Eingeebnete Welt

Cover_Friedman.jpgDie Welt verändert sich durch die digitale Revolution dramatisch schnell. Thomas L. Friedman, neoliberaler Journalist aus den USA, sieht darin fast nur Vorteile. Seine Darstellungen sind dennoch spannend zu lesen. Von Christoph Rohde

Thomas L. Friedman, angesehener Journalist der New York Times, hat mit seinem neuen Buch Die Welt ist flach versucht, die Entwicklungen der Globalisierung zu Beginn des 21. Jahrhunderts aus ökonomischer Sicht darzustellen. Sein Weltbild wird nicht jeder teilen.

Drei Phasen der Globalisierung

Friedman sieht die Globalisierung als langfristigen Prozess an, deren Folgen jedoch erst nach dem abrupten Ende des Kalten Krieges sichtbar wurden. Die politische Voraussetzung für die Durchsetzung weltweiter Prozesse in ökonomischer und kommunikationstechnologischer Hinsicht, die in der „Globalisierung“ kulminieren, verortet der Journalist im Fall des Eisernen Vorhangs. Ein Bewusstsein für die „eine Welt“ sei erst mit diesem globalen politischen Umbruch entstanden.

Der Starjournalist skizziert eine Genealogie dieses Prozesses. Die Globalisierung 1.0 beginnt laut Friedman mit der Entdeckung der neuen Welt durch Kolumbus und dauert bis zum frühen 19. Jahrhundert an. Hier ist der Wettbewerb der Nationalstaaten die Triebfeder, die zu Wettbewerb und technischer Innovation führt.

Die zweite Phase verlegt er in die Periode von 1800 bis zum Jahr 2000. Die Weltwirtschaftskrise und die Weltkriege sieht er als Unterbrechungen innerhalb dieser Phase, in der die Interessen der Nationalstaaten durch die Kalkulationen multinationaler Konzerne abgelöst werden. Technologische Durchbrüche in der Hardware spielen hier die zentrale Rolle – die Erfindung und Nutzung von Eisenbahn, Telefon, Auto und Flugzeug.

Globalisierung (3.0) ist die Welt des Individuums. Nicht mehr die großen sozialen Einheiten, sondern die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten, bedingt durch nie gekannten und vereinfachten Technologietransfer für eine breite Masse zeichnen diese gerade erst begonnene Phase aus.

Gute Darstellung der digitalen Revolution

Das, was die „flache Welt“ für Friedman ausmacht ist, die globale Verbreitung des Personalcomputers sowie die Verbundenheit dieser über Glasfaserkabel, so dass es für Millionen von Individuen möglich geworden ist, auf immer mehr digitale Inhalte problemlos zuzugreifen. Die damit verbundene totale Arbeitsteilung kulminierte unlängst in der massiven Nutzung von Workflow-Software, die die Auslagerung einzelner Arbeitsprozesse in Länder mit einer besseren Kostenstruktur möglich macht. SAP ist hier als führendes Unternehmen zu nennen, welches eine Software zur ortsunabhängigen und echtzeitigen Durchführung verschiedener Arbeitsprozesse entwickelte.

Der Journalist beschreibt, welche Faktoren die globale Durchsetzung von Computertechnologie ermöglichten: Die Herstellung von PCs mit einfachen Benutzeroberflächen, die neue Konnektivität durch das Internet ab, die Entwicklung von Universalbrowsers wie Apache, die die Darstellung der Inhalte des Webs ermöglichten sowie die ständige Weiterentwicklung von einfachen Softwaresystemen nach dem Open Source-Prinzip. Jeder kann damit einerseits kostenlos an gute Software kommen und diese auch weiterentwickeln helfen. Von zentraler Bedeutung war auch die Harmonisierung der Entwicklungsstandards durch die Schriftsprachen HTML.

Implizit vermutet Friedman durch diesen Prozess eine stetige Demokratisierung und Liberalisierung der Welt. Insgesamt kommt die Tatsache zu kurz, dass über mittlere Frist weiter vier Fünftel der Weltbevölkerung aufgrund fehlender Infrastrukturen von den Früchten der digitalen Revolution ausgeschlossen bleiben.

Prozesse globaler Arbeitsteilung

Die globale Arbeitsteilung führt dazu, dass Produkte in ihren Einzelteilen in vielen verschiedenen Ländern gefertigt werden. Einfache Arbeiten können outgesourct werden. Der Verlust von Industriearbeitsplätzen in klassischen Industrieländern stellt für einen Neoliberalen wie Friedman kein Problem dar, denn die freigesetzten Arbeitskräfte sollten sich weiter spezialisieren, um Arbeiten hoher Qualität verkaufen zu können. Für einen fünfzigjährigen Arbeiter ist dieses evolutionsökonomische Modell kein Trost. Sich dem neuen Druck anzupassen ist für ihn der einzige Weg – Friedman lehnt einen neuen Protektionismus ab.

