Ein großer Kaiser – ein großer Europäer?

Cover_Barbero.jpgEinen Blick in die Entstehungszeit Europas wagt Alessandro Barbero mit seiner Biographie Karls des Großen. Eine lesenswerte Einführung ins frühe Mittelalter mit einigen Mängeln bei den “Extras”. Von Sören Sgries

Die Gattung der Kaiserbiographien ist so alt wie der Herrschaftstitel selbst, und so blicken natürlich auch auf Karl den Großen (742-814), den berühmtesten Herrscher der Franken, zahlreiche Schriften zurück. Eine erste ausführliche Biographie legte der Hofgelehrte Einhard mit der “Vita Caroli Magni” vor. Im Jahr 835 war das, gut zwei Jahrzehnte nach dem Tod des Kaisers, und ganz in der antiken Tradition eine einzige Lobrede auf Karl. Jetzt, fast 1200 Jahre später, veröffentlicht der italienische Historiker Alessandro Barbero seine Kaiserbiographie. Karl der Große. Vater Europas kombiniert die Lebensgeschichte mit einer umfangreichen Darstellung der mittelalterlichen Lebenswelt. Wirtschaft, Kultur und Alltag finden hier ebenso ihren Platz wie die Schilderung der Politik des Herrschers.

Das Leben des großen Frankenkaisers

Der Franke Karl wurde vermutlich 742 geboren. Das Geschlecht der Karolinger bzw. Pippiniden, dem er angehörte, diente schon seit langem den merowingischen Königen als Hausmeier, eine Art oberster Minister. Karls Vater, Pippin der Jüngere, erlangte 751 die Königswürde, nachdem Papst Zacharias ihm bestätigt hatte, dass derjenige König genannt werden sollte, der tatsächlich die Macht im Land habe. Karl übernahm also nach dem Tod des Vaters 768 ein junges Reich und eine junge Herrschaft, die zunächst gefestigt werden mussten. Auch wenn er nominell mit der Kaiserkrönung im Jahre 800 den Höhepunkt seiner Macht erreicht hatte, musste er doch bis zu seinem Lebensende 814 regelmäßig Feldzüge organisieren.

“Der Große” – dieser Beiname scheint aus heutiger Sicht die politische und historische Bedeutung Karls hervorzuheben. Tatsächlich ist die Erklärung jedoch banaler: Schon zu Lebzeiten wurde “Karolus Magnus” gehuldigt, weil dieser Kaiser einfach seine Umgebung überragte. Bei einer durchschnittlichen Körpergröße der Männer von 1,65 Metern war Karl eine imposante Erscheinung. Stolze 1,92 Meter muss er gemessen haben, ergab eine nachträgliche Rekonstruktion anhand seines Skelettes, das im Aachener Dom begraben liegt (Bild links). Auch heute noch wäre Karl ein stattlicher Mann, damals erschien er als wahrer Hüne.

Etikettenschwindel mit dem “pater Europae”?

Als “Vater Europas”, pater Europae, bezeichnete schon 799 ein zeitgenössischer Dichter den König im “Paderborner Epos”. Barbero knüpft an diese Bezeichnung an, doch hier offenbart sich auch die erste Schwachstelle seiner Arbeit: Nur ein einziges kurzes von insgesamt 14 Kapiteln widmet der Autor seiner Titelthese. Sicherlich hat sich unter Karl der Fokus der Herrschaft verschoben, nicht mehr das Mittelmeer war Zentrum der Politik, sondern der Raum um das heutige Frankreich, Deutschland und Norditalien, den wir auch heute als Kerneuropa sehen. Aber reicht das, um dem gesamten Buch den europäischen Stempel aufzudrücken? Die Reform der Goldwährung mit der Einführung des Euros gleichzusetzen, Reformen im mittelalterlichen Kirchen- und Bildungswesen mit Reformen der heutigen europäischen Hochschullandschaft zu vergleichen, wie es im Klappentext geschieht, scheint weit hergeholt. Dem Autor selbst muss zugute gehalten werden, dass er im Text selbst wesentlich dezentere Verbindungen zieht. Ein verkaufsfördernder Etikettenschwindel von Verlagsseite also, um zum 50. Jahrestag der Römischen Verträge auf einer Welle der Europa-Euphorie mitzuschwimmen? Sieben lange Jahre brauchte es, bis die Übersetzung des italienischen Originals Carlo Magno, Un padre dell’Europa auf dem deutschsprachigen Markt erschien.

