Der kontroverse Widerständler

Cover_Stauffenberg.jpgNicht nur der von Tom Cruise gedrehte Film Stauffenberg bringt den deutschen Widerstandskämpfer zurück ins Rampenlicht, sondern auch die Neuauflage der klassischen Biographie Peter Hoffmanns. Von Christoph Rohde

Mit der Neuauflage seines Biographie-Klassikers Claus Schenk Graf von Stauffenberg ist es Peter Hoffmann gelungen, zusätzliches Licht in den Mythos „Deutscher Widerstand“ hineinzubringen. Der Leser sollte jedoch auch Interesse an Militärhistorie mitbringen.

Das Attentat Stauffenbergs auf Hitler wird in Deutschland als das Leitbild für Ideale benutzt, auf die sich verschiedene Gruppen innerhalb der Bundesrepublik berufen, unter anderem die Bundeswehr. Doch bei dieser Einordnung ist Vorsicht geboten. Denn wie sich herausstellen wird, stellt die Figur Claus Schenk Graf von Stauffenbergs in vielfacher Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung dar.

Familienaristokratie seit den Staufern

Die Familiengeschichte der Stauffenbergs geht bis ins Zeitalter der Stauferkönige zurück. Ihre Dynastie hatte seit Jahrhunderten regierenden Monarchen wie den Grafen von Zollern, dem König von Bayern oder Württemberg gedient, so dass die Familie Stauffenberg das Ende der Monarchie Ende 1918 als tiefe Zäsur in ihrer Familienhistorie empfanden, wie Hoffmann zeigt. Dennoch blieb das aristokratische Blut in den drei Brüdern Alexander, Berthold und Claus lebendig: Wie selbstverständlich beanspruchten alle drei einen Platz in Führungspositionen im deutschen Staatsdienst.



Der Zauber des Schriftstellers Stefan George und das „geheime Deutschland“

Von unglaublich tiefer Prägekraft war der Einfluss des Dichters Stefan George auf die Brüder Stauffenberg. Denn George bestärkte sie in ihrer aristokratischen Auserwähltheit. Claus, vom Dichter inspiriert, dichtete selbst und sah sich und seine Erben als „des Staufers und Ottonen blonde Erben“. George vertrat die Idee eines mystischen „geheimen Deutschland“, welches sich als geistiges Reich charakterisieren sollte.

Denker wie Hölderlin und Heine wurden zu Rate gezogen, um die Reinheit einer germanisch-geistigen Überlegenheit zu konstruieren, aus der sich allerdings kein militärischer Imperialismus ableiten ließ. Aber, so der Biograph, für die Stauffenberg-Brüder war George ihr Führer. Und politisch empfand Claus Stauffenberg den Versailler Vertrag als gegen Deutschland begangenes und zu korrigierendes Unrecht. Die Weimarer Republik betrachtete er mit Skepsis. Erst durch die Erkenntnis der „Früchte“ des Hitlerschen Totalitarismus wusste Stauffenberg die Leistungen der Sozialdemokraten im Widerstand posthum zu würdigen.

Das Organisationstalent

Portrait_Hoffmann.jpgHoffmann (Foto links) schildert in allen Details die Leistungen und Begrenzungen der deutschen Kriegführung. Er stellt schonungslos heraus, dass die primäre Motivation Stauffenbergs zum Widerstand gegen Hitler in dessen militärstrategischem Dilettantismus lag. Stauffenbergs Ideale waren militaristischer Natur. Claus war stolz auf seinen Ahnen August Neidhardt von Gneisenau, den preußischen Heeresreformer. Der Militarismus war fester Bestandteil des Denkens der Eliten in Deutschland. Aber im Sinne des jus in bello wurde der Krieg als ehrenvolle Aufgabe und das Sterben als notwendiges Heldenopfer betrachtet. Außerdem war für Stauffenberg der Krieg eine Sache soldatischer Expertise ohne den unnötigen Einbezug der Zivilbevölkerung.