Das Insourcing ist ein Prozess, bei dem Versandfirmen wie UPS nicht nur Transporte übernehmen, sondern auch typische Reparaturleistungen beispielsweise für Computerdienstleistungen erstellen, um Transportwege und Zeit zu sparen. Große Firmen übernehmen bestimmte Teilaufgaben für kleinere Firmen, um sie globalisierungstauglich zu machen. Die Herstellung einer zuverlässigen Wertschöpfungskette durch ein vernetztes Bedarfsermittlungssystem, das die reale Nachfrage feststellt, hat Wal Mart enorme Wettbewerbsvorteile eingebracht. Dass mit totaler Rationalisierung auch ethische Maßstäbe in Gefahr geraten, verleugnet Friedman nicht. Auf Dauer rechneten sich unethische Praktiken aber nicht, lautet sein allzu simpler Abgleich.

Insgesamt wirkt das Buch manchmal wie eine Werbebroschüre für US-amerikanische Konzerne – von IBM bis FedEX. Der Amerikanozentrismus bleibt nicht verborgen. Friedman ist wohl zu oft Business-Class geflogen, um den Zustand der amerikanischen Gesellschaft selbst nüchtern bewerten zu können. Dennoch: Seine Anstöße sind wichtig und im Zusammenhang dargestellt, so dass es nicht reicht, einen blinden Anti-Globalismus Lafontainscher Provenienz entgegen zu setzen.

Individuelle Eigenschaften notwendig

Bevorzugt der Prozess der Einebnung der Welt die kognitiv Begabten und lässt die anderen Menschen alt aussehen? Ist es eine Welt, in der das Funktionieren des Individuums über allem steht? Nein, sagt Friedman überraschenderweise. Für ihn sind es Faktoren wie Leidenschaft, Kreativität und Neugier, die Menschen verschiedener Herkunft die Chance geben, vom Kuchen des Globalisierungsgewinns ein Stück abzubekommen. Am Beispiel Indien demonstriert er, wie sich Menschen in Bangalore im Call-Center hochgearbeitet haben und dann zu erfolgreichen Unternehmern, geradezu zu „global playern“ wurden.

11/9 oder 9/11

Die radikal unterschiedlichen Einstellungen zur Globalisierung fängt Thomas Friedman ein mit dem Bild zweier Daten, die die Nebenfolgen dieses gesellschaftlichen und technischen Entwicklungsprozesses geradezu symbolisieren. Während der 9.11.1989 für den Mauerfall und den Zugewinn an Freiheit steht, sind mit 9/11 Angst, Destruktivität und Terror zu assoziieren. Während die Kommunikationsrevolution Bildung und Aufklärung fördern und somit emanzipierend wirken kann, stellt sie auch atavistischen Systemen und zerstörerischen Ideologien modernste Hilfsmittel zur Durchsetzung ihrer Ziele bereit.

Doch den größten Fehler wirft Friedman der Bush-Administration vor. Diese exportiere Angst und zerstöre das Image der Hoffnung, das die USA bis dato getragen hätten. Den schmalen Grad zwischen Vorsicht und Paranoia hätte diese Regierung verfehlt. Je mehr Erfolgsgeschichten die Globalisierung auch in den bisher benachteiligten Ländern schreibt, desto geringer wird das Potenzial für destruktiven Terrorismus, glaubt Friedman.

Flach oder oberflächlich?

Die Welt ist flach – man kann den Titel des Buches so oder so interpretieren. Die totale Kommerzialisierung, die mangelhafte Berücksichtigung von gewachsenen Kulturen, Geschichte und tieferem Wissen bleiben als problematische Rückstände dieser dynamischen Globalisierung stehen. Wollen die Menschen tatsächlich nur nach Produktivität und Funktionalität beurteilt werden?

Friedman gibt gute Anstöße – besonders lehrreich ist seine sehr praktische Schilderung des Verlaufs der digitalen Revolution und ihrer Folgen. Andererseits wirkt es so, als schreibe der Starjournalist als PR-Agent für amerikanische Firmen, die besonders von der Globalisierung profitieren. Das Buch hat bereits starke Reaktionen ausgelöst – es ist für ein breites Publikum zu empfehlen, denn es fordert zu einer Stellungnahme auf.

Friedman, Thomas L,

Die Welt ist flach – Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts,

(2006), Frankfurt/M, Suhrkamp Verlag,

720 S., 978-3518418376. 26,80 Euro


Die Bildrechte liegen beim Suhrkamp Verlag. Der Verlag im Internet.


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Ein Kommentar auf “Eingeebnete Welt

  1. Gut, dass das Buch zur Rezension aufgenommen wurde, weil es in den USA in keiner Buchhandlung in der Auslage fehlt. Der Autor hat beide Seiten, die der Titel zur Interpretation zulaesst dargestellt. Anzumerken waere, dass Friedmans Kompendium fuer amerikanische Verhaeltnisse erfreulicherweise ueberdurchschnittlich umfangreich ausfaellt. Mit „Friedman ist wohl zu oft Business-Class geflogen, um den Zustand der amerikanischen Gesellschaft selbst nüchtern bewerten zu können. “ hat der Autor einen die Perspektive Friedmanns beeinflussenden Faktor gut erkannt.

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