Umfangreich und anschaulich

Insgesamt verdient das Werk Barberos jedoch Lob. Immer in Verbindung zum Leben Karls des Großen gibt er einen umfassenden Überblick über das frühe Mittelalter. Die Kriegszüge, die Karl regelmäßig führte, um sein Reich zu vergrößern und zu befrieden, gegen Sachsen und Langobarden, gegen Awaren und Muslime, werden ausgiebig betrachtet, die politischen Institutionen werden kurz, aber umfassend erläutert. Das Steuerwesen, die Organisation und Bedeutung der Kirche, die Wirtschaftsordnung – alles findet ausreichend Platz.

Das besondere Verdienst des Autors: Nie werden seine Ausführungen langweilig. Zu jedem Bereich findet er Berichte und Anekdoten, die die vermeintlich trockene Historie lebendig werden lassen. Aus dem Leben des Königs weiß Barbero zum Beispiel zu berichten, wie Karl aus Unmut über die prunkvollen Seidengewänder seines Hofstaats alle seine Männer zur Jagd befahl – ohne ihnen zu erlauben, sich umzuziehen. Erst als die zarten Stoffe vollkommen zerschlissen waren, beendete er die Jagd und prahlte voller Stolz mit seiner robusten Lammfelljacke.

Empfehlenswerter Einstieg…

Wer eine datenorientierte Biographie des Kaisers Karl sucht, wird sicherlich Besseres auf dem Markt finden. Wer jedoch eine unterhaltsame Einführung in das frühe Mittelalter zur Zeit Karls des Großen sucht, wer sich nicht zufrieden gibt mit einer Herrschaftsbeschreibung, sondern Informationen zum Leben in der Zeit insgesamt sucht und den Menschen Karl erahnen möchte, der sollte bei Barbero zugreifen. Selbst die durch schriftliche Quellen schwer zu erfassende Lebenssituation der einfachen Bauern und Sklaven versucht er zu vermitteln, indem er archäologische Funde auswertet.

Dieses Buch ist eine ansprechende Einführung für den historisch interessierten Laien, zahlreiche Quelltexte werden in flüssiger Übersetzung in den Text eingeflochten, auf 400 Seiten werden die historischen Fakten unterhaltsam und erhellend aufbereitet. Den tieferen Einstieg in das Thema ermöglicht das ausführliche Literaturverzeichnis, das neben zahlreichen Quellen auch auf Forschungskontroversen verweist.

… trotz Mängeln bei den “Extras”

Deutliche Mängel weisen jedoch die “Beigaben” auf: Neben einem – bestimmt sinnvollen, aber für den engen Zeitraum nur begrenzt notwenigen – Stammbaum der Pippiniden/Karolinger, hat der Verlag dem Text nur eine einzige Karte beigefügt. Diese zeigt die Entwicklungen zwischen 768-843, bis zur Reichsteilung von Verdun zwischen den drei Enkeln Karls. Um die komplizierten Grenzverschiebungen und Unterteilungen des Reiches während der Herrschaft Karls nachvollziehen zu können, reicht das jedoch nicht aus. Gerade die Beschreibung der Feldzüge hätte durch Kartenmaterial noch mehr an Anschaulichkeit gewonnen. Bedauerlich auch die Ausstattung mit Bildmaterial: Neben dem üppigen Schutzumschlag mit Kaiserkrone, kaiserlicher Unterschrift und Porträtbild bietet der Band leider – nichts! Gerade für ein Buch mit dem Potenzial, Laien für die Geschichte zu begeistern, ein nahezu unverzeihlicher Mangel.

Barbero, Alessandro,

Karl der Grosse. Vater Europas

(2007), Stuttgart, Klett-Cotta,

452 Seiten, ISBN 978-3-608-94030-5, 32 Euro


Weiterführende Links:

Linksammlung der Eberhard Karls Universität Tübingen zu den Karolingern

Homepage des “Vereins zur Erhaltung des Hohen Doms zu Aachen e.V.” mit zahlreichen Fotos


Die Bildrechte liegen beim Klett-Cotta Verlag (Buchcover) und liegen beim Autor (Aachener Dom).

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