Bereits auf den Militärakademien, aber auch bei der Durchführung der logistisch komplexen Aufgabe der Versorgung der Militäreinheiten im Krieg, vor allem in Afrika, erwies sich Stauffenberg als Meister der Organisation, wie Hoffmann an klaren Beispielen belegt. Im Afrika-Feldzug erlitt der Adlige die Verletzung, die seine Handlungsfähigkeit beschränkte, nicht jedoch seinen Willen zum Handeln. Deshalb war er auch erster Kandidat für die Organisation des Attentats auf Hitler.

Die inneren und äußeren Aspekte des Putsches

Der Leser erfährt, wie verworren die Planung des Putsches vonstatten ging. Es fanden sich wenige, die zum Tyrannenmord bereit waren. Dabei spielten weniger christliche Überzeugungen denn militärische Loyalitäten eine Rolle. Stauffenberg hingegen sah sich zum Attentat verpflichtet, da der „Führer“ seine Treue zum deutschen Volk gebrochen habe und das Volk damit nicht mehr an den Eid gegenüber dem Führer gebunden sei.

Nicht nur die Tatsache, dass manche Attentatsversuche scheiterten – die Serie begann 1939 mit Georg Elsers Anschlagsversuch im Münchner Bürgerbräukeller – sondern auch tragische Ereignisse wie der Ausfall geeigneter Kandidaten durch Kriegsverletzungen, wie zum Beispiel bei Axel von dem Bussche, verhinderten ein frühzeitiges Gelingen des Attentats, dessen Durchführung von Herbst 1943 an immer weiter herausgeschoben werden musste.

Außenpolitisch fand die Widerstandsgruppe wenig Vertrauen bei den relevanten britischen Politikern. An einer bedingungslosen Kapitulation als Kriegsziel der Alliierten ließ sich nicht mehr rütteln. Stauffenbergs Motivation für das Attentat im Juli 1944 war dann auch weniger praktischer Natur, sondern von symbolischer Bedeutung für den Aufbau eines neuen, anderen Deutschland. Die Biographie zeigt auf, wie facettenreich die Operation Walküre gestaltet werden musste – im Dreieck zwischen politischen, militärischen und moralischen Erwägungen.

Neue Erkenntnisse aus russischen Archiven

Neueste Erkenntnisse zu den Beweggründen Stauffenbergs kamen erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ans Licht. Hoffmann konnte im Frühjahr 2006 wertvolle Quellen aus dem Archiv des ehemaligen KGB in Moskau auswerten. Dabei handelt es sich um die Aussagen des Majors Joachim Kuhn aus der Kriegsgefangenschaft. Kuhn war einer der engsten Vertrauten Claus Stauffenbergs und des Generalmajors Henning von Tresckow. Außerdem fanden sich Pläne Tresckows und Stauffenbergs vom September 1943 zur Besetzung der Führerhauptquartiere Hitlers, Görings, Himmlers und Ribbentrops in Ostpreußen.

Die Geschichte des Widerstandes wird detailgetreu nachgezeichnet, doch dem mit militärischen Rängen weniger vertrauten Leser geht dabei manchmal der rote Faden verloren. Aber Hoffmann hilft, ein differenziertes Bild von der Figur Stauffenberg und dem deutschen Widerstand zu entwickeln. Denn die Motive sind vielseitig und variieren von einem tiefen Humanismus über christliche Motive bis hin zu militärstrategischen und politischen Kalkülen, die die Widerständler umtrieb. Deutlich wird, dass ein reines Heldenepos nicht haltbar ist, obwohl Claus Stauffenberg von romantisch-mythischen Heldenidealen tief durchdrungen war.

Wer ein tieferes Wissen über den deutschen Widerstand erlangen möchte, ist in dieser Biographie gut aufgehoben. Es ist zu wünschen, dass viele Interessierte nicht nur den Hollywoodstreifen anschauen, sondern auch diese sehr lesenswerte Biographie in die Hand nehmen werden.

Hoffmann, Peter,

Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Eine Biographie,

(2007), München, Pantheon Verlag,

720 S., ISBN 978-3-570-55046-5, 14,95 Euro



Die Bildrechte liegen beim Pantheon Verlag.



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