Eine gesamtdeutsche Nation zu Zeiten des eisernen Vorhangs?

21. Nov 2007 | von Yahya Abu-Yahya | Kategorie: Politisches Buch

coverwiederkehr.jpgZu den Beziehungen zwischen den beiden Staaten des geteilten Deutschlands ist bereits viel geschrieben worden, jedoch zumeist nur über das, was die Bundesrepublik und die DDR voneinander trennte. Peter Bender bringt nun ihre Gemeinsamkeiten zum Vorschein. Von Yahya Abu-Yahya

Gab es in der Zeit zwischen 1945 und 1990 eine gesamtdeutsche Nation, die über die Grenzen des Kalten Krieges hinweg in den Herzen und Köpfen der Deutschen und ihrer politischen Verantwortungsträger existierte? Das ist die entscheidende Frage, die Peter Bender in seinem flüssig geschriebenen Buch Deutschlands Wiederkehr zur neueren deutschen Geschichte erörtert. Seine Antwort ist von den ersten Seiten an klar: Es gab dieses Deutschland trotz territorialer Teilung und zunehmender Entfremdung der Bevölkerung voneinander. Die Gründung der beiden Staaten erfolgte auf Initiative und unter den politischen Vorraussetzungen der jeweiligen Besatzungsmächte. Also wurde der deutsche Westen demokratisch und marktwirtschaftlich, der Osten dagegen sozialistisch. Dennoch hatten beide Staaten laut Bender mit derselben, unmittelbaren Geschichte, der militärischen, politischen und vor allem moralischen Niederlage Deutschlands durch die Wirren des Nazi-Regimes zu kämpfen.

BRD und DDR als „symmetrisch aufeinander ausgerichtete“ Bruderstaaten

Diese gemeinsame Geschichte führte laut Bender dazu, dass angesichts ähnlicher Probleme die Führungseliten der deutschen Staaten auch auf ähnliche Lösungen zurückgriffen. Da zum Beispiel ein deutscher Patriotismus als Legitimations- und Identifikationsfaktor durch die Nazi-Zeit diskreditiert war, beriefen sich die Deutschen in verstärktem Maße auf die neuen Staatsideologien. Die Bonner Führung wollte betont demokratisch und westlich sein, während Ost-Berlin eine Vorreiterrolle im Sozialismus anstrebte.

Diese „Symmetrie“, so der Autor, bestimmte auch das Verhältnis untereinander. Da beide Lager ihr Staatsmodell als das einzig Mögliche zur Verhinderung einer Wiederkehr des Nationalsozialismus betrachteten, hegten sie einen Alleinvertretungsanspruch, der eine Verständigung zunächst ausschloss. Während zum Beispiel Frankreich und Polen sich zwar in verschiedenen Lagern des Kalten Krieges befanden, aber selbstverständlich normale diplomatische Beziehungen miteinander pflegten, war dies für die Bundesrepublik und die DDR anfangs nicht möglich.

Vom Alleinvertretungsanspruch über die Ostverträge zur Wiedervereinigung

Die in den frühen 70er Jahren abgeschlossenen Ostverträge änderten dies jedoch. Es gab zwar keine offiziellen diplomatischen Beziehungen, doch inhaltlich einen Status, der dem sehr nahe kam und auch dazu führte, dass die deutschen Staaten endlich in die Vereinten Nationen eintreten konnten. Im Zuge der in der Bundesrepublik sehr heiß geführten Diskussionen um die Ostverträge war Bender in seiner damaligen Funktion als Korrespondent des WDR in Ostberlin einer der größten Verteidiger der Brandtschen Politik des „Wandels durch Annäherung“.

300px_Berlinermauer.jpgDie Argumentation zugunsten der Verträge und eine detailreiche, mit Anekdoten gespickte Beschreibung von deren Zustandekommen nehmen auch einen großen Teil des Buches ein. Der Autor weist hierbei deutlich darauf hin, dass die Abkommen vor allem deswegen notwendig gewesen seien, weil die gemeinsame Geschichte bis 1945 nicht ewig ausgereicht hätte, um ein Fortbestehen einer gesamtdeutschen Nation zu sichern. Die physische und psychische Trennung der Deutschen voneinander hatte soweit wie möglich gelindert werden müssen, bis die weltpolitische Lage eine Wiedervereinigung zuließ.

Diese Lage änderte sich auch in den 80er Jahren und – obwohl er gerade durch seine Beteiligung an den Debatte der späten 60er und frühen 70er Jahre als dezidierter Gegner der CDU gilt – gesteht Bender Helmut Kohl seine entscheidende Rolle bei der Wiedervereinigung zu und lobt diesen auch dafür. Er beschwert sich jedoch darüber, dass der Einigungsprozess größtenteils über die Köpfe der ostdeutschen Bevölkerung hinweg durchgeführt wurde und dies zur vielzitierten „Mauer in den Köpfen“ geführt habe.

Fundierte Darstellung trotz offener Fragen

Insgesamt handelt es sich bei Deutschlands Wiederkehr, in dessen Anhang sich eine ausführliche Zeittafel befindet, um ein sehr gut zu lesendes, weil spannend geschriebenes Buch, mit zahlreichen Innenansichten und Details aus den Machtzentren. Was jedoch zu wünschen übrig lässt ist, dass man nach der Lektüre zwar weiß, dass Bender der Meinung ist, dass die deutsche Nation während der Teilung fortexistierte, die Frage nach dem Warum aber schwammig bleibt.

Es bleibt beim Postulat der Besonderheit der deutsch-deutschen Beziehungen. Diese These wird aber schlüssig untermauert und chronologisch entlang der Geschichte von 1945 bis 1990 mit einzelnen Beispielen belegt. Dies lässt sich jedoch auch als Kritikpunkt auffassen, da die dauernde Erwähnung der Besonderheit der Beziehungen zwischen BRD und DDR durch ihr gemeinsames Erbe und die daraus resultierende Symmetrie ihrer Handlungen doch etwas redundant erscheint.

Bender, Peter

Deutschlands Wiederkehr.

Eine ungeteilte Nachkriegsgeschichte 1945-1990

(2007), Klett-Cotta, Stuttgart

325 Seiten, ISBN 978-3-608-94466-2, 23,50€



Die Bildrechte liegen beim Klett-Cotta Verlag (Buchcover) bzw. bei Thierry Noir (Foto der Berliner Mauer).


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