Sattler Wappner), konzentrierte sich in seinem Eingangsreferat auf das von Hosch beschworene Architektendilemma: Ob Le Corbusier oder Mies van de Rohe – die großen Meister entwarfen für Terrorregimes, um ihre Kunst materialisieren zu können. Wer und wie für despotische Herrschaft gebaut wird – oder für umstrittene Konzerne, wie es etwa beim Gazprom-Turm in St. Petersburg oder der Zentrale des Staatsfernsehens Central Chinese TV (CCTV) in China der Fall ist – wurde anschließend diskutiert.

Bauen für die Einheitspartei

Wer nun eine Debatte über Architektur als politische Bedeutungsträgerin in der Repräsentation von Macht erwartet hatte, wurde nicht enttäuscht. Wohl aber, wer glaubte, das Podium würde sich selbstkritisch mit den Konsequenzen dieser Bedeutungsträgerschaft auseinandersetzen.

podium.jpgMit Meinhard von Gerkan und Ole Scheeren waren gleich zwei internationale Büros vertreten, die vom Boom-Land China profitieren und am politisch repressiven Kurs des Einparteienstaats verdienen. Von Gerkan, der auch den Berliner Hauptbahnhof plante, rühmte sich seiner 50 Baustellen, die er in China unterhält – unter anderem wurde er dort mit dem Großprojekt betraut, eine Stadt für 800.000 Einwohner zu bauen. Größenordnungen, wie sie in Europa undenkbar seien, so von Gerkan, machten China zum reizvollen Architekturmekka. Außerdem sei es die positive Wohlstandsentwicklung fürs Volk, die den politischen Kurs der Führung quasi neutralisieren würde – ein Argument, das so ähnlich auch von Rem Koolhaas, einem bekannten niederländischen Architekten, ins Feld geführt wurde.

Architektur als Transformatorin

Koolhass’ OMA war auf dem Podium durch Ole Scheeren vertreten. Scheeren versuchte, sein Engagement für das chinesische Staatsfernsehen unter dem Aspekt des politischen Wandels zu fassen. Er ist Partner von Koolhaas und in Peking als Projektleiter zuständig für die Baustelle von CCTV. Kritik an der Durchführung des umstrittenen Projektes parierte er mit dem Hinweis auf das Veränderungspotenzial der chinesischen Auftraggeber. Nach dem Motto ‚Wird erst transparent gebaut, dann zieht die Transformation gleich mit ein’, rechtfertigte er die Auftragsarbeit fürs Staatsfernsehen.

In der Tat: Der Entwurf des Gebäudes überzeugt mit einem Raumkonzept, das in Form eines komplexen, gläsernen Polyeders zum Triumphbogen der Zweiten Moderne werden könnte. Die innere Gestaltung suggeriert ebenfalls Transparenz, Hosch bescheinigt ihr gar einen „anti-hierarchischen“ Stil. Man wollte Scheeren gerne Glauben schenken, doch wurde das Dilemma der Architektur gerade im Verlangen Scheerens, auf der „guten“ Seite zu stehen, besonders deutlich. Das Dilemma, seine Baukunst unter Beweis zu stellen und abenteuerliche Entwürfe zu realisieren – und dabei seine Kunst zum Preis der Mittäterschaft verkauft zu haben: Wer würde sich eine solche Tat eingestehen? Scheeren und von Gerkan jedenfalls nicht. Eher wurden hier Selbstüberschätzung und die Überschätzung von Architektur offenbar.

Wie mit dem moralischen Anspruch an Architektur umgehen?

Matthias Sauerbruch relativierte den konstatierten Einfluss von Architektur auf politische Prozesse. Er reflektierte die Unterscheidung in demokratische versus despotische Ästhetik als Scheindebatte. Zwar könnten sich demokratische Strukturen in Networking- oder strukturrealistischen Bauweisen niederschlagen – aber das können auch alle anderen politischen Formationen. Dieser Einwurf ist als kritische Antwort auf Scheerens Transformationsargument zu lesen.

Leider wird er nicht weiter verfolgt, aber dennoch bildeten Sauerbruch, Hosch und Allman in diesem Sinne die (selbst)kritische Achse des Abends, weil sie im Anschluss an ihre Reflexion monierten, dass die moralische Frage der Architektur nicht mit ästhetischer Qualität geklärt werden kann, wie es Scheerer und Gerkan glauben machen wollen. Es ist die Teilnahme am Prozess selbst, die über dem ästhetischen Aspekt als eine politische Entscheidung steht. Selbstkritisch zeigte sich Allmann, der sich zu Bauchschmerzen bekannte, als er für den Arbeitgeberverband Südwestmetall in Reutlingen baute. Angesichts der gigantischen Großprojekte in China, Dubai oder Russland, bei denen es nicht mehr um integrativen Städtebau geht, sondern um Reißbrettejakulation, wirkte Allmanns Eingeständnis fast sympathisch.

Das Symbol ist politisch!

Die Problematik, die sich aus Scheerens oder von Gerkans Engagement in China ergibt, liegt in dem verlogenen Label aus Transparenz, Offenheit und Postmodernität, mit dem sich die autokratische Praxis schmücken darf. Nicht um die demokratische Bauweise geht es, sondern um deren Symbolik. Nämlich sie ist es, die kopiert wird. Dass sie dabei autoritäre Inhalte repräsentiert, wird hinter einer Fassade der Transparenz verschleiert. Die Rolle der Architektur als Mittäterin äußert sich ja gerade in den Symbolen, die sie MachthaberInnen zur Verfügung stellt. Wenn Architektur auch keine politischen Tatsachen schafft, dann sind es immer noch die Symbole, die ihre politische Funktion erfüllen. Und über diese Dimension wurde am Abend leider wenig diskutiert, da sich die Betreffenden stets geschickt hinter ihren Fassaden versteckten: Durchaus transparent, aber sagenhaft nichts sagend.
Das nächste Gespräch zu Architektur und Stadt findet am 2. Mai 2007 im Plenarsaal der Akademie der Künste, Pariser Platz 4 statt.


Die Bildrechte liegen bei der Autorin.


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